Aufstiegsverweigerer Karriere? Ohne mich!

Boris Schmalenberger

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3. Teil: Als Idealist verspottet: Ein Banker, dessen Herz links schlägt


Als ersten Schritt hat Wissenschaftler Korotov deshalb 900 Führungskräfte in spe aus den ESMT-Weiterbildungsprogrammen nach den Gründen für die Scheu vor dem Aufstieg gefragt. Am häufigsten genannt wurden: keine Lust auf Personalverantwortung, interne Ränkespiele und Administration, gefolgt von "besserer Work-Life-Balance" und "Sorge um den Verlust professioneller Identität".

Dirk Panter, 38, jedenfalls will seine professionelle Identität so schnell nicht wieder aufgeben. Schließlich dauerte es einige Jahre, bis sie ihm überhaupt bewusst wurde. Jahre, in denen der studierte Verwaltungswissenschaftler, gebürtiger Badener, einen Topkarrieretraum lebte: als Banker bei J. P. Morgan. Dicke Spesen, dickeres Gehalt und der Schlafsack im Büro. Work hard, play hard.

Panter galt als Hoffnungsträger, in Beurteilungen gehörte er zum besten Drittel, legte zusätzlich die schwierige Prüfung zum Chartered Financial Analyst ab. Die Beförderung zum Vice President stand in Aussicht. "Ich liebte meinen Job, aber ich fragte mich auch: Ist das schon alles - der Rendite nachjagen?" Die langen Nächte, die interne Routine und die Geburt seines ersten Kindes brachten ihn zusätzlich ins Grübeln.

Mitten ins Sinnieren platzte ein Angebot der SPD, man suchte einen Landesgeschäftsführer, in Sachsen, ausgerechnet. Panter hatte in Leipzig studiert und 1999 im Wahlkampf geholfen. Nun erinnerte sich der Landesverband, finanziell und organisatorisch in der Klemme, des Bankers, dessen Herz links schlägt. Panter machte sich die Entscheidung nicht leicht, sein Gehalt würde gewaltig schrumpfen, die Familie umziehen müssen. Schließlich sagte er zu, im September 2006 fing er an, 2007 wurde er Generalsekretär, 2009 in den Landtag gewählt.

Gestalten schon, aber bitte gemütlich

Wenn Panter redet, klingt der sonnige Singsang Badens durch, doch in der Sache ist er Sozialdemokrat, nicht Sozialromantiker. "Ich bin der meritokratische Typ", sagt er, "mein jetziger Job ist sicher nicht einfacher als der vorherige, auch nicht weniger arbeitsintensiv, aber er schafft gesellschaftlichen Mehrwert." Nicht selten wird er als Idealist verspottet, was die Sache nicht trifft. Panter ist eben einer dieser Menschen, die sich im Organisieren, Entwerfen und Entscheiden wohlfühlen wie ein Elefant während der Staubdusche.

Bei J. P. Morgan war die Herausforderung, klüger und schneller als die klügsten und schnellsten Absolventen zu sein. Bei der Sachsen-SPD ist es das Ziel, tief in der sozialdemokratischen Diaspora doch noch etwas zu reißen. "Strukturen schaffen, Dinge vorantreiben, das reizt mich." Panters professionelle Identität ist die des Machers. Wenn möglich, etwas mit Sinn. Die Bank, allem "Master of the Universe"-Raunen zum Trotz, konnte ihm das damals nicht bieten.

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Umfrageergebnisse: Es muss nicht immer Aufstieg sein
Mit dem Wunsch, über den Beruf die Gesellschaft etwas besser zu machen, ist Panter unter Gleichaltrigen eher Exot. Die nachfolgende Generation selbstbewusster "Digital Natives" dagegen versteht sich als Bannerträger der Sinnsuche im Job - die klassische Karriere betrachtet sie zunehmend verständnislos.

Die Generation Y will gestalten, aber nur im kleinen, gemütlichen Rahmen. In der Studie von Professor Wottawa ist der Anteil der Absolventen, die Macht und Status im Beruf anstreben, im Vergleich zu 2003 stark gefallen. Doch es hapert nicht nur am Wollen, auch am Können: Die Werte für Stressresistenz und Problemlösebereitschaft sanken ebenfalls deutlich: Etwas bewegen? Sehr gern - aber bitte ohne Befehle und Konflikte.

Einer hat die Krone auf, nur ist die aus Pappe

Oft Einzelkinder, von Geburt an mit Aufmerksamkeit und Aufmunterung überhäuft, gewohnt, Autoritäten zu hinterfragen, und auf dem Arbeitsmarkt umworben wie kaum jemand vor ihr, präsentiert sich die Kuschelgeneration in Führungsfragen wie eine Mischung aus Kommune 1 und Geburtstagsparty bei McDonald's: Alle haben Spaß, zwar hat einer die Krone auf, aber die ist erstens aus Pappe und zweitens auch nur Spaß.

Familie und Freunde rangieren bei den notorisch mit Anerkennung überhäuften Trophy Kids in vielen Erhebungen deutlich vor beruflichem Aufstieg. In einer aktuellen Kienbaum-Umfrage landen Family & Friends mit 71 Prozent auf Platz eins der wichtigsten Werte, Selbstverwirklichung auf Platz zwei (48 Prozent), und Bronze geht an "Erfolg und Karriere" mit 43 Prozent. Klar, sie klotzen ran im Job, übernehmen auch mal inhaltlich Verantwortung, doch es "steht nicht mehr zwingend das Erreichen der nächsten Hierarchiestufe im Vordergrund", wie Jens Plinke sagt, Leiter Employer Branding bei Henkel. "Die Freude an der eigenen Arbeit treibt sie an." Oder der Wunsch nach der Betriebs-Kita.

Selbstverwirklichung schlägt Gestaltungsdrang, der Job wird Lifestyle: Spannend, abwechslungsreich und sinnvoll muss die Aufgabe für die Ypsiloner sein; Führung findet sich, wenn überhaupt, ganz unten auf ihrer Wunschliste. "Die jungen Menschen suchen durchaus die Herausforderung. Aber das Arbeiten an Sachthemen ist ihnen oft wichtiger als Personalverantwortung", sagt Audi-Personalvorstand Thomas Sigi, der die Ypsiloner bei Audi - immerhin jeder Fünfte - zu ihrer Motivation befragen ließ.

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tempus fugit 27.08.2012
1. 4. Teil: Warum das eigene Können für Aktionäre verschwenden?
Genau um diese Frage geht es! Sich zum Goldesel 'verfeinern' lassen - für was, für wen? Und in den allermeisten Fällen dann, wenn der Esel kaputt ist, frei nach Shakespeare: "Der ausgebrannte Mohr kann gehen!"
tinu76 27.08.2012
2. Arbeit
Musste das selber mit meiner jetzigen Frau ausdiskutieren. Ihrer Meinung nach, sollte ich duch Aus- und Weiterbildungen Karriere- und Lohnmässig Schritt für Schritt aufsteigen. Ich wollte meine, ohnehin schon langen, Präsenzzeiten wegen des höheren Lohnes nicht noch mehr in die Länge ziehen. Ausserdem bedeutet mehr Verantwortung mehr Arbeit = weniger Freizeit, vorallem auch Arbeit zu Hause nach Feierabend. Da ist dann selbst am Wochenende nix mit abschalten, was nicht gerade förderlich für Beziehungsleben ist. Zum Glück gibts auch noch Frauen, die nicht nur des Geldes wegen bei Ihrem Mann bleiben! ;-)
radeberger78 27.08.2012
3. Statement Null Bock 1.0 Generation
Freilich sind es immer die schlausten, die erkennen das Freizeit ein wertvolles Gut ist. Wer hat schon Lust sich den ganzen Tag von irgendwelchen Karrieristen streßen zu lassen, die sollen ihre Arbeit mal schön selber machen. Ich persönlich mache schon seit einem halben Jahr nur noch Halbtags, Geld ist natürlich weniger, aber wenn man die Ansprüche anpasst, ist es voll ok.
Tatsache 27.08.2012
4. So isses
Daran sind die Firmen selber schuld. Nach 10 Jahren in einem DAX-Konzern weiß ich jetzt wie man Karriere macht. Erstens: Erst nach Hause gehen, nachdem der Chef gegangen ist. Zweitens: Dem Chef immer recht geben. Drittens: Im Personalausweis steht unter Geschlecht: "weiblich". Was bei Beförderungen niemals auch nur im entferntesten eine Rolle gespielt hat war fachliche Qualifikation oder generelle Eignung. Wer bei uns pünktlich Feierabend machte, hatte keine Chance, selbst wenn die Arbeitsergebnisse hervorragend waren. Umgekehrt wurden wegen langer Anwesenheit reichlich Leute befördert, deren Leistungen nachweislich schlecht waren. Die guten Leute, die nicht 14 Stunden täglich arbeiten wollen, und in der Regel ihre Arbeit auch in 8 Stunden schaffen, suchen Alternativen oder kündigen innerlich. Fehlleistungen wie die "Energiewende" oder der Berliner Flughafen oder die Finanzkrise oder, oder ... sind auch vor diesem Hintergrund zu sehen.
leser2434 27.08.2012
5.
Prima ! Die Leistungsträger dieses Landes entdecken, dass man die Anforderungen an sich auch selbst bestimmen kann. Das ist aus meiner Sicht eine sehr positive Entwicklung pro Familie und pro Partnerschaft. Für die Firmen heißt es jetzt Umdenken, wenn man wirklich gute Leute optimal einsetzen will. Es wird wichtig werden, Führungsfunktionen so zu gestalten, dass diese Leute sie gerne ausfüllen. Es wird höchste Zeit, dass Führungskräfte nicht mehr an ihren Überstunden gemessen werden, sondern an der Qualität Ihrer Arbeit. Meiner Meinung nach kann man sehr wohl Verantwortung tragen ohne Überstunden, denn das ist alles eine Frage der Stellengestaltung. Damit meine ich gar nicht unbedingt, die Arbeit auf mehrere Schultern zu verteilen, sondern viel mehr, sich die Frage zu stellen "müssen wir wirklich alle Themen bearbeiten ?". Ich persönlich bin auch ein Aufstiegsverweigerer, der sich inzwischen erfolgreich von der firmeninternen Liste der "Potentials" hat streichen lassen. Die Ellenbogenmentalität der Ebenen über mir ist mir völlig zuwider. Auch ich tauschte die mögliche Gehaltssteigerung gegen mehr Freizeit mit der Familie, und bin damit sehr zufrieden.
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