In Kooperation mit

Job & Karriere

Nomadenleben mit Festanstellung »Im Ausland lebe ich viel intensiver als in Deutschland«

Conny Bartl, 38, hat keine Lust, sesshaft zu werden. Alle paar Jahre zieht sie in ein anderes Land. Zurzeit wohnt sie in Doha – und hat einen Job in der Antarktis. Hier erzählt sie, wie die Jobsuche in der Ferne gelingt.
Aufgezeichnet von Kristin Haug
Zwei Frauen in Katar

Zwei Frauen in Katar

Foto: Buena Vista Images / Digital Vision / Getty Images

Viele Menschen träumen von einem Leben in der Ferne, aber nur wenige setzen diese Träume auch um. Was treibt sie an? Wie schaffen sie den Neustart in der Fremde? Davon handelt das neue Buch »Mittagspause auf dem Mekong«  der SPIEGEL-Redakteurinnen Kristin Haug und Verena Töpper. Sie haben Geschichten von Deutschen in 28 Ländern auf sechs Kontinenten gesammelt. Dieser Text ist ein Auszug aus ihrem Buch, das ab diesem Montag im Handel erhältlich ist.

»Als meine Freunde in Bayern Bausparverträge abgeschlossen, geheiratet und Kinder bekommen haben, bin ich fast jedes lange Wochenende durch Asien gereist. Ich hatte gerade meinen ersten Job in Shanghai als Sales Manager eines Fünfsternehotels begonnen, und meine Freunde dort wollten genau wie ich viele neue Orte kennenlernen.

Ich war Anfang zwanzig und wurde als blonde junge Frau noch von vielen Chinesen angestarrt, manche machten Fotos mit mir, und Mütter fragten mich, ob ich ihr Baby halten könnte, weil sie es toll fanden, dass eine Europäerin es auf dem Arm hat, das war etwas Außergewöhnliches. Ungefähr 15 Jahre ist das jetzt her. Ich liebte Shanghai damals, alles war in Bewegung, ständig war etwas los.

Doch nach drei Jahren begann ich, die Natur und die Ruhe zu vermissen. Als mich die Brunches und Massagen in den Luxushotels nervten, wusste ich, dass ich woanders hinmusste. Ich bin damals für zwei Wochen nach Australien geflogen, stieg in Melbourne aus dem Flugzeug aus und sah zum ersten Mal seit Jahren wieder knallblauen Himmel. Ich verliebte mich sofort in diese grüne Stadt am Meer mit dem europäischen Flair, und mir war klar: Hier will ich leben. Also beschloss ich, meinen Urlaub dafür zu nutzen, mir in Australien einen Job zu suchen.

Also fuhr ich in ein Einkaufszentrum anstatt zur Great Ocean Road und kaufte mir einen Hosenanzug. Anschließend klapperte ich ein Fünfsternehotel nach dem nächsten ab: Ich ging zum Hotelempfang und bat um ein Gespräch mit dem Personal- oder dem Sales-und-Marketing-Leiter. Tatsächlich hatte ich so in den zwei Wochen 30 Vorstellungsgespräche in Melbourne und Sydney, wo ich ohnehin den zweiten Teil meines Urlaubs verbringen wollte.

Meine Gesprächspartner schätzten meinen Mut, doch die Antwort war immer die gleiche: Sie könnten mich wegen der schwierigen Einwanderungsregeln und Visumsbestimmungen nicht einstellen. Also flog ich zurück nach Shanghai und tröstete mich damit, es wenigstens probiert zu haben.

Anzeige
Kristin Haug, Verena Töpper

Mittagspause auf dem Mekong

Verlag: Penguin Verlag
Seitenzahl: 256
Für 14,00 € kaufen
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Eine Woche später erhielt ich einen Anruf von einem Hotelmanager. Er sagte mir, er fand meine Eigeninitiative toll und würde mich trotz aller Hürden gern für einen Job in Brisbane einstellen. Dort hatte der Hotelmanager keinen geeigneten australischen Kandidaten gefunden, und so war es leichter, ein Visum für mich zu beantragen. Ich sagte sofort zu, ohne die Stadt zu kennen. Ich musste noch zwei Monate in Shanghai arbeiten, bis meine Kündigungsfrist durch war, und dann zog ich nach Australien.

Nach zwei Jahren in Brisbane wechselte ich nach Melbourne und lernte dort meinen damaligen Freund kennen. Ich fühlte mich in Australien wohl, die Lebensqualität ist hoch, wir hatten einen tollen Freundeskreis. Doch nach sechs Jahren Beziehung, ich war Mitte 30, kam für mich die große Lebensfrage. Will ich Kinder und ein Häuschen mit Garten – oder will ich weiter durch die Welt ziehen?

»In der Stille der Antarktis habe ich erkannt, was ich wirklich vom Leben will.«

Conny Bartl: »Wie in Tausendundeiner Nacht«

Ich bin in einem kleinen Dorf in Oberbayern aufgewachsen. Meine Eltern haben mich schon als Kind an Orte mitgenommen, die damals nicht auf der konventionellen Reiseroute der Deutschen lagen. Deswegen waren mir schon immer Erfahrungen und Erinnerungen wichtiger als Stabilität und Besitztümer.

In der elften Klasse bin ich zum ersten Mal allein ins Ausland. Nach sechs Monaten in einem Wohnwagen mitten im Nirgendwo des US-Bundesstaates Michigan habe ich mir eine neue Gastfamilie gesucht. Vielleicht hat mich diese Erfahrung gelehrt, in schwierigen Zeiten durchzuhalten und für meine Ziele zu kämpfen. Studiert habe ich in den USA – und in Hongkong einen MBA gemacht. Als Mädchen vom Land hat mich die Energie dieser Mega-Metropole fasziniert. Hier wurde mir bewusst, dass ich im Ausland viel intensiver lebe als in Deutschland.

Die Antarktis hat Conny Bartl in ihren Bann gezogen

Die Antarktis hat Conny Bartl in ihren Bann gezogen

Foto: Privat

Ich habe sehr lange mit der Kinderfrage gehadert, dann habe ich mir eine Auszeit gegönnt und bin mit meiner Mutter für eine Kreuzfahrt in die Antarktis geflogen. In diesen zehn Tagen am Ende der Welt, umgeben von atemberaubenden Landschaften, Pinguinkolonien, Robben und Walen, habe ich nur auf mich selbst gehört und die Meinungen anderer komplett ausgeblendet.

Die Freiheit, die Erfahrungen, aber auch die Herausforderungen, die ich in neuen Ländern erlebe, erfüllen mich. Ein paar meiner Freunde dachten, ich hätte eine Midlife-Crisis, aber ich habe damals in der Stille der Antarktis ganz deutlich erkannt, was ich wirklich vom Leben will.

Weil mich die Antarktis so in ihren Bann gezogen und mich die Leidenschaft des Expeditionsteams so begeistert hat, setzte ich mich mit der Reederei in Verbindung, mit der ich die Reise unternommen hatte.

Ich kündigte meinen Job in Australien, beendete meine Beziehung und erwarb die Qualifikationen für den Job: Ich machte einen Erste-Hilfe-Kurs, einen Motorbootführerschein und einen gesundheitlichen Marine-Eignungstest. Und ich lernte, wo wie viele Menschen in der Arktis an Land gehen dürfen, wie man sich verhält, wenn einem eine angriffslustige Pelzrobbe begegnet (langsam zurückgehen, Augenkontakt halten und zwei Steine aufeinanderschlagen, weil sie das Geräusch nicht mögen), oder was man tun muss, wenn vor dem Schlauchboot plötzlich ein Buckelwal auftaucht (hundert Meter Abstand halten, Motor ausschalten, nicht laut reden und warten, bis der Wal vorbeigeschwommen ist).

Nach einem monatelangen Bewerbungsprozess stellte mich die Reederei als Passenger Service Manager im Expeditionsteam ein. Ich bin für die Qualitätsstandards zuständig und muss gewährleisten, dass die Gäste an Bord zufrieden sind und es ihnen gut geht.

Wer ins Ausland ziehen will, sollte sich vorher bereits mit der ganzen Bürokratie auseinandersetzen: Welches Visum braucht man, wie bekommt man eine Arbeitserlaubnis, welche beruflichen Qualifikationen sind nötig? Die Recherche ist immens wichtig, man sollte nicht einfach so aus einem Bauchgefühl heraus ein Flugticket kaufen (so wie ich das in Australien gemacht habe).
Und man muss damit rechnen, dass vieles nicht so funktioniert wie in Deutschland. Es hilft, im Vorfeld Kontakt zu Expats aufzunehmen – etwa über Facebook oder LinkedIn – und bereits ein Treffen zu organisieren, sobald man ankommt – so hat man immerhin schon einen kleinen Anker, an dem man sich festhalten kann. Viel Mut und Eigeninitiative lohnen sich auch. Wer die ersten sechs Monate übersteht, hat es erst mal geschafft.

Drei bis vier Monate bin ich dafür auf dem Schiff in der Antarktis unterwegs, die restlichen Monate arbeite ich von meinem Homeoffice in Katar aus und betreue vor allem Kunden in Europa und Australien. Leider musste die Antarktis-Saison 2020/21 wegen Corona gecancelt werden, aber 90 Prozent unserer Buchungen haben sich einfach um ein Jahr auf die nächste Saison verschoben. Seit zwei Jahren lebe ich in Doha und pendele quasi zwischen Sand- und Eiswüste hin und her. Inzwischen bin ich auch verheiratet.

Der Sommer in Katar: Man zerläuft schon, wenn man nur die Straße überquert

Kurz bevor ich Australien verlassen habe, war ich mit meinem jetzigen Mann zusammengekommen. Wir führten erst eine Fernbeziehung und dabei stellte sich heraus, dass er ein ähnliches Lebenskonzept hatte wie ich – also viel reisen und in anderen Ländern leben.

Mein Mann ist Australier und bekam 2018 einen Job in Katar und ich bin ihm gefolgt, weil ich für meine Arbeit von überall aus arbeiten und in die Antarktis reisen kann. Eigentlich wollte ich nie heiraten, aber in Katar ist es gegen das Gesetz, unverheiratet als Paar zusammenzuleben. Mit der Eheurkunde muss ich nun nicht mehr mit einem Touristenvisum ein- und ausreisen und brauche keine Angst zu haben, dass sie uns ins Gefängnis stecken, weil wir unrechtmäßig zusammenleben. 

Katar ist momentan mein Zuhause, aber wir wollen bald weiterziehen – unser Traum ist es, irgendwann in Japan zu leben. Wir halten es hier gut aus, aber die Sommer sind schon eine echte Herausforderung. Es kann bis zu 50 Grad heiß werden und das bei einer Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent. Man zerläuft schon, wenn man nur die Straße überquert. Wir versuchen daher, viel drinnen zu bleiben und ein, zwei Monate Urlaub in Europa zu machen.

Katar ist das erste Land, in dem es mir schwerfiel, mit den Einheimischen in Kontakt zu kommen. Die Expats leben hier wie in einer Mini-Uno unter sich. Die einzigen Katarer kennen wir über die Arbeit meines Mannes. Wahrscheinlich werde ich nur eine einheimische Freundin aus diesem Land mitnehmen.

Conny Bartl kann sich vorstellen, bald wieder umzuziehen

Conny Bartl kann sich vorstellen, bald wieder umzuziehen

Foto: Privat

Da Katar ein islamisches Land ist, gibt es einige Regeln, die wir beachten müssen: Alkohol darf man nicht in der Öffentlichkeit trinken, und nach einem Barbesuch sollte man sich einen vertrauenswürdigen Fahrer nehmen, um nicht bei der Polizei abgesetzt zu werden. Männer und Frauen müssen beim Arzt in unterschiedlichen Wartezimmern Platz nehmen. Ausländische Männer sollten ausdrücklich vermeiden, mit einer katarischen Frau in den Fahrstuhl zu steigen. Und wenn man Arbeitskollegen am Wochenende in einem Einkaufszentrum trifft, sollte man sie nicht ansprechen, dann stört man die Familienzeit, verletzt ihre Privatsphäre.

Als Frau allein kann ich mich aber überall hinbewegen. Ich habe schon ein paarmal mein Handy oder Portemonnaie verloren, und immer kamen die Sachen wieder heil zu mir zurück. Da fühle ich mich im Frankfurter Bahnhofsviertel deutlich unwohler.

Solange wir noch hier sind, genieße ich die kleinen Momente in Doha. Es gibt tolle Museen, kulturelle Feste und großartige Restaurants. Trotz Corona hat alles geöffnet. Wir dürfen uns unbeschränkt bewegen, müssen aber eine Maske tragen. Vor allem die Wintermonate sind ein Traum, wir unternehmen Wochenendausflüge in die Wüste oder ans Meer und abends sitzen wir oft im Souk, einem Marktviertel, und schauen uns die Katarer an, die ihre Falken umhertragen. Dann ruft der Imam zum Abendgebet und wir fühlen uns wie in Tausendundeiner Nacht.«  

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.