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Türkische Hoteliers "Für uns ist es eine Katastrophe"

Deutschland hat die Reisehinweise für die Türkei verschärft. Aber schon vorher blieben die deutschen Gäste fern - mit teils drastischen Folgen für Hotelbetreiber wie Erendiz Hamamcioglu.
Erendiz Hamamcioglu in ihrem Hotel in Antalya

Erendiz Hamamcioglu in ihrem Hotel in Antalya

Foto: Florian Schack / Erendiz Garten Hotel
Zur Person
Foto: Florian Schack / Erendiz Garten Hotel

Erendiz Hamamcioglu, 66, leitet seit 1986 das "Erendiz Garten Hotel" in Antalya. Die geborene Münchnerin beherbergt vornehmlich deutsche Gäste.

SPIEGEL ONLINE: Heute Morgen wurde bekannt, dass das Auswärtige Amt die Reisehinweise für die Türkei verschärft hat. Wie haben Sie diesen Schritt aufgenommen?

Hamamcioglu: Mit großer Traurigkeit, wir haben nicht mit dieser Schärfe gerechnet.

SPIEGEL ONLINE : Sie leiten seit über 30 Jahren ein kleines Hotel in Antalya. Wie sieht es in diesem Sommer bei Ihnen aus?

Hamamcioglu: Furchtbar leer, wir sind fast alleine im Hotel - von 36 Zimmern sind drei belegt. Wir haben fast nur deutsche Gäste, dieser Kundenstamm ist nahezu komplett weggebrochen. Die Zahlen gingen schon letztes Jahr zurück, aber dieses Jahr ist der Einbruch dramatisch. Für die fünf Leute, die gerade hier sind, ist es natürlich ein Wahnsinnsurlaub. Die sagen: Mein Gott, wir haben den ganzen Pool für uns. Für die Gäste ist es nett, für uns ist es eine Katastrophe.

SPIEGEL ONLINE : Inwiefern?

Hamamcioglu: Von den 16 Mitarbeitern, die ich üblicherweise beschäftige, musste ich bis auf zwei alle entlassen - und die sind nun arbeitslos. Ich bekomme Anrufe von früheren Mitarbeitern, die flehen: Bitte, bitte, lass uns doch bei dir arbeiten. Die Leute sind wirklich verzweifelt, das bricht einem das Herz. Hinter jedem Angestellten sind mindestens noch zwei Leute, die ernährt werden müssen. In meinem Fall gibt es also insgesamt zwischen 30 und 70 Leute, die ohne Broterwerb dastehen.

SPIEGEL ONLINE : Wie gehen sie als Hotel-Chefin damit um?

Hamamcioglu: Wir können nichts tun, anderen Hoteliers geht es genauso. Wir können keine Arbeit geben, wenn wir keine Arbeit haben. Ich konnte zumindest zwei Angestellte behalten, aber die beiden haben natürlich auch Angst und schauen mich oft fragend an. Zusammen mit meinen beiden Söhnen machen wir jetzt alles alleine. Wir sind ein kleines Hotel und verteilen die Arbeiten auf uns: Ich putze nebenbei Zimmer und mache Wäsche.

SPIEGEL ONLINE : Hat aus Ihrer Sicht Präsident Erdogan mit seiner Politik die deutschen Urlauber vertrieben?

Hamamcioglu: Dass die deutschen Gäste fernbleiben, liegt einerseits sicher an der großen Politik - der türkische Weg zeigt nun mal nicht in die europäische Richtung. Aber ein Grund ist auch der islamistische Terror im vergangenen Jahr, beispielsweise der Anschlag auf die Istanbuler Diskothek an Silvester. Eine Woche nach dem Attentat haben die ersten Gäste ihren Frühjahrsurlaub abgesagt, am Ende waren alle Buchungen für Mai storniert. Die Menschen sind durch die schlechten Nachrichten aus der Türkei total verunsichert.

SPIEGEL ONLINE : Finden Sie das nicht verständlich?

Hamamcioglu: Nicht ganz. Ein Beispiel: Eine Managerin aus München, die seit vielen Jahren zu uns kommt, hat von ihrem Besuch im Reisebüro berichtet. Die erste Frage dort lautete: Sind Sie ganz sicher, dass Sie in die Türkei fliegen wollen? Dort könnte es vielleicht Unruhen geben. Sie hat mich danach angerufen, und ich sagte ihr: Wir haben überhaupt keine Unruhen, hier war von Anfang an nichts los. Aber die meisten Leute haben ihre feste Meinung, und die Türkei ist im Moment eben nicht angesagt. Punkt.

SPIEGEL ONLINE : Fühlen Sie sich persönlich enttäuscht?

Hamamcioglu: Für mich ist besonders schlimm, dass uns unsere Stammkunden nicht mehr unterstützen. Es gibt viele Gäste, die kommen seit zehn, zwanzig Jahren zu uns. Da sind über die Jahre Freundschaften entstanden. Und dann kommt bloß ein kurzes Statement per Mail: "Erendiz, wir haben beschlossen, dass wir in keinem islamischen Land mehr Urlaub machen wollen."

SPIEGEL ONLINE : Was antworten Sie?

Hamamcioglu: Ich schreibe zurück: Ich kann eure Sorgen verstehen, aber dass es von euch kommt, verstehe ich nicht. Ich vermisse die Solidarität. Die erwarte ich nicht von Menschen, die ich nicht kenne, aber meine Stammgäste kenne ich seit Jahrzehnten. Einige schreiben mir aus ihrem Urlaub in Spanien oder Griechenland: "Nächstes Jahr kommen wir wieder, versprochen." Aber das hilft uns jetzt ja nicht.

SPIEGEL ONLINE: Im Internet werden Türkei-Urlaube mittlerweile zu Dumping-Preisen angeboten. Ist das für Sie auch eine Option, Gäste mit Billigpreisen zu locken?

Hamamcioglu: Nein, das ist kaum möglich. Wir haben in der Türkei eine Preissteigerung von drei bis fünf Prozent, die Inflation ist höher als in Deutschland. Man bekommt immer weniger für sein Geld - aber eine Preiserhöhung ist in unserer Situation natürlich auch nicht drin. Andere Hotels haben ihre Preise teilweise wahnsinnig gesenkt und nehmen 15 Euro für einen All-inclusive-Tag. Wie willst du das schaffen? Für den Preis geht das gar nicht, da leidet die Qualität drunter.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann es weitergehen?

Hamamcioglu: Wenn die Touristen weiterhin wegbleiben, wird mir nichts anderes übrig bleiben, als das Hotel zu verkaufen. Letztes Jahr haben schon vier, fünf Hotels im Ort nicht aufgemacht, dieses Jahr sind es über zehn. Viele sind gezwungen, zu verkaufen. Nur ist die Zeit natürlich denkbar schlecht dafür, die Preise sind am Boden. Wir sind in einer Zwickmühle, alle, die hier vom Tourismus gelebt haben.