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Kinderarbeit in Indien: Bidis aus der Freiluftfabrik

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Kinderarbeit in Indien Zigarillos drehen statt Bücher lesen

Wenn sich Sagira Ansari, 11, mit ihren Freundinnen verabredet, dann nicht zum Spielen, sondern zum Drehen von Zigarillos. Acht Stunden lang schuftet sie täglich. In Indien ist Kinderarbeit verboten, doch Schlupflöcher gibt es viele, und die Nachfrage nach "Bidis" ist groß.

Im Schneidersitz hockt Sagira Ansari auf einem staubigen Sack vor dem unverputzten Haus ihrer Eltern. Sie knackt mit den Knöcheln und reibt sich die Handflächen mit Holzkohlenasche ein. Mit einer Rasierklinge schnitzt die Elfjährige die Ader aus einem quadratischen Ebenholzblatt, streut Tabakkrümel darauf, rollt es mit den Daumen auf und bindet es geschickt mit rotem Garn zusammen.

Sie macht das schnell, routiniert. Acht Stunden täglich stellt sie "Bidis" her, die dünnen braunen Zigarillos, die zu Indien gehören wie der Milchtee und das Fladenbrot.

Sagira ist eins von Hunderttausenden Kindern, die in den ländlichen Gebieten Indiens schuften - viele an gefährlichen Arbeitsplätzen wie Ziegelbrennereien oder auf pestizidverseuchten Feldern. Hier im westbengalischen Dhuliyan arbeiten fast alle Kinder in der Tabakbranche, um die enorme Nachfrage nach Bidis zu befriedigen. Seit 1986 verbietet ein Gesetz Kinderarbeit in der indischen Industrie, aber es gibt viele Hintertüren: So ist es Minderjährigen erlaubt, in den elterlichen Betrieben zu helfen.

Gigantische Freiluftfabrik für Zigarillos

Der Tabak wird in der Fabrik gedroschen, geschnitten, vermischt und dann an Menschen wie Manu Seikh, 66, weitergegeben. Er ist der Bidi-Pate der Gegend. Mit 16 Jahren fing er in einer Zigarillo-Fabrik an, jetzt sitzt er zwischen Stapeln von Geldscheinen und seinem Asthma-Inhalator. Seikh verteilt den Tabak an Familien. Sie drehen die Bidis, die dann wieder zurück in die Fabrik gehen, wo sie fertig gebacken, verpackt und ausgeliefert werden.

Sagira, ein hübsches Mädchen mit tiefbraunen Augen und breitem Lächeln, fing mit sieben Jahren an, ihrer Familie bei der Bidi-Produktion zu helfen. Zuerst durfte sie nur das Garn vorbereiten, um ihre älteren Schwestern und ihren Bruder zu unterstützen. Seit einem Jahr ist sie eine vollwertige Dreherin. Auch ihre beste Freundin Amira dreht "Bidis", genauso wie Wasima und Jaminoor und viele andere. Die gesamte Gegend ist im Grunde eine gigantische Freiluftfabrik für Bidis.

Sie drehen immer und überall. Auf Hausdächern, auf der Straße, an Hauswände gelehnt, manche sogar beim Stillen ihrer Babys. Von den rund 20.000 Haushalten in Dhuliyan arbeiten schätzungsweise 95 Prozent in der Bidi-Produktion. Sagira verabredet sich manchmal mit ihren Freundinnen am Gangesufer, nicht zum Spielen, sondern um gemeinsam an einem anderen Ort Zigarillos zu drehen. Wann immer es geht, machen sie dann eine Pause und tollen wenigstens ein bisschen im Wasser herum. "Einfach nur spielen geht nicht", sagt sie.

Traumberuf Lehrerin, aber selten in der Schule

Im Handel kostet ein Päckchen mit zehn bis zwölf Bidis umgerechnet in Euro zehn Cent. Die Familien bekommen 1,15 Euro für 1000 Bidis. Sagiras Familie schafft 100.000 Stück im Monat und lebt somit von 115 Euro im Monat. Das reicht für drei Mahlzeiten am Tag, einmal pro Woche gibt sogar Fisch oder Eier. Vor ein paar Monaten hat Sagiras Vater einen Kleinkredit aufgenommen, um aus Backsteinen und Reet ein kleines Häuschen mit zwei Zimmern bauen zu können. Vorher hatten sie zwanzig Jahre in einer Bambushütte gehaust.

In der Schule war Sagira zwei Mal im vergangenen Monat. Sie geht nur hin, wenn neue Bücher ausgegeben werden. Oder um die paar Rupien abzuholen, mit denen der Staat versucht, die Bididreherinnen in die Schulen zu locken. Wenn sie hingeht, hält sie sich meist beide Ohren zu: Ihre Mitschüler beschimpfen sie, weil sie so oft schwänzt. Sagira kann fast nicht rechnen, aber bis 25 zählt sie flott. So viele Bidis ergeben ein Bündel.

Abends setzt sie sich mit ihrem Bruder zusammen, der selbst fast nie in der Schule ist, um lesen zu lernen. Sie träumt davon, Lehrerin zu werden. Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass sie immer besser wird beim Bididrehen, was ihre Heiratschancen erhöhen wird. Wenn ihr Mann dann aufhört zu arbeiten (und das geschieht in der Region oft), werden sie und ihre Kinder mit Bidi-Drehen die Familie ernähren.

Sagiras Vater ist skeptisch, ob seine Tochter es schaffen wird, ihr Leben zu ändern: "Bidis drehen ist unsere Bestimmung."

Ravi Nessman, dapd/vet
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