Studie Welche Familien haben mehr als zwei Kinder?

Schlechte Bildung, viele Kinder - lange wurden solche Zusammenhänge hergestellt, das hat zu Stigmatisierungen geführt. Inzwischen wird Kinderreichtum mehr und mehr ein Mittelschichtenphänomen.

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Im Mutterpass ist nur Platz für den Eintrag von zwei Schwangerschaften, in der Werbung werden Familien meist mit zwei Kindern dargestellt, in stadttaugliche Autos passen meist zwei Kindersitze auf die Rückbank: In Deutschland gibt es eine ausgeprägte Zweikind-Norm, heißt es in einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB).

Wie es um Familien mit mehr Kindern bestellt ist, sei hingegen kaum untersucht. Das BiB hat das mit einer am Mittwoch veröffentlichten Broschüre geändert.

Demnach gibt es heute rund 1,4 Millionen kinderreiche Familien in Deutschland und große regionale Unterschiede. Die Studie schlüsselt das bis auf Land- und Stadtkreise hinunter auf:

  • Spitzenreiter ist der Kreis Cloppenburg in Niedersachsen. Jede vierte Frau der Jahrgänge 1970 bis 1972 hat hier drei oder mehr Kinder. Im Kreis Dessau-Roßlau in Sachsen-Anhalt ist es dagegen nur jede 14. Frau.
  • Insgesamt haben 16 Prozent der Frauen der Jahrgänge 1965 bis 1974 drei oder mehr Kinder.

Ursachen für die Unterschiede gibt es viele - das reicht von der Bevölkerungsstruktur bis hin zu regionalen und kulturellen Gegebenheiten.

  • Frauen mit niedrigerem Bildungsabschluss haben mit knapp 32 Prozent öfter drei oder mehr Kinder als Frauen mit mittlerem oder hohem Bildungsabschluss (jeweils knapp 14 Prozent).
  • Im Vergleich zu früher ist Kinderreichtum laut der Studie aber mehr und mehr zu einem Phänomen der Mittelschicht geworden. Betrachte man alle Kinderreichen, hätten fast drei Viertel einen mittleren oder hohen Bildungsabschluss.
  • Frauen mit Migrationshintergrund haben ebenfalls mehr Kinder. Ihr Anteil beträgt knapp 28 Prozent. Unter Musliminnen der ersten Generation ist der Prozentsatz mit 45,5 Prozent am höchsten, in der zweiten Generation beträgt er noch 31,6 Prozent.
  • In ländlichen Regionen gibt es mehr kinderreiche Familien als in der Stadt. Der Anteil ist im Westen jedoch höher als im Osten.
  • In Ländern wie Bayern oder Rheinland-Pfalz spiele neben der "ländlichen Siedlungsstruktur" die katholische Bevölkerung eine Rolle, da sie "eher das Ideal einer höheren Kinderzahl vertritt".
  • Im Osten dagegen ist die Bevölkerung eher protestantisch geprägt oder konfessionslos. Hinzu kommt: Traditionell gehen viele Frauen arbeiten, was sich schwerer vereinbaren lässt mit mehr als zwei Kindern.

Die Bevölkerungsforscher appellieren an die Politik, Kinderreichtum wegen der alternden Gesellschaft stärker zu fördern. Seit 1975 liege die Zahl der Geburten bei unter 1,5 pro Frau. "Kein anderes Land der Welt hatte über einen so langen Zeitraum derart niedrige Geburtenziffern", heißt es in der Studie.

Im Ergebnis gibt es heute weniger potenzielle Eltern, was wiederum die absoluten Geburtenzahlen in Deutschland weiter niedrig hält. Die Forscher plädieren für eine bessere Infrastruktur für Familien, für mehr Wohnungen mit fünf oder sechs Zimmern und für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Mehr Anerkennung für kinderreiche Familien

Aber auch an der gesellschaftlichen Akzeptanz kinderreicher Familien müsse sich etwas ändern. Jahrzehntelang sei ein negativer Zusammenhang zwischen Bildung und Kinderreichtum hergestellt worden - das habe zu einer Stigmatisierung von kinderreichen Familien beigetragen.

Bezeichnend dafür ist eine Umfrage, auf die die Studie verweist: Zwar stimmt nur jeder Zehnte persönlich der Aussage zu, "Kinderreiche gelten als asozial" - aber gut 80 Prozent der Befragten glauben, dass die Gesellschaft insgesamt so denkt.

sun/dpa

insgesamt 33 Beiträge
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marthaimschnee 27.06.2019
1. Ursachen?
Ich kann mir nicht helfen, aber es werden doch kaum Ursachen genannt, lediglich die religiösen Gründe gehen als Ursache durch! Nichtmal die Tatsache, daß Frauen mit zunehmender Berufstätigkeit weniger Kinder haben, ist eine wirkliche, denn dder Grund liegt hier darin begründet, daß immer mehr Frauen in Arbeit gebracht werden (politisch motiviert). Ebenso daß es auf dem Land mehr Kinderreiche gibt, als in der Stadt ist lediglich eine Beobachtung, aber keine Ursache. Wer mal versucht hat, eine bezahlbare Wohnung in der Stadt für Eltern + 3 Kinder zu finden, der erkennt den Grund dafür. Und ein ähnlicher liegt dann auch zugrunde, daß sich Kinderreichtum in die "Mittelschicht" verschiebt. Das sind nämlich die, bei denen mehr Kinder nicht zu wirklich mehr ökonomischer Belastung führen. In der HartzIV-Bevölkerung wird das Kindergeld dagegen voll als Familieneinkommen bewertet und existiert damit effektiv nicht. Damit wird jedes Kind, das noch dazu einen witzlos niedrig gerechneten Grundbedarf erhält, zu einer extremen wirtschaftlichen Belastung. Das sind Ursachen!
dasfred 27.06.2019
2. Zwischen Wollnys und von der Leyen
Alles ist möglich. Allerdings finde ich die Einteilung nach Bildungsabschluss sehr merkwürdig. In den frühen Jahrgängen war es nicht vorgesehen, dass Mütter noch berufstätig sind. Auch Frauen, die durchaus intelligent und begabt waren, haben daher nur einfache Abschlüsse, sind aber aufgrund ihrer Lebenserfahrung mit den Frauen späterer Jahrgänge durchaus gleichzusetzen. Was wirklich von Interesse ist, ist, inwieweit Kinder aus Grossfamilien sich von Einzelkindern in Bezug auf Fürsorge und Förderung unterscheiden. Sind die Unterschiede zwischen arm und reich bei Grossfamilien vergleichbar mit Kleinfamilien? Diese Studie sagt mal wieder alles und nichts aus. Jeder kann sich nach seinem Gusto draus bedienen und seine Schlüsse ziehen.
Cailean 27.06.2019
3. Der Durchschnitt ist entscheidend...
Jedem Menschen steht es frei, zu entscheiden, wie viele Kinder er sich wünscht.Ich hoffe, jeder Mensch der Kinder hat, weiß dieses Glück zu schätzen und nimmt die Erfüllung des Kinderwunsches nicht für selbstverständlich an. Soweit zu den individuellen Aspekten. In größeren Maßstäben betrachtet ist eine MAXIMALE durchschnittliche Kinderzahl von 2 in meinen Augen das einzig sinnvolle Ziel. Solange wir über die Verhältnisse leben, die dieser Planet mit seinen endlichen Ressourcen bietet, wäre ein weiterer Anstieg der Erdbevölkerung wahrlich keine gute Idee.
kezia_BT 27.06.2019
4. Wieso Förderung ?
Sind wir doch goldfroh, daß es weniger kinderreiche Familien gibt! Diese Republik ist ohnehin eines der am dichtesten besiedelten Länder der Erde. Wenn ich das Sagen hätte, gäbe es für das erste und zweite Kind mehr Förderung, inklusive eines Müttergehalts, das Fremdbetreuung der Kleinsten überflüssig macht - aber ab dem dritten Kind gibt es nichts mehr, und ab dem vierten muß Strafe bezahlt werden!
paddas 27.06.2019
5. 10 Jahres Spanne!
Es wird immer wieder in diesen Studien vergessen, dass wir eine 10 Jahres Spanne haben: Die Kinder der Geburtenstarken Jahrgänge 1985-1990 bekommen erst jetzt mit 30 Jahre Kinder, und nicht wie ihre Eltern mit 20 Jahren!
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