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Stuttgarter Kita: Wo Georg und Moritz die Kinder erziehen

Foto: Philipp Awounou

Kita mit Seltenheitswert Kann Mann machen

Jedes Jahr arbeiten mehr Männer in deutschen Kitas, doch ihr Anteil bleibt verschwindend gering. Eine Stuttgarter Einrichtung zeigt, wie die Zukunft aussehen könnte - und woran die Branche noch arbeiten muss.

Simone Päffgen wirkt ratlos. Sie habe sich diese Frage schon oft gestellt, sagt sie. Ihr Blick schweift durch den Raum, als würde sich irgendwo zwischen Schreibtisch, Pinnwand und Regal die Antwort finden lassen. "Ach, ich weiß auch nicht warum", sagt sie schließlich und lacht: "Vielleicht liegt es am Namen?"

Päffgen ist Leiterin das katholischen Kinderhauses "Wilde Wanne" in Stuttgart-Heslach. Und die Frage, die sie nicht zu beantworten weiß, bezieht sich auf ihr Personal: Seit geraumer Zeit bewerben sich im Kindergartenbereich überwiegend Männer bei Päffgen - und schon jetzt ist die Hälfte der zwölf Angestellten dort männlich. Warum?

Sechs Männer in einer schwäbischen Kita - das hat Nachrichtenwert. Denn so männlich die Vorstandsriegen deutscher Dax-Konzerne sind, so weiblich gestalten sich die Belegschaften der Kindertagesstätten: Laut Koordinationsstelle "Männer in Kitas" sind aktuell 94 Prozent aller Kita-Mitarbeitenden Frauen.

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Stuttgarter Kita: Wo Georg und Moritz die Kinder erziehen

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Dabei ist längst belegt, wie wichtig männliche Bezugspersonen in der frühkindlichen Erziehung sind. Eine norwegische Studie etwa stellte fest, dass Kinder aus Einrichtungen mit überdurchschnittlichem Männeranteil bessere schulische Leistungen zeigen.

Nicht nur deshalb wird seit Jahren versucht, mehr Männer in die Branche zu bringen. Auch der eklatante Fachkräftemangel im Zuge des allgemeinen Kita-Ausbaus trägt dazu bei, dass mit Kampagnen und neuen Ausbildungsmodellen gezielt auf potenzielle Erzieher zugegangen wird. Mit Erfolg: Zwischen 2006 und 2018 hat sich die Zahl der männlichen Erzieher in Deutschland fast vervierfacht. Vom offiziellen EU-Ziel, einem Männeranteil von 20 Prozent, ist man jedoch noch immer weit entfernt.

Vor nicht allzu langer Zeit galt das auch für die "Wilde Wanne". Als Simone Päffgen 2015 die Leitung übernahm, gab es nur zwei männliche Kollegen. Immerhin: schon damals zwei mehr als in vielen anderen Kitas. Mittlerweile jedoch scheint die Stuttgarter Einrichtung zu einem regelrechten Männermagnet geworden zu sein. Immer wieder bewerben sich männliche Fachkräfte. "Manchmal denke ich mir: schon wieder einer?", erzählt Päffgen. "Langsam muss ich aufpassen, dass das hier keine reine Männer-Kita wird!"

"Guck mal, ein Mann"

An einem heißen Sommertag Ende Juni ist die "Wilde Wanne" mehr Freibad als Kita. Fast alle Kinder tragen Badekleidung, planschen und toben über das weitläufige Außengelände. "Geeeorg", ruft ein Mädchen im Sandkasten. "Kannst du mir heeelfen?"

Georg Nöth, 61 Jahre alt, die graue Eminenz der "Wilden Wanne". 30 Jahre lang hat der hagere Senior die Kita geleitet, von der Eröffnung 1985 bis zur Übergabe an Päffgen. Wer verstehen will, wie die Einrichtung zum attraktiven Arbeitgeber für Männer wurde, ist bei ihm richtig.

Stuttgart-Heslach, erzählt Nöth, sei lange Jahre ein Problemviertel gewesen. Ein Milieu der sozial und finanziell Schwachen. Die damalige Pädagogik sei sehr gruppenfixiert gewesen - und noch weitaus femininer als heute. "Damals hieß es oft: Ach guck mal, ein Mann", erinnert sich der Ex-Leiter. "Aber der Mann war halt gleich wieder der Chef."

Über die Jahre habe sich der Stadtteil aber radikal gewandelt - und mit ihm die Philosophie der Kita. Heute gilt Heslach als angesagtes Pflaster, hip, urban, jung und grün. Die Eltern holen ihre Kinder auf E-Bikes in Birkenstocks und sie sind offen für moderne Pädagogik.

Kita-Kinder in der "Wilden Wanne": Frieder kann zaubern, Georg weiß ganz viel

Kita-Kinder in der "Wilden Wanne": Frieder kann zaubern, Georg weiß ganz viel

Foto: Philipp Awounou

In der "Wilden Wanne" von heute werden die Kinder nicht mehr in festen Gruppen betreut, sondern nach Interessen. Jeden Tag können sie zwischen sieben "Welten" entscheiden, von der "Bauwelt" bis zur "Farbenwelt". Dabei besetzt jede Thematik einen eigenen physischen Raum mitsamt Ausstattung, was den Erziehenden viele Möglichkeiten zur Gestaltung gibt.

"Diese Abenteuerpädagogik hat die Männer hierhergezogen", sagt Nöth, und seine jüngeren Kollegen bestätigen das. Die Quintessenz: Männer seien stark an den persönlichen Gestaltungs- und Entfaltungsmöglichkeiten interessiert, und die seien in der "Wilden Wanne" hervorragend. "In anderen Kitas hast du zum Basteln, Bauen oder Turnen nur eine Ecke", sagt etwa Moritz Wildermuth, der vor eineinhalb Jahren zum Team stieß. "Hier hast du einen ganzen Raum - und viele Freiheiten. Das hat mich einfach angesprochen."

Zur Mittagszeit ziehen sich die Kinder für etwa eine Stunde in sogenannte Portfoliogruppen zurück. Nur dort sind sie in fester Konstellation mit fixem Betreuer beschäftigt. Frieder Wingenfeld, ein Erzieher mittleren Alters, sitzt mit seiner Gruppe in der Bastelwelt. Spracherziehung. "Stellt euch vor, ihr habt Pudding an den Lippen", sagt er. "Den müsst ihr wegkriegen!"

Sekunden später leckt sich knapp ein Dutzend Kinder imaginäre Feinkost aus dem Gesicht. "Mhmmm, lecker!"

Quereinsteiger mit hohem Männeranteil

"Ich mag das Clownsein", sagt Wingenfeld. "Mit Kindern kann man einfach extrem viel Spaß haben und gleichzeitig viel mitgeben." Bis vor fünf Jahren arbeitete der großgewachsene Mann als Gastronom. Dann hatte er "keinen Bock mehr aufs Business" - und wechselte den Beruf. "Ich wollte etwas Sinnvolles machen", sagt er. Dass sich unter den Quereinsteigern in deutschen Kitas verhältnismäßig viele männliche Fachkräfte befinden, findet er gut: "Männer haben einen ganz anderen Blick auf Erziehung als Frauen."

Fast die gesamte Belegschaft spricht diesen Aspekt an. Meike Buhr, eine der Erzieherinnen, erzählt von ihren eigenen zwei Söhnen. Ihre Jungs verstehe sie nicht immer, sagt sie. Deren Wettbewerbseifer. Deren Körperlichkeit. Als Frau habe sie oft den Impuls, Konflikte zu unterbinden. Männer dagegen seien gelassener, würden Wettbewerb auch mal fördern. Das sei gut und wichtig.

Selbstverständlich ist diese Ansicht nicht. Zwar wird überall nach Männern gesucht, doch nicht überall fühlen sie sich willkommen. Die männliche Belegschaft berichtet von "offener Ablehnung" an anderen Arbeitsstätten, von "Berührungsverboten", vom Gefühl, "Exot zu sein". Am einen Ort werde man auf sein Geschlecht reduziert und solle "nur Kisten schleppen", am anderen wiederum solle man sich "verhalten wie eine Frau". Die Kolleginnen wiederum erzählen vom "Revierdenken" eingefleischter Erzieherinnen und vom "Zickenkrieg" in rein weiblichen Belegschaften. Mit Männern würde sich das Arbeitsklima verbessern.

Eine Frage der Bezahlung

Im Vergleich zu derlei Erfahrungen laufen die Dinge im Mikrokosmos "Wilde Wanne" fast schon verdächtig harmonisch. Doch die Stimmung wirkt echt. Gute Führung und eine ansprechende Infrastruktur haben offensichtlich eine Kultur geschaffen, in der sich Männer wie Frauen wohl und geschätzt fühlen. Aber: An den größten Hindernissen einer besseren Geschlechterverteilung könnte selbst die beste Einrichtung der Welt nichts ändern.

In Stuttgarter Kitas verdient ein Berufseinsteiger monatlich 2.578 Euro. Selbst mit mehr als zehn Jahren Berufserfahrung kommt er auf maximal 3.592 Euro - und liegt damit noch immer unter dem Durchschnittsgehalt eines Vollzeitangestellten in Deutschland, derzeit rund 3770 Euro.

Zwar werden Frauen genauso schlecht bezahlt, doch das Argument des schwachen Verdienstes scheint beim Mann stärker zu wiegen. Eine Münchner Studie zeigt: Beide Geschlechter empfinden es unbewusst als gerecht, wenn ein Mann für die gleiche Arbeit mehr Geld bekommt als eine Frau.

Zurück in die "Wilde Wanne": Am frühen Nachmittag trudeln die ersten Eltern ein. Die Mutter einer Vierjährigen erzählt, was das Personal hier oft zu hören kriegt: "Toll, dass es hier so viele männliche Bezugspersonen gibt!"

Nebenan wartet ein Vater auf seine sechsjährige Tochter. Er erzählt, was er der Belegschaft nie offen sagen würde: "Wenn ich meine Tochter auf dem Schoß eines jungen Mannes sehe, dann mache ich mir schon meine Gedanken." Er wolle niemanden verurteilen, aber: "Wenn ich es mir aussuchen könnte, sollten hier nur Frauen arbeiten."

Laut Koordinationsstelle "Männer in Kitas" denken 40 Prozent aller Eltern bei männlichen Erziehern an die Gefahr eines Missbrauchs. Die seltenen, aber medial präsenten Übergriffe in Kitas prägen sich ein, bei Müttern, Vätern, aber auch bei potentiellen Erziehern. Die Folgen spürt auch die "Wilde Wanne": Im Krippenbereich der Einrichtung arbeitet aktuell kein einziger Mann. Als dort im vergangenen Jahr kurzzeitig ein Praktikant beschäftigt wurde, bestanden mehrere Eltern darauf, dass ihr Kind nicht von ihm gewickelt wird.

Und die Kleinen selbst?

Die haben ihre ganz eigene Sicht auf die Dinge, weit weg von Missbrauchssorgen, Gehaltsnot und Geschlechterstereotypen. Lukas und Elias etwa, zwei aufgeweckte Fünfjährige, können mit der Frage, ob sie lieber mit Männern oder mit Frauen spielen, nichts anfangen. Zuckende Schultern. Sie wissen nur, dass Frieder "zaubern" kann, dass Meike "immer gut aufpasst" und dass Georg "ganz viel weiß".

Und dass sie gern in die "Wilde Wanne" gehen.

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