Klage gegen designierten Aufsichtsrat Kleinkrieg zwischen Daimler und Bell eskaliert

Daimler-Zentrale Untertürkheim: Ausgangspunkt betrügerischer Fahrten?
dapd

Daimler-Zentrale Untertürkheim: Ausgangspunkt betrügerischer Fahrten?

Von Michael Freitag

2. Teil: Fahnder auf den Betriebsrat angesetzt


Der Automobilbauer verweist darauf, er sei am 13. Juli durch eine anonyme Anzeige gegen Bell auf dessen angebliche Vergehen aufmerksam gemacht worden. Daimler hatte daraufhin Fahnder auf den freigestellten Betriebsrat angesetzt. Die internen Ermittler überprüften Computerdateien, beschatteten ihn gar zwei Wochen lang auf dem Weg zur Arbeit.

Die Ergebnisse schienen den Verdacht zu erhärten: Die Ermittler notierten dreimal, Bell sei gemeinsam mit seiner Frau in die Untertürkheimer Unternehmenszentrale gefahren und dort allein ins Gebäude gegangen. Knapp zehn Minuten später sei er samt Gattin zu deren Büro in Mettingen weitergefahren, habe sie dort abgesetzt und sei wieder nach Untertürkheim zurückgekehrt.

Bell weist die Vorwürfe zurück. In der manager magazin online vorliegenden Erwiderung auf den Daimler-Antrag, die Kündigung gegen ihn auch gegen den Willen des Betriebsrats durchzusetzen, listet er unter anderem die Zeiten auf, zu denen seine Ankunft und sein Login am Computer laut Konzerndaten registriert wurden.

"Unterschiedliche Wertung ähnlicher Vorwürfe"

Die Zeiten stellen zumindest einen Teil der Vorwürfe des Unternehmens in Frage - unter anderem, weil die Zeitdifferenzen zwischen der registrierten Ankunft der Eheleute so knapp waren, dass eine Fahrt von Untertürkheim nach Mettingen kaum möglich gewesen wäre.

Bells Anwalt Stefan Nägele verweist in der Klageerwiderung auch darauf, andere Betriebsräte seien wegen ähnlicher, gleicher und schwerer wiegender Pflichtverletzungen nicht gekündigt worden. Daimler habe in diesen Fällen nur Abmahnungen ausgesprochen, die Betroffenen ermahnt oder die Vorwürfe schriftlich dokumentiert. Auch Bell dürfe eine ähnlich maßvolle Reaktion erwarten.

Nägele untermauert seine Argumente mit zehn Beispielen. Mal geht es wie bei Bell um angebliche Manipulationen beim Arbeitsbeginn, mal um einen Trip zu einem Spiel des VfB Stuttgart während der Arbeitszeit, in anderen Fällen um zum Teil mehrere hundert Kilometer lange Privatfahrten mit Dienstfahrzeugen der Daimler AG. Unter anderem diese unterschiedliche Wertung ähnlicher Vorwürfe zeige, dass es Daimler vor allem darum gehe, Bells Einzug in den Aufsichtsrat zu verhindern, heißt es in dem Schriftsatz.

Daimler will Altersgrenze für Aufsichtsratsmitglied verschieben

Inzwischen verhandelt der Konzern mit Ansgar Osseforth darüber, die Altersgrenze für das Aufsichtsratsmitglied zu verschieben. Damit könnte Osseforth seinen Sitz im Aufsichtsrat behalten; Bells Nachrücken wäre nicht mehr notwendig. Die Christliche Gewerkschaft CGM hatte vor der letzten Betriebsratswahl eine gemeinsame Liste mit den von Osseforth vertretenen Unabhängigen Betriebsräten gebildet. Gemeinsam hatten die beiden Gruppierungen einen Sitz im Aufsichtsrat erobert.

Bell hatte bereits am 12. Oktober in einem Brief an die gemeinsamen Kandidaten der CGM und DHV appelliert, die gemeinsame Liste nicht platzen zu lassen. Ohne ihn werde es die Kooperation der beiden Gewerkschaften in Zukunft nicht mehr geben - und gleichzeitig keine andere Gruppierung außerhalb der IG Metall. Daimler führe offensichtlich einen "Vernichtungsfeldzug" gegen ihn. Wer ihn wirklich kenne, wisse, dass er all die Jahre zu "seiner Firma" gestanden habe und dass er sich nie etwas zuschulden habe kommen lassen.

An den Noch-Aufsichtsrat Ansgar Osseforth appellierte Bell in dem Brief, "es sich noch einmal zu überlegen, welche anderen Wege", als die Verlängerung seines Mandats, "es geben kann, Schaden vom Unternehmen fern zu halten". Bell wolle unbedingt in den Aufsichtsrat einziehen und werde "auch alles Erdenkliche dafür tun, dass dies gelingt".

  • Michael Freitag ist Redakteur beim manager magazin.

Gegendarstellung

Auf www.spiegel.de schreiben Sie in einem Artikel vom 7. November 2011 mit der Überschrift "Klage gegen designierten Aufsichtsrat - Kleinkrieg zwischen Daimler und Bell eskaliert", ich hätte gegenüber Georg-Dieter Bell folgende Äußerung getätigt: "Ich werde dafür sorgen, dass Sie von mir weitere Schwierigkeiten bekommen."

Hierzu stelle ich fest:

"Ich habe diese Äußerung nicht getätigt"

Stuttgart, den 8. November 2011

Wilfried Porth
Daimler Personalvorstand

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