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Kleines Lexikon für Rechtsanwälte Advokat von A bis Z

Die Juristenwelt ist bunt, rätselhaft und gemein: Wieso spielen Automarken für Anwälte eine Rolle? Weshalb ist Pedanterie für den Erfolg wichtig, warum haben Anwaltssenioren die besseren Karten? Antworten auf diese und viele andere Fragen bietet das kleine Anwalts-ABC.
Von Tobias Gostomzyk
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A wie Ästhetik

Äußerlichkeiten sind für Anwälte wichtig. Autos gehören dazu. Sie polieren als Statussymbol nicht nur das eigene Ego auf, sondern signalisieren Mandanten auch, wie das Geschäft wohl läuft: Wer möchte einen Anwalt haben, der einen Opel Manta fährt? Porschefahrer sind gern unter sich, Jaguarfahrer auch. Weiter wollen Wirtschaftsanwälte ihren Mandanten mit repräsentativen Büros auf Augenhöhe begegnen, moderne Kunst als Wandschmuck eingeschlossen.

Der Grund? Ästhetik positioniert das Individuum für Kommunikation. Auch deswegen ist es längst üblich, die Lebensläufe, Fotos und Fachbeiträge von Anwälten öffentlich zu präsentieren. Speziell bei Doktortiteln und Masterabschlüssen handelt es sich um Design, genauer: Kriegsbemalung.

B wie Bücher

Druckwerke und Datenbanken können über den Erfolg vor Gericht entscheiden. Hier sind Otto-Normal-Anwälte gegenüber Großkanzleien oder spezialisierten Anwaltsboutiquen besonders im Nachteil. Es gibt Sozietäten, die jährlich über 50.000 Euro ausgeben, um ihre Bibliothek auf dem Laufenden zu halten. Eine umfangreiche Präsenzbibliothek ist wiederum Vorbedingung für qualitätsvolle Anwaltsarbeit. Schließlich müssen - sollen Mandanten und Richter beeindruckt werden - Rechtsprechung und Literatur umfassend ausgewertet werden. Wenn sich Wirtschaftskanzleien "wissenschaftliches Arbeiten" auf die Fahne schreiben, bezieht sich das zentral auf diese Recherchemöglichkeiten.

C wie Code

Es gibt etwas, was die Juristenausbildung nicht vermittelt, aber jeder Berufseinsteiger wissen sollte: Erst mit dem allmählichen Erlernen der Insider-Sprache, der Bedeutung und Verwendung vorhandener Symbole, dem Erfassen der spezifischen Sinnzusammenhänge wächst ein Junganwalt in eine Kanzlei hinein und wird von den Kollegen akzeptiert. Dazu kann gehören, sich konservativ und damit seriös zu kleiden, Schriftsätze in einer bestimmten Diktion zu verfassen oder auffällig viel über Fußball zu reden.

Es spielt eine für die Karriere entscheidende Rolle, ob man zu einer Kanzlei "passt" - also zu Kollegen und Kanzleikultur: Konform zu sein, bringt mithin Vorteile. Konform zu sein, ist aber nicht alles. Denn erfolgreich zu sein, heißt oftmals auch, anders als die anderen zu sein (Woody Allen).

D wie Deutsch

Stilkunden für Juristen gibt es inzwischen etliche - und sie sind nötig: Die professionelle Rechtssprache beruht auf einer fachlichen Umgangssprache. Neben den überwiegend im alltagssprachlichen Sinn eingesetzten Begriffen existieren Fachausdrücke. Sie ermöglichen eine höhere sprachliche Differenzierung als der Alltagswortschatz.

Doch sind die stilistischen Eigenarten des "Juristendeutschs" eine Unart: Substantivierungen und Wortwiederholungen zählen genauso dazu wie Schachtelsätze und Passivkonstruktionen. Deshalb bieten dienstleistungsorientierte Wirtschaftskanzleien ihren Anwälten inzwischen Sprachtrainings, um beispielsweise professionelle Korrespondenz mit Mandanten zu üben. Marketing fängt bei der Sprache an.

E wie Examensnoten

Nachwuchsjuristen denken immer nur an das eine: ihr Examen. Das gesamte Studium und erst recht im Referendariat starren sie auf die Prüfungen wie das Kaninchen auf die Schlange. Sie reden so häufig über das Examen wie andere über das Wetter - und das mit Recht. Denn bekanntlich sind die Examensnoten maßgeblich für die Karriere: Die erfolgreichsten Kanzleien wollen die besten Absolventen. Auch verschaffen gute Noten Anerkennung und Respekt.

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Volldemütigend: Juristen im Würgegriff der Noten

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Doch warum sind Juristen im Vergleich mit anderen Studienrichtungen dermaßen notenfixiert? Was genau testen die Examina? Geschwindigkeit beim Schreiben und Wissensfülle? Kreativität, Selbstständigkeit und Unternehmertum jedenfalls nicht. Über den Erfolg als Anwalt entscheiden jedoch alle Fähigkeiten und Fertigkeiten gleichermaßen. Jedes Misslingen hat eben seine Gründe, jedes Gelingen sein Geheimnis.

F bis J - "Wie uns die Zeit entfaltet"

F wie Fristen

50 Prozent aller Haftpflichtfälle beruhen auf Fristversäumnissen. Deshalb gehört die Fristenkontrolle zu den wichtigsten Aufgaben einer Kanzlei. Zugleich verbessert sie die Arbeitsorganisation. Zu den Geboten der Fristenkontrolle gehören etwa: Aus einer Akte muss eindeutig ersichtlich sein, wann eine bestimmte Frist zu laufen beginnt.

Ergeben sich Fristen aus der Eingangspost, sind sie unverzüglich zu notieren. Verjährungsfristen müssen zu Beginn eines Mandats eingetragen werden (später denkt man nicht mehr daran). Eine Frist darf erst gestrichen werden, wenn sie wirklich erledigt ist. Gewissenhafte Genauigkeit ist unerlässlich!

G wie Gefühle

Immer wenn's ums Recht geht, gilt die Aufmerksamkeit nicht nur dem positiven Recht, sondern auch dem Rechtsgefühl. Hinter jedem Gesetz stehen Menschen mit Rechtsüberzeugungen, hinter jeder bedeutsamen Gerichtsentscheidung steht mindestens eine Richterpersönlichkeit, die sich für ihre Sicht des Gesetzes einsetzt und Interpretationsspielräume füllt.

Gute Anwälte wissen das für sich zu nutzen: Zum einen, indem sie komplexe Rechtsfälle in einfache, tief in unserer Rechtskultur verwurzelte Rollenkonzepte überführen, um bei Richtern einen emotionalen Punkt zu treffen - Großkonzern gegen schutzbedürftiges Kleinunternehmen; publizistisches Gewinnstreben gegen Schutz der Persönlichkeit. Zum anderen ist oftmals nicht das Wissen entscheidend, sondern die Intuition. Es kann ausschlaggebend sein, Stimmungen des Richters zu erkennen, zu bewerten und in die eigene Argumentation einzubeziehen.

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Hungertuch-Alarm: Was Junganwälte verdienen

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H wie Haftung

Durchschnittlich meldet ein Anwalt seiner Berufshaftpflichtversicherung alle vier bis fünf Jahre einen Versicherungsfall. Ob ein Anspruch auf Schadensersatz jeweils begründet ist, steht auf einem anderen Papier. Doch kann man davon ausgehen, dass es eine weitaus größere Dunkelziffer gibt - also Mandatsbearbeitungen, die Haftungsfälle hätten sein könnten.

Fehler können zum Verlust von Mandaten führen und schlimmstenfalls die Existenz ruinieren, wenn kein ausreichender Versicherungsschutz besteht. Die Aufgabe des Anwaltes ist es, den Sachverhalt zu erforschen und alle rechtlichen und finanziellen Risiken abzuwägen, um dann ihren Mandanten den sichersten Weg zu weisen.

I wie Identität

Wer Anwalt wird, sollte sich prüfen, wer sich um eine Festanstellung bewirbt allemal: Was kann ich? Was will ich? Wo möchte ich hin? Oft haben Berufseinsteiger keine Klarheit darüber, was sie wirklich können und wollen. Wie finden sie es heraus? Bewerber müssen sich ihre fachlichen und sozialen Kompetenzen vergegenwärtigen und hieraus Tätigkeitsfelder ableiten - beispielsweise als Anwalt mit besonderer Leidenschaft für Medizin und Recht oder Immobilien und Recht.

Das kann mühsam sein, lohnt sich aber. Denn die Zeit verwandelt uns nicht, sie entfaltet uns nur (Max Frisch). Mehr noch: Streng genommen gibt es keine Gewissheiten, sondern nur Menschen, die sich ihrer Sache gewiss sind.

J wie Juristenschwemme

Die Anwaltschaft hat ein Massenproblem. 1993 gab es rund 70.000 Rechtsanwälte in Deutschland, im Jahr 2010 waren es bereits mehr als doppelt so viele, 2015 werden es voraussichtlich 190.000 sein. Schließlich ist die Begeisterung für das Jurastudium ungebrochen. Doch beim Blick auf den Arbeitsmarkt entsteht Ernüchterung, denn die Konkurrenz ist groß: 80 Prozent der Nachwuchsjuristen werden Anwalt, jährlich kommen 6000 bis 7000 Advokaten dazu.

K bis P - "Kamele, mit denen man durch die Wüste kommt"

K wie Kundenbeziehung

Der Mandant ist ein unbekanntes Wesen. Meist ist es ein Mythos anzunehmen, er wisse genau, was er will. Seine Interessen und Bedürfnisse gilt es zu analysieren und zu interpretieren. Erst dann stellt sich die Frage, was rechtlich zu erreichen und wirtschaftlich sinnvoll ist.

Auf diesem Weg hin zu Lösungsansätzen ist es ratsam, weniger an sich und mehr an den Mandanten zu denken. Er wird es ihnen danken - vor allem wenn sie dann seine Probleme nicht nur theoretisieren, sondern tatsächlich lösen. Will ein Anwalt seinen Mandanten überdies als Topjurist gegenübertreten, gilt, was schon Dagobert Duck wusste: "Man muss auf irgendeinem Gebiet besser und möglichst nirgendwo schlechter sein als der Durchschnitt."

L wie Lachen

"Humor und Geduld sind die Kamele, mit denen man durch die Wüste kommt" (Phil Bosmans). Ein wahres Wundermittel zur Erzeugung eines freundlichen Arbeitsumfelds ist soziale Zuwendung: ein Lächeln, ein Lob, ein freundlicher Brief. Die meisten Anwälte unterschätzen diesen Faktor systematisch - im Privat- wie im Berufsleben. Auch missmutige Partner einer Kanzlei sollten sich ihr Auftreten überlegen: Nachweisbar ist nicht Geld die treibende Kraft für Mitarbeiter-Motivation, sondern vor allem soziale Anerkennung.

M wie Multitasking

Menschen - auch Anwälte - können mehrere Dinge nicht auf einmal erfolgreich bewältigen. Vielmehr sind sich Psychologen, Neurowissenschaftler und Ökonomen beim Thema "Multitasking" einig: Das menschliche Gehirn ist einer Doppelbelastung nicht gewachsen. Sie führt zwangsläufig zu mehr Fehlern und keineswegs zu Zeitersparnis.

Es hilft also nur eines: Prioritäten setzen, das Wichtigste bearbeiten und dabei Unterbrechungen vermeiden. Zugleich gilt: Wer konzentriert arbeitet, schafft nicht nur mehr und Besseres in kürzerer Zeit, sondern fühlt sich auch deutlich weniger unter Druck. Wer dagegen weiter versuchen möchte, zu viele Möglichkeiten auf einmal zu realisieren, wird zwangsläufig auch etwas produzieren: Stress.

N wie Networking

Jeder Anwalt hat einen zeitintensiven Nebenjob: das Networking. Er muss die bestehenden Kommunikationsbeziehungen betreuen und neue aufbauen. Netzwerke zu knüpfen, ist wiederum Voraussetzung für den beruflichen Erfolg.

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Winkel-Advokaten: Die Spezialisten

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Dabei geht es nicht vorrangig darum, andere Leute für sich einzuspannen oder sie als Weihnachtsgans zu sehen, die sich ausnehmen ließe. Vielmehr ist das ernsthafte Interesse an einer Person und ihrer Erfahrung entscheidend: "Das ist mein Ziel. Bitte lass' mich wissen, was dir dazu einfällt." Das wird der Befragte in aller Regel positiv aufnehmen und dann ohne große Mühen auch tatsächlich weiterhelfen. So entsteht eine Kommunikationsbeziehung, die zur Kundenbeziehung werden kann.

O wie Oldies

Senioren unter den Anwälten sind im Vorteil: Sie beherrschen den Markt und entscheiden als Partner in größeren Kanzleien über Berufseinstieg und Fortkommen von jüngeren Kollegen. Sie verfügen über Netzwerke, sind als Referenten für Seminare und Vorträge gefragt und geben Fachzeitschriften und Kommentare heraus. Sie konnten sich in einer Zeit entwickeln, die von stetigem Wirtschaftsaufschwung gekennzeichnet war, und Rücklagen bilden.

Obendrein sind die Oldies unter den Rechtsberatern oftmals die besseren Anwälte. Denn selbst bei gleich guter Qualifikation wird der erfahrene Anwalt regelmäßig der bessere sein. Mit schnellem und scharfem Denken - hier könnten junge Juristen biologisch einen Vorsprung haben - lässt sich das kaum kompensieren.

P wie Partnerschaft

Wer nicht den Weg des Einzelanwalts aus Überzeugung einschlägt, will Partner einer Sozietät werden. Als Partner muss man ebenfalls Unternehmer und damit eine facettenreiche Persönlichkeit sein: Neugierig auf Menschen, ideenreich, durchsetzungsstark.

Außerdem muss ein Anwärter für den "Partnertrack" zur Familie der übrigen Partner passen - und wie in allen Familien gibt es Streit und Konflikte. Ein erfahrener Rechtsanwalt gab kürzlich den Hinweis: "Partner wird, wer sich wie ein Partner verhält." Das mag richtig sein, denn selbst Skispringer wissen: "Man kann immer nur so weit springen, so weit man im Kopf ist." (Jens Weißflog)

Q bis V - "Verkaufen heißt zuhören"

Q wie Qualität

Die Qualität eines Anwalts hat - neben seinen Fähigkeiten und seinem Fachwissen - mit Anstrengung und Ausdauer zu tun. Aus dem Ärmel schütteln lässt sie sich nicht.

Für den Erfolg eines Anwalts ist seine Qualität notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung. Genauso wichtig sind die Vermittlung von Kompetenz und Organisationsvermögen: Kompetenz vermittelt beispielsweise, wie anwaltliche Schreiben und Schriftsätze aussehen (sind die Gliederung und das Schriftbild übersichtlich?) und wie ein Anwalt formuliert. Eine einfache und deutliche Schreibe erleichtert nicht nur das Verständnis, sondern erhöht auch die Wertschätzung, die ein Leser dem Autor entgegenbringt. Organisationsvermögen bedeutet beispielsweise, die Büroabläufe so einzurichten, dass sich Arbeitsaufträge zügig und zuverlässig bearbeiten lassen.

R wie Rechtsberater

Wollen Anwälte Erfolg haben, müssen sie nicht nur Rechtsberater sein, sondern multiple Persönlichkeiten verkörpern. Sie müssen über Fähigkeiten verfügen, die sie nie gelernt haben: Schreiben wie ein Journalist, einfühlsam sein wie ein Seelsorger, klug taktieren wie ein Diplomat, mit Computern umgehen wie ein EDV-Fachmann, Mandanten mitunter erziehen wie ein Pädagoge, sie ergründen wie ein Psychologe, vor Gericht auftreten wie ein Schauspieler, Geschäftsfelder erschließen wie ein Unternehmer, Aufsätze schreiben wie ein Wissenschaftler - und vor allem sie selbst sein.

S wie Spezialisierung

Die gute Nachricht: Jeder Mensch hat die Chance, etwas zu verbessern - sich selbst. Fachliche Spezialisierung gehört dazu. Die schlechte: Auch ein Fachanwaltstitel besagt zunächst nur, dass man etwa im Steuer-, Versicherungs- oder Familienrecht Fortbildungen absolviert und praktische Erfahrungen gesammelt hat. Erfahrung wiederum heißt manchmal gar nichts, man kann seine Sache auch etliche Jahre falsch machen.

Fürs Auswendiglernen mag es immerhin Fleißkärtchen geben. Doch über Spezialkenntnisse hinaus braucht ein guter Jurist noch andere Eigenschaften: eine Mixtur aus analytischen, sprachlichen und sozialen Fähigkeiten, die sich in Lernprozessen nicht beliebig steigern lassen. Gleichwohl wird der Fachanwaltstitel ein begehrtes Marketinginstrument bleiben: Fachanwälte verdienen regelmäßig besser als ihre titellosen Kollegen.

T wie Termine

"Der Mensch besitzt nichts Edleres und Kostbareres als die Zeit" (Ludwig van Beethoven). Das gilt auch für Anwälte. Mehr noch: Zeit ist Geld. Es muss also darum gehen, sie am besten zu nutzen - und nicht Akten zu stapeln: Nicht bearbeitete Mandate verzögern nicht nur den Abschluss des Mandats, sondern auch dessen Abrechenbarkeit. Als Anwalt muss es darum gehen, Termine und Fristen systematisch und zielorientiert zu planen. Der Grund dafür hat wenig mit Recht, aber viel mit Business zu tun.

U wie Unternehmertum

Rechtsberatung ist nur ein Teil des Geschäfts. Anwälte sind nicht nur Organe der Rechtspflege, sondern müssen auch als Unternehmer handeln. Auf die Akquise von Mandaten bereiten aber weder das Jurastudium noch das Referendariat vor. Sicher gibt es Naturtalente. Doch die anderen müssen mühsam lernen. Hier lediglich ein Tipp aus der Literatur: "Verkaufen heißt zuhören, sich fragen, was der andere möchte - und ihm dies anbieten. Zugleich muss man bezaubern können, wenn man etwas Wesentliches erhalten will" (Franz Kafka).

Außerdem sind Anwälte keine Götter in Schwarz, sondern Dienstleister auf hohem Niveau: Sie müssen zeigen, dass sie ihr soziales und wirtschaftliches Umfeld verstehen und für ganz reale Probleme vernünftige und brauchbare Ergebnisse erarbeiten.

V wie Vertrauen

Nur schwer kann ein Mandant erkennen, ob er es mit einem "guten" Anwalt zu tun hat. Meist leidet er - zumal als Privatkunde - unter einem Informationsdefizit. Denn die Güte von Schriftsätzen lässt sich von Nicht-Juristen nur begrenzt beurteilen. Es existiert ein Experten-Laien-Gefälle, juristische Güte wird zur gefühlten Qualität. So ist es kein Zufall, wenn Anwälte zwischen 50 bis 70 Prozent ihrer Mandate durch Weiterempfehlung erhalten: Nichtwissen wird durch den Tipp eines anderen ersetzt, auf dessen Wissen und Erfahrung man vertraut. Es ist die Aufgabe von Anwälten, dieses Vertrauen nicht zu enttäuschen.

W bis Z - "Nie ist das menschliche Gemüt heiterer gestimmt"

W wie Werbung

Angesichts des immensen Zuwachses an Juristen hat ein Verdrängungswettbewerb für kleine und mittelständische Kanzleien begonnen, der nicht zuletzt mit den Mitteln der Aufmerksamkeitsökonomie bestritten wird. Anwälte wollen ihr Profil schärfen und erhöhen darum den Aufwand für Öffentlichkeitsarbeit.

Das Polieren am Image gilt auch für Großkanzleien. Sie leiden vor allem an der Unübersichtlichkeit des Marktes. Auch unterscheiden sich ihre Leistungen kaum: Warum soll sich ein Klient mit Beratungsbedarf im Gesellschaftsrecht für Freshfields und nicht für Linklaters entscheiden? Allerdings schiebt die Berufsordnung allzu extravaganten Ideen einen Riegel vor. Im Kern ist aggressive Werbung verboten, nur sanftes Marketing erlaubt.

X wie X-fach mobil

Auch Anwälte wechseln Kanzleien. Anwälte aus Großkanzleien tun dies sowohl zwangsweise als auch aus freien Stücken: Im Zuge der Internationalisierung werden immer weniger Anwälte Partner. In den USA kommen auf einen Partner vier angestellte Juristen, in Deutschland ein bis zwei. Diese "Leverage" drückt die Rentabilität.

Daher ist in international geprägten Großkanzleien die oberste Stufe auf der Karriereleiter immer häufiger versperrt. Von 15 Neueinstellungen wird im Schnitt nur einer Sozius. Dadurch schwindet die Loyalität zum Arbeitgeber, Bindungen kommen immer häufiger auf den Prüfstand. Eine Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen trifft jedoch auch Berufseinsteiger am unteren Ende der Skala: Keine Festeinstellung, sondern freie Mitarbeit ist immer häufiger die Realität.

Y wie Yuppie

"Je mehr Vergnügen du an deiner Arbeit hast, desto besser wird sie bezahlt." Dieser Satz stammt von Mark Twain, für Anwälte dürfte er nur bedingt gelten. Viele arbeiten rund um die Uhr in klimatisierten Büros, obwohl draußen die Sonne scheint und die Vögel zwitschern. In Großkanzleien nennt man das üppige Salär deshalb auch Schmerzensgeld. Es soll einen gehobenen Lifestyle ermöglichen: Harte Arbeit für ein besseres Leben! Zugegebenermaßen ist das immer noch besser als eine überdurchschnittliche Arbeitsbelastung bei unterdurchschnittlicher Vergütung.

Z wie Zu guter Letzt

Etliche Juristenkarrieren führen am Leben vorbei. Doch das letzte Hemd kennt bekanntlich keine Taschen. Fakt ist, Juristen sterben statistisch gesehen früher: Nach einer Untersuchung des britischen Mediziners Peter McCarron ist ihr Todesrisiko etwa um 30 Prozent höher als das von Medizinern. Und niemand wird am Ende seines Lebens bereuen, nicht noch mehr Stunden im Büro verbracht zu haben.

Es gehört zu den Regeln der Lebenskunst, sich zu vergegenwärtigen, dass das eigene Leben nicht die Probe für etwas ist, das noch kommt. Deshalb sollte keiner Anwalt wider Willen, sondern nur aus Berufung werden: "Nie ist das menschliche Gemüt heiterer gestimmt, als wenn es seine richtige Arbeit gefunden hat" (Alexander von Humboldt).

Tobias Gostomzyk (Jahrgang 1973) ist Anwalt der Wirtschaftskanzlei KSB INTAX  in Hannover und auf Fragen des Medienrechts spezialisiert.

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