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Kohlekraft gegen Umweltschutz "Der Klimawandel ist für Unternehmen ein Topthema"

Brandbriefe verschicken und vor dem Klimawandel warnen - soll man sich als Geschäftsführer politisch so exponieren? Warum das eine gute Idee ist, erklärt Ulrich Goldschmidt vom Verband Deutscher Führungskräfte.
Ein Interview von Lisa Duhm
Foto: STR/ AFP

Was passiert, wenn sich ausgerechnet der weltweit größte unabhängige Vermögensverwalter das Thema Klimaschutz auf die Fahnen schreibt, lässt sich seit vergangenem Dienstag beobachten. Da schickte Larry Fink, Chef von Blackrock, einen Brandbrief an Topmanager führender Konzerne, auch in Deutschland. Die Botschaft: Die Firmen sollten sich gefälligst mehr um den Klimaschutz kümmern. „Das Bewusstsein der Bürger ändert sich rasant, und ich bin überzeugt, dass wir vor einer fundamentalen Umgestaltung der Finanzwelt stehen", schreibt Fink darin.

Der Klimawandel sei fast immer das wichtigste Thema bei Gesprächen mit Kunden überall auf der Welt, so Fink weiter. Wie aber sollten sich Firmenchefs zu dem Thema verhalten? Ulrich Goldschmidt, ehemaliger Vorstandsvorsitzender des Verbands der Deutschen Fach- und Führungskräfte, meint: Eine deutliche Positionierung ist heute unabdingbar – und ist auch eine wirtschaftliche Investition.

Der SPIEGEL: Herr Goldschmidt, Blackrock Chef Larry Fink hat einen Brandbrief an Topmanager geschickt. Darin fordert er sie auf, mehr für den Klimaschutz zu tun. Ein kluger Schachzug?

Ulrich Goldschmidt: Auf jeden Fall. Ich will Herrn Fink nichts unterstellen, bezweifle aber, dass er rein aus persönlicher Überzeugung gehandelt hat. Er denkt vor allem wirtschaftlich, und da hat er eine ganz wichtige Botschaft gesendet. Fink erkennt mit seinem Brief den Klimaschutz als sehr wichtiges Thema an. In der Vergangenheit hat Blackrock viel Geld verloren, weil das Unternehmen weiter an fossilen Energieträgern festhielt. Jetzt scheint Fink realisiert zu haben, dass er die Wünsche seiner Anleger berücksichtigen muss. Und denen ist Klima- und Umweltschutz zunehmend wichtig.

Foto: Die Führungskräfte/ Gerhard Blank

Ulrich Goldschmidt war bis Juli 2019 Vorstandsvorsitzender des Berufsverbandes DFK, dem Verband für Fach- und Führungskräfte. Der Verband hat rund 25.000 Mitglieder. Seitdem arbeitet er als Senior Advisor im DFK. Seine Kernthemen sind Führungsfragen, New Work, Vergütung und Corporate Governance.

SPIEGEL: Fink nutzt den Klimaschutz also, um seine wirtschaftlichen Interessen zu fördern.

Goldschmidt: Ich will nicht ausschließen, dass Fink privat ein begeisterter Klimaschützer ist. Erst mal ist seine Erkenntnis aber sicher: Hier lässt sich Geld verdienen. Wenn wir wirklich ernst machen mit Klimaschutz und entsprechender Energietechnik, öffnet sich da quasi ein ganz neuer Markt.

SPIEGEL: Wie politisch müssen Führungskräfte heute auftreten, um erfolgreich zu sein?

Goldschmidt: Die Erwartungen an Unternehmen haben sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Führungskräfte sollen sich klar positionieren, gerade auch politisch. Unternehmen tragen eine gesellschaftliche Verantwortung und wenn sie Erfolg haben wollen, müssen sie dieser gerecht werden. Dem müssen dann aber auch die Vorstände gerecht werden. Ökonomen sprechen davon, dass die Interessen von Stakeholdern, also von Menschen und Gruppen mit berechtigten Interessen, heute immer stärker in den Fokus treten. Das bedeutet, dass die Meinung derjenigen wichtiger wird, die normalerweise nur indirekt Einfluss auf ein Unternehmen nehmen: Kunden etwa, Nichtregierungsorganisationen oder die eigenen Mitarbeiter.

SPIEGEL: Chefs sollten also mutiger ihre Meinung sagen?

Goldschmidt: Das passiert auf jeden Fall viel zu wenig. Ein gutes Vorbild ist Siemens-Chef Joe Kaeser. Er hat es damals mit Alice Weidel aufgenommen, als die gegen die von ihr so betitelten „Kopftuchmädchen“ hetzte. Kaeser schrieb auf Twitter: "Lieber ‚Kopftuch-Mädel‘ als ‚Bund Deutscher Mädel‘“. Und im vergangenen Sommer stellte er sich gegen die Festnahme von Sea-Watch Kapitänin Carola Rackete. Er ist dafür unglaublich verprügelt worden, man warf ihm vor, er könne Anleger verärgern und sein Unternehmen gefährden.

SPIEGEL: Ist das nicht eine reale Gefahr?

Goldschmidt: Wer so denkt, ist doch etwas naiv. Kein Investor würde sich ernsthaft gegen Siemens entscheiden, weil der Chef sich gegen Rassismus gestellt hat.

SPIEGEL: Ausgerechnet Kaeser geriet in die Kritik, weil die „Fridays for Future“-Bewegung gegen ihn und Siemens protestiert. Die Demonstranten sind wütend, weil das Unternehmen in Australien weiter in den Kohlesektor investiert. Doch Kaeser hält an dem Projekt fest.

Goldschmidt: Die mit Siemens geschlossenen Verträge sehen lediglich vor, dass das Unternehmen Signalanlagen für die Transportwege einer Kohlemine liefern soll. Bei aller Sympathie für Fridays for Future halte ich es deshalb auch nicht für klug, sich jetzt an Siemens und Herrn Kaeser abzuarbeiten. Das wäre in etwa so, als würde man einen Automobilzulieferer dafür angreifen, dass er Autositze für klimaschädliche PKWs liefert. Stattdessen sollte man doch eher gegen den Betreiber der Kohlemine oder den Einsatz von australischer Kohle in Kraftwerken protestieren, wenn man etwas für den Klimaschutz bewirken möchte.

Würde der Vorstand von Siemens jetzt beschließen, diese Verträge nicht zu erfüllen, würde man vertragsbrüchig, müsste vermutlich eine erhebliche Vertragsstrafe zahlen und würde bei potentiellen Kunden den Ruf eines verlässlichen Vertragspartners verlieren. Die Vorstände selbst müssten vielleicht sogar persönlich Schadensersatz leisten. Seinem eigenen Unternehmen bewusst Schaden zu zu fügen, wird man von keinem Vorstand erwarten dürfen.

SPIEGEL: Wo liegen die Grenzen der politischen Positionierung?

Goldschmidt: Natürlich wird sich der Chef eines Energiekonzerns nicht hinstellen und sagen: ‚All unsere Kraftwerke sind Teufelswerk‘. Das erwartet aber auch niemand. Es reicht zum Beispiel, in diese Richtung zu formulieren: ‚Wir sehen, dass die gesellschaftliche Akzeptanz für die heutige Energieversorgung schwindet. Und wir sehen unsere Verantwortung, diese Versorgung auch in Zukunft sicher zu stellen.“ Das muss man dann aber auch belegen können, damit da nicht nur hohle Phrasen stehen.

SPIEGEL: Gibt es Tabuthemen für Führungskräfte?

Goldschmidt: Parteipolitik gehört ganz klar nicht in den Betrieb. Mitarbeitern etwa kurz vor der Wahl eine bestimmte Partei zu empfehlen, geht gar nicht. Ich würde auch jedem raten, die Finger vom Thema Religion zu lassen. Da ist ein rationaler Diskurs schwierig, weil es eben um Dinge geht, an die man glaubt. Das hindert mich als CEO aber nicht daran, politische Themen aufzugreifen.

SPIEGEL: Wie macht man es richtig?

Goldschmidt: Wichtig ist, das eigene Argument immer an Sachthemen festzumachen. Nehmen wir das Beispiel AfD, davor fürchten sich viele. Natürlich sollte man als Chef nicht plump sagen, dass die Partei nicht wählbar ist. Aber man kann argumentieren, dass es schädlich für unsere Industrie ist, die Grenzen dicht zu machen. Allein kann Deutschland den Fachkräftemangel nämlich nicht lösen. Ohne den Namen der Partei zu nennen, kann man sich so gegen die AfD positionieren. Das ist imagefördernd und man zeigt, dass man den Zeitgeist verstanden hat. Liebe CEOs, macht sowas!

SPIEGEL: Wie sollten denn die von Fink angesprochenen Topmanager auf dessen Brief reagieren?

Goldschmidt: Falsch wäre, einfach nichts zu tun und zu schweigen. Damit würden sie eine unangenehme Gegenreaktion provozieren. Stattdessen würde ich ihnen raten, das eigene Geschäftsmodell kritisch zu hinterfragen und auch die Bereitschaft zu zeigen, es umzustellen. Das zeigt, dass sie langfristig Verantwortung für ihre Unternehmen tragen wollen und sie einen Plan haben, wie sie auf bevorstehende Ereignisse reagieren wollen. Klimawandel ist für Unternehmen ein Topthema. Und dazu noch eines, aus dem sich spannende neue Geschäftsmodelle ergeben können. Jeder Geschäftsführer sollte darauf vorbereitet sein. Wenn es deswegen Kritik an seiner Person gibt, muss er das auch mal aushalten.

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