Elitesoldaten der KSK "Koste es, was es wolle, wir holen dich da raus"

Sie sind die härteste Truppe der Bundeswehr: Die geschätzt 300 Soldaten des Kommandos Spezialkräfte, deren lebensgefährliche Einsätze streng geheim sind. Hier berichten zwei KSKler von ihrem Arbeitsalltag.

Bundeswehrsoldaten der Eliteeinheit Kommando Spezialkräfte (KSK) trainieren in Magdeburg den Häuserkampf und eine Geiselbefreiung
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Bundeswehrsoldaten der Eliteeinheit Kommando Spezialkräfte (KSK) trainieren in Magdeburg den Häuserkampf und eine Geiselbefreiung


Weil eine Kamera läuft, trägt Jens während des Interviews eine olivfarbene Sturmhaube. Nur die Augen sind zu sehen. Mehr geht nicht. Die Nase wäre schon zu viel, dann könnte man ihn per biometrischer Gesichtserkennung identifizieren.

Jens, der natürlich so nicht heißt, ist 37 Jahre alt und seit zehn Jahren beim KSK, dem Kommando Spezialkräfte - der wohl härtesten Einheit der Bundeswehr, um die sich reichlich Mythen und Legenden ranken. Nicht zuletzt, weil ihre lebensgefährlichen Operationen und die Identität der Soldaten strengster Geheimhaltung unterliegen, um sie und ihre Familien vor Racheakten zu schützen.

Jens steht in der Ruine eines alten Kasernengebäudes auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow in Sachsen-Anhalt. Um ihn herum liegen Rücksäcke, Scharfschützengewehre, Nachtsichtbrillen, Gefechtshelme - was man so alles in Spezialoperationen mitnimmt. Jens wollte eigentlich Leistungssportler werden, hat studiert und landete schließlich bei der Bundeswehr. Heute gehört der Ausbilder zu den ältesten in der Truppe, wirkt aber immer noch fitter als einige seiner zehn Jahre jüngeren Kameraden. Er ist größer als die meisten und hat die Figur eines Kampfsportlers. In den vergangenen 72 Stunden hat er nur 4 Stunden geschlafen. Man merkt ihm davon nichts an.

Gegründet wurde das Spezialkommando vor 20 Jahren mit dem Auftrag, Deutsche aus Kriegs- und Krisengebieten zu retten, also: Geiseln zu befreien. Diesem Hauptauftrag konnte die Truppe seitdem allerdings nicht nachkommen. Die Elitekämpfer haben in den vergangenen 20 Jahren Kriegsverbrecher auf dem Balkan festgenommen und kamen - und kommen wohl noch - in Afghanistan zum Einsatz, wo 2013 ein Soldat der Elitetruppe getötet wurde. Aber wenn Deutsche im Ausland verschleppt wurden, hat noch niemand das KSK gerufen.

Eine zerschossene Puppe im Schießausbildungszentrum auf dem Kasernengelände des KSK
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Eine zerschossene Puppe im Schießausbildungszentrum auf dem Kasernengelände des KSK

Nur wenige Tage vor der Übung, die Jens in Magdeburg absolviert, war ein 70-jähriger Deutscher von der Terrorgruppe Abu Sayyaf auf den Philippinen enthauptet worden - nach monatelanger Geiselhaft. Es kann viele politische Gründe geben, dass das KSK in solchen Fällen nicht ausrückt. Für die Soldaten ist es aber oft bitter. Für sie sei die Geiselbefreiung weiter die Kernaufgabe, sagt Jens. "Koste es, was es wolle. Wir holen dich da raus. Diese Passion tragen die Leute in sich." Und was macht das mit einem, wenn man dann die Bilder von den Philippinen im Fernsehen sieht? "Es ist frustrierend, aber man lernt, damit umzugehen." Es gehört zum Soldatenberuf: Man weiß, was man kann. Aber wann man es anwenden darf, entscheidet die Politik.

Die Soldaten in seiner Kompanie kennen sich teilweise seit 15 Jahren. Sie teilen auch die Entbehrungen, die ihr Job bringt. Familie kann nicht an erster Stelle stehen, wenn man 270 Tage im Jahr unterwegs ist - im Einsatz oder auf Übung. Jens drückt das so aus: "Ich habe Familie, aber mit klarem Rahmen." Zum Rahmen der KSKler gehört auch, dass nur der engste Familien- und Freundeskreis von ihren Jobs erfährt. Die meisten haben es vielleicht einer Handvoll Menschen erzählt. Und was im Einsatz passiert, soll ohnehin in der Truppe bleiben.

2006 warf der von den USA viele Jahre in Guantanamo festgehaltene Deutsch-Türke Murat Kurnaz KSK-Soldaten vor, ihn im afghanischen Kandahar misshandelt zu haben. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss brachte keine eindeutige Klärung. Wenige Jahre später spielte das KSK erneut eine Rolle in einem Untersuchungsausschuss. Diesmal ging es um das von einem Bundeswehroberst befohlene Bombardement zweier Tanklaster in der afghanischen Provinz Kundus, bei dem 2009 etwa 100 Menschen starben.

Soldaten auf dem Kasernengelände des Kommandos Spezialkräfte
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Soldaten auf dem Kasernengelände des Kommandos Spezialkräfte

Stationiert sind die deutschen Kommandosoldaten am Bundeswehrstandort in Calw, einem kleinen unscheinbaren Nest im Schwarzwald. Auch Frauen steht der Weg ins KSK offen, bei den Unterstützungskräften gibt es Soldatinnen. Bisher hat aber keine Frau den körperlich und psychisch extrem fordernden Eignungstest für die Kommandotruppe bestanden. Die Zahl der Elitesoldaten wird in Medienberichten mit etwa 300 beziffert. Offiziell bestätigt ist das nicht: "Betriebsgeheimnis", heißt es.

Nur der Kommandeur zeigt Gesicht und gibt seinen Namen preis. Bisher hatte keiner so lange das Kommando über die Elitetruppe wie Dag Baehr. Der 51-jährige Brigadegeneral zählte 1996 zu den ersten Soldaten, die das harte Auswahlverfahren für das kurz KSK bestanden. Ende Juni gab er das Kommando ab. Im dpa-Interview gab er nun einige Informationen über die hochgeheime Truppe preis:

Frage: Wie viele KSK-Anwärter schaffen das harte Auswahlverfahren mit der sogenannten Höllenwoche?

Baehr: Zwischen zehn und 12 Prozent haben das während der vergangenen 20 Jahre geschafft. Bei dem hohen Bewerberaufkommen waren es am Anfang noch geringere Quoten von acht bis zehn Prozent. Das hat sich inzwischen bei 15 bis 18 Prozent eingepegelt. Das entscheidende ist der Muskel zwischen den Ohren: die Willensstärke. Wenn Sie über die nicht verfügen, kommen Sie nicht durch.

Brigadegeneral Dag Baehr
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Brigadegeneral Dag Baehr

Frage: Warum ist das KSK so geheim?

Baehr: Zum Schutz der Identität der Soldaten ist Geheimhaltung grundsätzlich erforderlich. In den ersten Jahren des Balkaneinsatzes gab es schon so etwas, was man als Vergeltungsrisiko bezeichnen konnte. Es ist aber auch nicht so, dass wir gar nicht informieren. Wir machen noch nicht einmal einen kleinen Finger krumm, ohne dass das auf eine ministerielle Weisung zurückgeht und damit letztendlich auch auf einen mandatierten Einsatz. Und auch das Ministerium kann es sich nicht leisten, etwas zu verschweigen. Dazu hängen viel zu viele Leute nicht nur an ihren politischen, sondern auch an ihren militärischen Karrieren.

Frage: Es werden nur einzelne Abgeordnete des Bundestags informiert, die zum Schweigen verpflichtet sind. Die breite Öffentlichkeit erfährt kaum etwas.

Baehr: Das halte ich für eine Stellvertreterdiskussion, weil wir ein Problem mit dem Geheimen an sich haben. Wenn man hört geheim, dann führt das zur reflexhaften Annahme, dass es verboten sein könnte oder nicht kontrolliert ist. Da gibt es aber nichts, was völlig willkürlich im Einsatzgebiet passiert. Sie können als KSK-Soldat nicht irgendetwas im Einsatz machen, ohne dass das Ministerium oder das Einsatzführungskommando davon erfährt. Problematisch ist aus meiner Sicht eher, dass Informationen über die Einsätze unkontrolliert an die Öffentlichkeit geraten und dann Mythen und Legenden entstehen. Es ist schon passiert, dass über Einsätze in Afghanistan berichtet wurde, über die ich meine Soldaten schriftlich zur Verschwiegenheit verpflichtet habe.

Frage: Wie lange kann man Kommandosoldat bleiben?

Baehr: Es gibt da kein Haltbarkeitsdatum für Kommandosoldaten. Anfangs wollten wir am grünen Tisch ein Grenzalter festlegen. Wir haben dann festgestellt, dass eine solche Festlegung überhaupt keinen Sinn macht. Sie finden hier Leute, die mit 40 fitter sind als mancher mit 30. Warum sollte ich so jemandem dann verbieten, weiter hier Dienst zu tun? Jeder muss in Abständen von 12 bis 18 Monaten seine Tauglichkeit nachweisen. Dazu müssen Sie zum Sportmedizinischen Dienst der Bundeswehr. Die betrachten uns dort als militärische Zehnkämpfer, und wir werden alle auf Herz und Nieren untersucht. Da können Sie nicht bescheißen. Da zählt Ihr biologisches Alter und nicht das, das in Ihrem Pass steht. Es gibt auch Leute die sagen: Ich bleibe so lange beim KSK, bis ich hier mit dem Rollator rausgehe. Die muss man vor sich selber beschützen.

Michael Fischer/dpa/lgr

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