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Maren Hoffmann

Verweis für Soldatin wegen Datingprofils Sex ist Privatsache!

Maren Hoffmann
Ein Kommentar von Maren Hoffmann
Ein Kommentar von Maren Hoffmann
Zeigt das Verlangen nach Sex »Mangel an charakterlicher Integrität«? Ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zeigt peinliche Hilflosigkeit angesichts der Tatsache, dass in jeder Uniform ein nackter Mensch steckt.
Bundeswehr (Symbolfoto): In jeder Uniform ein Mensch

Bundeswehr (Symbolfoto): In jeder Uniform ein Mensch

Foto: Florian Gaertner / photothek / IMAGO

Ein Mensch, in diesem Fall ein weiblicher Mensch, möchte gern Sex haben und tut das auf einem Datingportal kund. Im richtigen Kontext kann das ein für alle Beteiligten erfreulicher Sachverhalt sein. Im Fall der Bundeswehrkommandeurin Anastasia Biefang störten sich Leute daran, die mit dem Wunsch nach Sex oder dessen Ausübung mit dieser Frau rein gar nichts zu tun hatten: Ihr Vorgesetzter erteilte ihr einen Verweis, weil er den Ruf der Bundeswehr in Gefahr sah.

Die Sache ging vor den Kadi, erst vor das Truppendienstgericht, dann bis zum Bundesverwaltungsgericht. Eigentlich, sollte man meinen, geht es auch den Arbeitgeber Bundeswehr doch gefälligst einen trockenen Kehricht an, was man nach Feierabend im Bett oder sonst wo treibt, solange man nicht öffentlich »ein Service Ihrer Verteidigungskräfte« dabei schreit.

Die Frau war aber privat auf dem Datingportal unterwegs und tat dort auch nicht kund, dass sie als Kommandeurin arbeitet. Gnädig stand ihr das Bundesverwaltungsgericht dann auch zu, dass sie im Internet »Kontakte mit Gleichgesinnten« suchen und über ihre geschlechtlichen Beziehungen frei bestimmen dürfe. Aber so ganz dann eben doch nicht: Die Soldatin müsse »Formulierungen vermeiden, die den falschen Eindruck eines wahllosen Sexuallebens und eines erheblichen Mangels an charakterlicher Integrität erwecken«.

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Nun ist es so, dass der Eindruck, nach allem, was man weiß, gar nicht so falsch war: Der Frau war sogar das Geschlecht ihrer Sexualpartner egal – »all genders welcome«, schrieb sie, »spontan« und »lustvoll«. Mehr Offenheit geht kaum.

Das mag nicht jedermanns Sache sein, aber was ist eigentlich falsch an einem wahllosen Sexualleben? Worin genau besteht der »Mangel an charakterlicher Integrität«, der auf ihrem Datingprofil sichtbar sein sollte? Und warum sollten für Anastasia Biefang Extraregeln gelten, weil sie als erste offen transgeschlechtliche Bataillonskommandeurin der deutschen Streitkräfte besonders bekannt ist?

Gehen wir die Sache mal durch: Ist Lust auf Sex ein Mangel an charakterlicher Integrität? Wohl kaum. (Kleiner Schwenk in die Geschichte: Das Gesetz, das Vergewaltigungen in der Ehe zur Straftat machte, trat erst am 1. Juli 1997 in Kraft. Das muss man sich klarmachen: Damals galt es in unserer Gesellschaft noch als okay, die Ehepartnerin zu vergewaltigen. Was mit Sex ungefähr so viel zu tun hat wie kochen damit, jemandem eine Bratpfanne über den Schädel zu ziehen. Aber das ist ein anderes Thema.)

Also: Wenn wir uns auf den kategorischen Imperativ als ziemlich kleinen gemeinsamen Nenner unserer Gesellschaft besinnen – die Maxime des eigenen Handelns müsse maßgeblich für eine allgemeine Gesetzgebung sein können – dann heißt das: Es ist okay, Sex haben zu wollen. Leute haben andauernd Sex, in der Ehe, außerhalb der Ehe, mit wem auch immer.

Das geht nur die Leute etwas an, die daran beteiligt sind. Ist es okay, Sex mit vielen verschiedenen Leuten beliebigen Geschlechts zu haben? Es kommt darauf an. Es ist nicht okay, Sex mit Leuten zu haben, die keinen wollen. Oder mit Leuten, die nicht frei darüber bestimmen können, ob sie welchen wollen – Kindern oder Menschen, die in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen.

Ansonsten: Klar ist das okay, solange alle freiwillig dabei sind. Ist es okay, Sex haben zu wollen und das privat in einem dafür vorgesehenen Rahmen kundzutun, obwohl man »überdurchschnittlich bekannt« ist? Klar ist das okay, solange man nur seinen eigenen Kopf hinhält und nicht auf den eigenen Arbeitgeber verweist.

Die Soldatin hat außerhalb ihrer Dienstzeit ihre private Leidenschaft ausgelebt. Oder vielmehr: kundgetan, dass sie sie ausleben will. Soldaten und Soldatinnen sind Bürgerinnen und Bürger in Uniformen. In jeder Uniform steckt: ein Mensch.

Mit eigenen Vorstellungen davon, was im Leben schön ist und wie er oder sie es leben möchte. Unterlassene Hilfeleistung ist ein Mangel an charakterlicher Integrität, sexuelle Belästigung ist ein Mangel an charakterlicher Integrität, in einer Tempo-30-Zone mehr als Tempo 30 zu fahren, ist ein Mangel an charakterlicher Integrität. Sex nach Feierabend fällt nicht in diese Kategorie.