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29. November 2011, 11:18 Uhr

Konferenz-Kritzeleien

Kreative zeichnen Sterne, Egomanen ihren Namen

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Ob Informatiker, Pfarrer oder Neurologe: Bei öden Meetings greifen alle gern zum Stift. Was sie da kritzeln, wissen die Nebenbei-Zeichner oft selbst nicht genau. Sechs Bürokünstler zeigen ihre schönsten Werke - und Psychologen verraten, wie man sie deuten kann.

Kritzeln kann beim Lernen helfen. Auf diesen Satz hat Michael Laumer, 32, nur gewartet. Er findet ihn auf Twitter, Absender ist das renommierte "Science Magazine". Der Satz verweist auf einen Artikel über Visualisierungen in der Wissenschaft, doch für Laumer ist es mehr: endlich eine wissenschaftlich fundierte Rechtfertigung für all die Spiralen, Blätter, Ranken und Quadrate, mit denen er sich gern langweilige Sitzungsstunden vertreibt.

Der Medieninformatiker fühlt sich bestätigt: "Wenn ich aus dem Fenster gucke, schweifen die Gedanken ab, wenn ich zeichne, kriege ich alles mit." Einmal habe ihn in einer Sitzung eine Kollegin angefaucht, er solle ihr doch bitte zuhören - "und als ich dann alles genau wiederholen konnte, war sie baff".

Schon bevor er das Fachblatt hinter sich wusste, gründete Laumer auf Facebook die Seite Sitzungskunst, als kleine Galerie für Nebenbei-Zeichner. Eine Warnung schrieb er dazu: "Vorsicht! In sehr kleinen Runden kann Sitzungskunst störend und gelangweilt wirken. Überzeugen Sie deshalb Ihre Gesprächspartner. Und vor allem: Zeigen Sie Ihre Sitzungskunst!"

Samuraischwert oder Tablett-Förderband?

24 eigene Zeichnungen stellte er zunähst auf die Seite, bei manchen ist er selbst nicht sicher, was sie darstellen: Güterzug, Armband oder Samuraischwert? Ein Förderband für Tabletts, schlägt ein neu gewonnener Fan vor.

Laumer begann, Kritzelbilder von Freunden und Kollegen zu sammeln, die Ersten brachten ihre Bilder ungefragt vorbei. "Mittlerweile komme ich mit dem Hochladen gar nicht mehr nach", sagt er. Nicht jede Kritzelei schafft es auf seine Facebook-Seite: "Zu einfach dürfen die Zeichnungen nicht sein, man muss ja ein bisschen was zum Interpretieren haben."

Georg Franzen beschäftigt sich beruflich mit der Deutung von Kritzelbildern. Er ist Psychologe in Celle, spezialisiert auf Kunstpsychologie und auf unbewusste Ausdrucksformen. Das Besondere am Kritzeln: Es geschieht nebenbei, ohne Vorsatz. Der Zeichner weiß oft selbst nicht, was am Ende dabei herauskommt. "Die gestaltenden Kräfte sind im Grunde dieselben, die auch in unseren Träumen am Werk sind", sagt Franzen.

Kritzelbilder stellten in der Regel Gefühle dar: "Es wird nicht das gekritzelt, was jemand hört, sondern das, was ihn in dem Moment beschäftigt." Das löse innere Spannungen. In der Kunsttherapie werden Patienten zum Kritzeln ermutigt, um Dinge zu verbalisieren, über die sie nicht sprechen können oder wollen.

Ganz entgegen der allgemeinen Annahme, dass Kritzeln ein Zeichen von Nicht-Zuhören ist, meint Franzen, dass Kritzeln Abschweifen verhindert: "Es hilft dabei, sich zu ankern." Wer etwa einem Gesprächspartner gegenübersitzt, der die ganze Zeit redet, könne Struktur gewinnen, indem er Kästchen malt.

Kritzeln in einer Zwischenwelt

Rainer Klages, 45, sieht das etwas anders: Nur eine "faule Ausrede" sei das Argument, Kritzeln helfe bei der Konzentration. Es sei schon ein Ausdruck von Langeweile, sagt der Mathematikdozent an der Londoner Queen Mary University. Er ist selbst bekennender Nebenbei-Zeichner bei Mathe- und Physikvorträgen. Für seine Kritzelbilder hat er sich einen eigenen Namen ausgedacht: "Boring Talk Drawings", kurz Botadras. Besonders gelungene Bilder scannt er ein und stellt sie auf seine Internetseite.

"Beim Kritzeln bin ich in einer Art Zwischenwelt, nicht 100 Prozent beim Vortrag, aber auch nicht 100 Prozent beim Zeichnen", sagt Klages. Manchmal sei es aber auch ganz gut, sich zwei Minuten nur auf das Kritzeln zu konzentrieren und dann in einen Vortrag neu einzusteigen.

Wie Laumer weiß auch Klages nicht so genau, was seine Kritzeleien eigentlich darstellen. Ohne den Zeichner und die Situation zu kennen, in der das Bild entstand, könne man Kritzelbilder nur schwer deuten, sagt Psychologe Franzen: "Das ist wie in der Traumdeutung."

Einige Interpretationen aus der Traumforschung könne man aber auch auf Kritzeleien anwenden: Wer Spiralen zeichne, sei eher nach innen gerichtet, introvertiert, denke viel nach. Dreiecke, Quadrate und Rechtecke lassen darauf schließen, dass der Zeichner ein logisch denkender, rationaler Mensch ist, der vielleicht mehr auf Gefühle achten sollte. Zacken stehen für Aggressionen, Gesichter für den Wunsch nach Geselligkeit, Gitter für das Gefühl, eingeengt zu sein.

Vorsicht vor Leuten, die den eigenen Namen kritzeln

Zu ähnlichen Ergebnissen ist auch Alfred Gebert, Psychologe an der Fachhochschule des Bundes in Münster, gekommen. Weil nach seinen Vorlesungen auf den Tischen immer wieder bemalte Schnipsel lagen, kam er auf die Idee, die Kritzeleien einmal genauer zu untersuchen. Er sammelte die Bildchen ein, auf die Rückseite schrieb er die Namen der Zeichner: "Bei uns hat jeder ein Namensschild vor sich stehen, da ist die Zuordnung leicht."

Dann ließ er die Studenten einen psychologischen Test machen, 36 Fragen lang. Mit einem Punktesystem sortierte er sie in fünf Kategorien: extrovertiert, verträglich, gewissenhaft, emotional stabil, offen für Neues.

Die Ergebnisse verglich Gebert mit den Bildern. Die introvertierten Studenten hatten Kringel, Kreise, Spiralen und Tiere gekritzelt, die gewissenhaften Rechtecke, Dreiecke und Augen. Sterne und Gesichter waren es bei den Studenten, die er als offen für Neues einstufte. "Aufpassen muss man, wenn jemand ständig seinen eigenen Namen kritzelt. Das lässt nämlich darauf schließen, dass derjenige sehr von sich selbst eingenommen ist", sagt Gebert.

In einem zweiten Test ließ der Psychologieprofessor seine Studenten bei Telefongesprächen kritzeln. Einen ähnlichen Versuch hatte 2009 Jackie Andrade, Psychologieprofessorin der Universität von Plymouth, unternommen. Das Ergebnis beider Studien: Wer während des Gesprächs zum Stift greift, kann sich an einzelne Details später besser erinnern.

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