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Richtig zoffen im Job "Manchmal gehst du besser als Verlierer vom Platz"

Wie streitet man im Job richtig? Konfliktforscher Friedrich Glasl spricht über Angriffe, Provokationen - und verrät, wie man den eigenen Untergang vermeidet.
Zoff im Büro? Dann bitte einige Regeln beachten!

Zoff im Büro? Dann bitte einige Regeln beachten!

Foto: Corbis
Zur Person
Foto: Trigon

Friedrich Glasl (Jahrgang 1941) ist österreichischer Konfliktforscher. Weltweit benutzen Experten sein Neun-Stufen-Modell der Eskalation, um den Zustand von Auseinandersetzungen zu bestimmen. Glasl lebt in Salzburg und arbeitet für die Firma Trigon-Entwicklungsberatung, die er mitgegründet hat.

KarriereSPIEGEL: Viele Menschen gehen Auseinandersetzungen gerne aus dem Weg. In Unternehmen gelten diese Kollegen als unkompliziert, pflegeleicht und angenehm friedlich. Was halten Sie davon?

Glasl: Das ist eine kurzsichtige Strategie, denn so verändern Sie nichts. Streit in einem richtigen Maße ist gesund. Es ist manchmal auch der einzige Weg, sich Respekt zu verschaffen. Seien Sie selbst Ihr bester Anwalt. Das ist gar nicht einfach.

KarriereSPIEGEL: Aber Widerspruch erzeugt Konflikte - das kann doch nicht gesund sein.

Glasl: Solange man bestimmte Regeln beachtet, wird die Auseinandersetzung schon nicht eskalieren. Das gilt auch für Extremsituationen, in denen man angegriffen oder beleidigt wird. Wenn Sie dann in Form einer Ich-Botschaft sagen 'Mir geht das zu weit, das will ich so nicht' - dann haben Sie Ihre Grenzen gewahrt, aber kein Öl ins Feuer gekippt.

KarriereSPIEGEL: Wann wird es gefährlich?

Glasl: Sobald man es dem anderen heimzahlt, ihn ebenso angreift und diffamiert. Das geht schon früh los, beispielsweise wenn man dem Kontrahenten zu verstehen gibt, er sei beschränkt - nur weil er manche Argumente nicht nachvollzieht.

So geht Streiten: Lernen von den Profis
Foto: Corbis

Pure Harmonie macht schläfrig. Solange Konflikte nicht entgleisen, können sie im Berufsleben sogar fruchtbar sein. Im Magazin SPIEGEL JOB (www.spiegeljob.de ) gibt es die Anleitung zum richtigen Zoffen. Wo lauern Gefahren? Und wie vermeidet man ein Gemetzel?

KarriereSPIEGEL: Wie geht es dann weiter?

Glasl: Nun sind wir mitten in einem Konflikt, den man ohne Hilfe von außen schon nicht mehr lösen kann. Konflikte eskalieren immer nach denselben Mustern. Ich habe das in meinem Neun-Stufen-Modell der Eskalation beschrieben. Am Anfang streitet man sich über die Sache, dann wird es persönlich. Das sind die Stufen eins und zwei. Auf Stufe drei stellt man den anderen vor vollendete Tatsachen.

KarriereSPIEGEL: Ab jetzt nimmt das Unheil seinen Lauf?

Glasl: Das kann man so sagen, denn auf der vierten Stufe machen die Kontrahenten den Konflikt öffentlich. Sie suchen sich Bündnispartner im Unternehmen und erzählen, wie schlimm der Gegner sei. Stufe fünf: Man diffamiert sich gegenseitig vor versammelter Mannschaft. Auf Stufe sechs kommen gegenseitige Drohungen hinzu, die Daumenschrauben werden angedreht. Auf Stufe sieben versucht man einander gezielt zu schaden, indem man etwa wichtige Papiere und Dateien verschwinden lässt. Auf Stufe acht geht man aufs Ganze: Der Gegner soll wirtschaftlich, seelisch oder körperlich vernichtet werden. Am Ende, auf Stufe neun, ist der Sieg über den Feind so wichtig geworden, dass man selbst den eigenen Untergang und den des ganzen Unternehmens in Kauf nimmt.

KarriereSPIEGEL: Haben Sie in einem Unternehmen schon einen Konflikt der Stufe neun erlebt?

Glasl: Ja, das war in den Neunzigerjahren. Ein Ehepaar, das ein sehr erfolgreiches Unternehmen betrieb. Die Ehe ging in die Brüche, das Vermögen musste geteilt werden. Aber der Mann wollte seiner Frau keinen Pfennig überlassen - und umgekehrt. Sie waren Multimillionäre. Am Ende lebten sie von Sozialhilfe.

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Foto: Sebastian Arlt/ SPIEGEL JOB

KarriereSPIEGEL: Wie komme ich aus einer Konfliktsituation heraus?

Glasl: Die Gegner haben immer den Eindruck, sie seien zu ihren Vergeltungsschlägen gezwungen. Dabei provozieren sie sich gegenseitig. Je besser ich einen Menschen kenne, desto genauer weiß ich, wo seine Schwachstellen liegen. Bevor man aber das Spiel bis zum bitteren Ende treibt, sollte man daran denken: Manchmal gehst du besser als Verlierer vom Platz.

KarriereSPIEGEL: Meinen Sie das ernst?

Glasl: Schöner ist es natürlich, wenn man schon vorher die Kurve kriegt. Dafür muss man sich fragen, was der andere eigentlich will, was ist sein Bedürfnis? Und kann ich ihm irgendetwas anbieten, sodass er ohne Gesichtsverlust aussteigen kann?

KarriereSPIEGEL: Haben Sie selbst noch Konflikte?

Glasl: Natürlich, ich eskaliere manchmal sogar ganz bewusst. Dabei achte ich aber darauf, dass ich nicht die Kontrolle über die Situation verliere. Ich merke sicherlich viel früher als andere, wenn ich mich oder die Situation nicht mehr im Griff habe. Wenn ich nur noch reagiere, nicht mehr agiere. Denn das ist der Beginn jeder Eskalation. Dann befinde auch ich mich im Konfliktmechanismus: Ich kann jetzt nicht mehr sagen 'Ich habe einen Konflikt', sondern nur noch 'Der Konflikt hat mich'. Das gilt es auf jeden Fall zu verhindern.

Das Interview führte Caroline Schmidt (Jahrgang 1975), freie Journalistin in Hamburg.

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