Einkommen Konzernchefs verdienen 54 Mal mehr als ihre Angestellten

Die Gehaltsschere zwischen Dax-Vorständen und ihren Mitarbeitern geht weiter auseinander. Top-Verdiener ist Volkswagen-Chef Winterkorn. 2014 kassierte er 15 Millionen Euro.

Kein Dax-Boss verdient mehr als Volkswagen-Chef Martin Winterkorn
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Kein Dax-Boss verdient mehr als Volkswagen-Chef Martin Winterkorn


Von deutschen Top-Managern geht keiner mit weniger als zwei Millionen Euro nach Hause. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz und die Experten der Technischen Universität München haben die Gehälter der Konzernlenker mit ihren Untergebenen verglichen. Ergebnis: Die Vorstände der Dax-Konzerne verdienten im Jahr 2014 im Schnitt 54 Mal so viel wie ein durchschnittlicher Angestellter. Im Jahr davor verdienten sie das 53-fache.

Spitzenreiter unter den Dax-Chefs war wie in den vier Vorjahren Volkswagen-Lenker Martin Winterkorn mit 15 Millionen Euro. Fast auf die gleiche Summe kommen der Zweit- und der Drittplatzierte zusammen: Bill McDermott von SAP (7,9 Mio Euro) und Karl-Ludwig Kley von Merck (7,8 Mio Euro). Am schlechtesten bezahlt ist Dax-Vorstandschef Reinhard Ploss von Infineon mit knapp 2,1 Millionen Euro.

Immerhin erhöhten sich die Vorstandsgehälter im Vergleich zum Vorjahr mit durchschnittlich 1,5 Prozent weniger als die Bruttolöhne in Deutschland, die im vergangenen Jahr um 3,8 Prozent zulegten. "Möglicherweise hat die gesellschaftliche Debatte um die Bezahlung von Top-Managern zu dieser moderaten Entwicklung beigetragen", sagte der Münchner Wissenschaftler Gunther Friedl.

Im Schnitt überwiesen die 30 Konzerne im Deutschen Aktienindex ihren Vorständen für das Geschäftsjahr 2014 je rund 3,4 Millionen Euro. Der Anstieg der Vorstandsvergütung von jeweils gut 3,3 Millionen Euro im Vorjahr bleibe deutlich hinter der Entwicklung der Gewinne der Dax-Unternehmen zurück, bei denen es ein Plus von 6,8 Prozent gegeben habe.

Kritisch merkten die Studienautoren an, dass viele Unternehmen erneut vor allem bei den Festgehältern eine Schippe drauflegten. Die fixen Vergütungsbestandteile seien mit 4,9 Prozent deutlich stärker gestiegen als die Gesamtbezüge. "Die für die Vergütung zuständigen Aufsichtsräte ersetzen also leistungsorientierte Vergütungsbestandteile durch eine sichere Fixvergütung. Diesen Trend halten wir für bedenklich", sagte Friedl. "Denn das Gehalt sollte sich vor allem aus der Leistung eines Vorstandsmitglieds ergeben. Bei einem Rückgang der wirtschaftlichen Kennzahlen eines Unternehmens sollte auch das Gehalt entsprechend reagieren."

Die 30 Vorstandsvorsitzenden der Dax-Unternehmen erhielten im Schnitt für das abgelaufene Jahr 5,3 Millionen Euro und damit etwas mehr als ein Jahr zuvor. Damit lagen sie im internationalen Vergleich oberhalb ihrer Kollegen in Frankreich (3,7 Mio Euro) und unterhalb ihrer Kollegen in der Schweiz (6,0 Mio Euro), sagte DSW-Vergütungsexpertin Christiane Hölz.

Meilenweit entfernt bleibt für die meisten Top-Manager in Deutschland das Gehaltsniveau der USA: Die Bosse der Unternehmen im Dow Jones Industrial Average (DJIA) kamen im Schnitt auf eine Jahresvergütung von umgerechnet 15,1 Millionen Euro. Spitzenverdiener: Der neue Microsoft-Chef Satya Nadella, der insgesamt rund 63,4 Millionen Euro erhielt - zum Großteil (54,7 Mio Euro) allerdings in Form von Aktienpaketen, auf die er erst 2019 zugreifen kann.

Gehalt - sieben goldene Regeln
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1. Nur Mut: Wer nicht will, der hat schon.
Um mehr Geld zu verhandeln, ist vielen Angestellten peinlich. "Wer über dem Schnitt verdient, fürchtet den Neid der anderen, wer darunter liegt, schämt sich", sagt Gehaltscoach Martin Wehrle. Falsche Haltung: Gehaltsgespräche zählen zu den festen Ritualen des Berufslebens und sind kein Grund für Verlegenheit oder gar ein schlechtes Gewissen. Man kann das, man darf es, Chefs rechnen damit. Immerhin gehört es zu ihrem Job, für zufriedene Angestellte zu sorgen.

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2. Berufsstart: Tiefstapeln oder hoch pokern?
"Und welches Gehalt haben Sie sich vorgestellt?" Die Mutter aller tückischen Fragen im Vorstellungsgespräch, gerade Einsteiger wirft sie schnell aus der Bahn. Oft drücken sie sich vor einer klaren Antwort oder reagieren mit Gegenfragen; andere trumpfen jetzt auf. "Forsch ist schön und gut, nassforsch nicht", sagt Adrian Schimpf, Personalleiter der Madsack-Mediengruppe. Grundregel: Das Gehaltsthema selbst anzusteuern, kann gierig wirken. Sobald der Personalchef oder künftige Chef es anspricht, sollte man aber mindestens eine Gehaltsspanne parat haben und die Wunschsumme gut begründen können durch Qualifikationen und Kenntnisse.

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3. Bestens vorbereitet: Frag dich schlau.
Was geht, wo die untere und die obere Grenze verläuft - dafür muss man ein Gespür entwickeln. Erste Hinweise geben Datenbanken, Gehaltsvergleiche, Tarifverträge und die Seiten von Branchenverbänden im Netz. Einmal googeln ist aber zu wenig. Nichts geht über ein gutes Netzwerk: Gibt's Kontakte ins Unternehmen oder zu Angestellten der gleichen Branche? Was sagen frühere Mitstudenten oder Kollegen, was weiß der Chef aus dem letzten Praktikum? Fragen kostet nichts, kann sich aber auszahlen. Die meisten werden reden, wenn man sich freundlich erkundigt.

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4. Gutes Timing: Wenn nicht jetzt, wann dann?
Wenn es allein nach den Vorgesetzten geht, gibt es keinen richtigen Zeitpunkt für Gehaltsverhandlungen. Nie. "Vor der Krise heißt es: Da braut sich was zusammen. In der Krise müssen sie sparen. Und nach der Krise müssen sie sich erst mal erholen", so schildert Martin Wehrle das übliche Abwehrmuster. Klar ist aber auch: Wer nicht ab und zu den Arm hebt, geht lange leer aus. Besser spricht man öfter über kleine Gehaltshüpfer als in langen Abständen über den einen großen Sprung. Das Timing ist wichtig. Das Jahresgespräch kann eine gute Gelegenheit sein, dann allerdings stehen alle auf der Matte, ebenso wenn zum Jahresende die Etatverhandlungen laufen. Ungeschickt: in der tiefsten Firmenkrise, mitten im hektischen Projekt. Geschickt: wenn ein großer Auftrag hereingekommen und der Boss in Geberlaune ist. Über Geld reden sollte man stets mit Termin, nie zwischen Tür und Angel - und nicht jedes halbe Jahr, aber etwa alle anderthalb Jahre.

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5. Rein ins Getümmel: Mit einem Feuerwerk beginnen. Dann steigern.
Karriereberaterin Claudia Kimich vergleicht Gehaltsgespräche mit Paartanz: "Auffordern, einen Korb kriegen, führen, führen lassen, auf die Füße treten." Es ist ein Spiel mit verteilten Rollen, man sollte die Perspektive des Gegenübers vorausahnen und argumentieren, nicht jammern. Was Chefs garantiert nicht beeindruckt: Hinweise auf die gestiegene Miete, den teuren Urlaub, die hungrigen Kinder. Tabu ist auch Neid auf besser bezahlte Kollegen. Viel besser: vorher Erfolge notieren, memorieren, rezitieren. Was kann ich besonders gut, wo habe ich Verantwortung übernommen, was ist mein nächstes Projekt? Welche Einnahmen habe ich der Firma gebracht, welche Ausgaben erspart? Und wie kann ich das alles belegen? Wichtig: Nicht sofort alle Trümpfe auf den Tisch legen - besser überlegt ausspielen und ein, zwei starke Argumente fürs Finale aufsparen. "Am Ende sollte man sich in die Augen schauen können, man sieht sich immer 27 Mal im Leben", so Claudia Kimich.

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6. Härtefälle: Knack Mr. Njet, verlange Extras.
500 Euro mehr? 250? Nicht mit ihnen. Manche Chefs sind aus Granit, routiniert legen sie ihre Stirn in Falten und wehren alle Wünsche, Vorschläge, Argumente ab. Leider, leider sind dem Vorgesetzten die Hände gebunden - die knappen Ressourcen, das Gehaltsgefüge in der Abteilung, die Wirtschaftslage der Firma, Sie wissen schon... Ein Erpressungsversuch ("Mehr Geld, oder ich kündige") ist jetzt keine gute Idee. Und doch bedeutet Nein nicht immer nein. In Gehaltsgesprächen geht es stets auch um Signale der Wertschätzung, das wissen selbst grimmige und halsstarrige Bosse. Manchmal führt ein Umweg ans Ziel. Denn zu einem höheren Salär gibt es eine Reihe von Alternativen. Dienstwagen, Handy und Notebook für zu Hause sind Klassiker. Die Firma kann auch Personalrabatte gewähren, Prämien, eine Weiterbildung oder die Internetnutzung zu Hause zahlen, die Kita, den Urlaub oder die Altersversorgung bezuschussen.

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7. Gehaltsgefälle: Nicht so schüchtern, die Damen.
Zu Umfang und Gründen des "Gender Pay Gap", der Gehaltskluft zwischen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, kursieren viele Theorien. Der Bezahlungsunterschied in vergleichbaren Jobs wird auf 5 bis 25 Prozent beziffert. Die Alltagswahrnehmung vieler Vorgesetzter beschrieb der Chef eines mittelständischen Unternehmens einmal so: "Frauen klopfen leise und zart. Männer treten mir fast die Tür ein." Sie halten es in Gehaltsgesprächen mit der Devise "Frech kommt weiter". Frauen formulieren zaghafter, weichgespült und gern im Konjunktiv ("Es wäre schön, wenn..."; "Könnten Sie sich vorstellen...?"). Oft fordern sie zu wenig und geben zu schnell nach, so die Frankfurter Forscherin Martina Voigt. Dabei haben forsch auftretende, ehrgeizige Frauen gute Chancen bei Gehaltsgesprächen, mitunter bessere als ähnlich resolute Männer, wie kürzlich eine Studie von Voigt zeigte. Weibliche Angestellte müssen sich wirklich nicht generell an männlichem Dominanzverhalten orientieren. Aber Verhandlungen ums Geld als sportive Herausforderung anzunehmen - das kann schon helfen.

dpa/sid

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Benjowi 22.07.2015
1. Nr noch pervers.
Im Grunde hat es überhaupt keinen Wert mehr, solche Konstellationen und Verhältnisse zu diskutieren: Das ist einfach nur noch pervers-zumal solche Relationen durchaus auch bestehen bleiben, wenn der jeweilige Konzern Verlust macht und tausende Arbeitnehmer entlässt! Also nix mit "Leistungsprinzip"!
Lagrange 22.07.2015
2. und das vollkommen zurecht!
Die Arbeit, die ein Vorstand eines DAX 30 Unternehmens erledigt kann vieleich von 1 Mio Menschen einer erledigen. Der Impakt den seine Entscheidungen haben macht die Arbeit aus meiner Sicht auch 50x so wichtig/wertvoll wie die eines Durchschnittsarbeiters. Ich sehe da nichts verwerfliches und gönne dem Winterkorn seine Millionen, solange das Unternehmen so erfolgreich ist wie derzei
Erwin Lottemann 22.07.2015
3. Bitte nachrechnen!!
Worum geht es?: Ich lese da in der Überschrift: "Konzernchefs verdienen 54 Mal mehr als ihre Angestellten" Was schon schlimm (im SInne von asozial) genug wäre. Und weiter unten: "Im Schnitt überwiesen die 30 Konzerne im Deutschen Aktienindex ihren Vorständen für das Geschäftsjahr 2014 je rund 3,4 Millionen Euro." 3,4 Mio durch 54 = 63.000 Euro!!! Welcher Angestellte verdient denn, bitteschön, 63.000 Euro??? Also über 5.000 im Monat?! Das deutsche Durchschnittseinkommen liegt nur gut bei der Hälfte! Also müßte in der Überschrift schon mindestens eine 100 stehen!! Und das ist schon eine geschönte Wahrheit, denn zu Zeiten des "Rheinischen Kapitalismus" galt mal, daß der Chef nicht mehr als das 20fache des NIEDRIGST-entlohnten Angestellten verdienen sollte. Und wenn wir den mal mit 2000 Euro brutto ansetzen, was schon hochgesetzt ist, denn laut Statistik verdienen 40% der Deutschen 2000 oder weniger, dann sind wir schon beim 250fachen.... Problem erkannt? Das ist nämlich ein gesellschaftliches und kein rein mathematisches!
Wanderfalke7 22.07.2015
4. unverschämt
Hallo ich bin mit den Gehaltsvorstellungen eines Herrn Winterkorn nicht einverstanden. 15 Millionen pro Jahr sind für einen CEO doch arg viel. Was hat denn geleistet das ein solches exorbitantes Gehalt rechtfertigt? Ich verstehe nicht wie sich der Aufsichtsrat bei den Vertragsverhandlungen so über den Tisch hat ziehen lassen. Herzliche Grüße!
der_poldi 22.07.2015
5. Welche Angestellten
wurden dann da als durchschnitt genommen? 15mio geteilt durch 54 macht bei mir rund 277777 Euro. Also wenn das der durchschnittliche Angestellte bei VW im Jahr verdient, dann möchte ich da auch hin. Da dürften wohl auch eine ganze Menge Top Manager mit hohen sechsstelligen oder sogar siebenstelligen Gehältern den Durchschnitt beeinflußt haben. Ein Link zu dieser Vergleichsstudie so sie denn öffentlich ist wäre da nett gewesen.
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