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13. Juli 2011, 08:09 Uhr

Krankenkassen-Warnung

Zeitarbeit macht krank

Heute hier, morgen dort - Leiharbeit belastet Arbeitnehmer oft stärker als ein fester Arbeitsplatz. Die Folge: mehr Krankheitstage als bei allen anderen Beschäftigten. Auf diesen Zusammenhang macht nun eine große Krankenkasse aufmerksam. Dabei sind nicht nur nervliche Probleme zu beobachten.

Zeitarbeit schadet der Gesundheit der Beschäftigten. Im vergangenen Jahr war jeder Leiharbeiter in Deutschland durchschnittlich 15 Tage krank geschrieben und damit mehr als andere Arbeitnehmer. Das geht aus einer Auswertung der Techniker Krankenkasse (TK) hervor. Beschäftigte in anderen Branchen hatten im Schnitt gut 3,5 Kranktage weniger.

Als Hauptursache für die höheren Fehlzeiten von Zeitarbeitern nennt die Krankenkasse die oftmals körperlich belastenden Jobs. Zu einem Drittel liege die Ursache aber nicht an den einzelnen Tätigkeiten, sondern in der Zeitarbeit selbst. Arbeitsplatzunsicherheit, mangelnde Entwicklungsmöglichkeiten, die Wechsel der Einsatzorte und die Entlohnung auf der Basis von Mindestlöhnen gingen offenkundig "auf die Nerven und auf die Knochen".

Das spiegelt sich laut der TK-Erhebung auch in den Krankheitsdaten wider. Muskel-Skelett-Erkrankungen sind demnach Spitzenreiter bei den Diagnosen unter Zeitarbeitern. Sie verursachten 2010 pro Kopf 3,4 Fehltage. Auch psychische Störungen gehören zu den Hauptursachen für Fehlzeiten. 2010 meldete sich jeder Zeitarbeiter im Durchschnitt knapp zwei Tage psychisch bedingt arbeitsunfähig. Binnen zwei Jahren stiegen die Fehlzeiten aufgrund psychischer Diagnosen um zwölf Prozent.

Belastungen für Beschäftigte im Fokus

Zeitarbeit ist umstritten. Viele Arbeitgeber schätzen die Flexibilität, die sie ihnen verschafft, und sie betonen, dass vor allem ungelernte Arbeitskräfte davon profitieren: Sie kommen immer dort zum Einsatz, wo sie gebraucht werden, haben aber einen festen Arbeitgeber, den Verleihbetrieb, bei dem sie fest angestellt sind. Dagegen kritisieren vor allem Arbeitnehmervertreter, dass die flexiblen Einsätze ohne Aussicht auf eine verlässliche Beschäftigung Stress erzeugen; außerdem sei die Bezahlung schlechter. Sie befürchten, dass Leiharbeit normale Festanstellungen verdrängt.

Negative Effekte werden aber auch im Verhältnis zu den Stammbelegschaften der Betriebe beobachtet. Durch die leicht austauschbaren Kollegen werde die Position der erfahrenen Beschäftigten in Frage gestellt. Weil zudem identische Tätigkeiten unterschiedlich bezahlt werden, steige der Lohndruck auf alle Beschäftigten.

Trotz dieser Kritikpunkte hat Leiharbeit in den vergangenen Jahren einen Boom erlebt. Ein großer Teil des Aufschwungs am Arbeitsmarkt wird auf den Zuwachs der Verleiherbranche zurückgeführt. Im Jahr 2011 dürften zeitweise mehr als eine Million Beschäftigte für Zeitarbeitsfirmen arbeiten. Die Einführung von verbindlichen Mindestlöhnen - 7,79 Euro pro Stunde im Westen, 6,65 Euro im Osten - soll seit Mai dieses Jahres Lohndumping verhindern.

afp/mamk

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