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Von Rechts wegen – Arbeitsrecht kurz erklärt Die größten Irrtümer zur Krankschreibung

Braucht es das Attest immer erst ab dem dritten Tag? Und Grippe im Urlaub, heißt das, die freien Tage sind futsch? Rund um die Krankschreibung existiert viel Halbwissen. Ein Faktencheck.
Ausgelaugt auf dem Sofa – kann ich mich auch einfach telefonisch von der Ärztin krankschreiben lassen?

Ausgelaugt auf dem Sofa – kann ich mich auch einfach telefonisch von der Ärztin krankschreiben lassen?

Foto: fizkes / Getty Images/iStockphoto

Es mag überraschend klingen, was der Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse  unter 5,5 Millionen Erwerbstätigen zeigt, aber: 2021 meldeten sich weniger Menschen in Deutschland krank. Durchschnittlich seien es 14,5 Fehltage gewesen, so der Bericht, 2020 waren es 15,1. Ein Hauptgrund dafür, dass die Zahlen leicht zurückgehen, sei, dass deutlich weniger Beschäftigte mit Erkältungssymptomen ausgefallen sind. Umso verbreiteter: psychische Diagnosen. Sie waren mit 21,8 Prozent zum vierten Mal hintereinander häufigster Grund für Krankmeldungen.

Doch was muss ich eigentlich beachten, wenn ich krank bin? Wie melde ich mich richtig ab – und muss ich meiner Chefin direkt sagen, wenn ich Corona habe? André Niedostadek, Professor für Wirtschafts-, Arbeits- und Sozialrecht an der Hochschule Harz, über die wichtigsten Fakten.

1. »Gelber Schein? Den brauche ich immer erst ab dem dritten Tag.«

Erst einmal ganz grundsätzlich: Der Gelbe Schein, die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung also, ist hierzulande vor allem wichtig, um sich während einer Krankschreibung von seiner Arbeitspflicht zu befreien und dabei weiter Lohn zu bekommen. Beschäftigte sind dabei verpflichtet, Bescheid zu geben, dass sie krank sind und nicht arbeiten können, und mitzuteilen, wie lange sie voraussichtlich ausfallen. »Abmelden müssen Sie sich ohnehin – ganz unabhängig von einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung«, sagt Niedostadek. Tun Sie dies am besten noch vor Beginn ihrer regulären Arbeitszeit und dem Besuch bei der Ärztin. In der Regel ist die richtige Ansprechpartnerin die Chefin oder die Personalabteilung. Am besten rufen Sie an oder schreiben eine E-Mail. Dauert die Arbeitsunfähigkeit länger als drei Tage, müssen Beschäftigte eine Krankschreibung vorlegen, die spätestens am darauffolgenden Arbeitstag bei der Chefin sein muss, sofern es im Arbeits- oder Tarifvertrag nicht anders vereinbart worden ist. Das heißt: Würden Sie beispielsweise am Donnerstag krank, wäre der Samstag dritter Krankheitstag. Spätestens am darauffolgenden Montag müsste Ihr Attest dann bei der Chefin auf dem Schreibtisch liegen.

Übrigens können Arbeitgeber die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung auch früher einfordern. Das sieht das Entgeltfortzahlungsgesetz ausdrücklich vor und findet auch in der Praxis Anwendung, wie jüngere Gerichtsentscheidungen  zeigen.

Gut ist dabei, dass die Zettelwirtschaft von früher, als man jeweils einen Durchschlag für die Krankenkassen, den Arbeitgeber und die eigenen Unterlagen benötigte, bald komplett der Vergangenheit angehört. Seit Januar entfällt bereits die Bescheinigung für die Krankenkasse, die man früher selbst weiterleiten musste. Nun gilt : Die Krankenkasse wird direkt vom Arzt digital über die Krankschreibung informiert (tatsächlich bereitet dies technisch in vielen Praxen in Deutschland momentan noch Probleme . Daher wird vielerorts derzeit noch der herkömmliche Gelbe Schein genutzt. Zumindest bis zum Juli). Ab Juli 2022 , so der Plan, brauchen Beschäftigte dann auch nichts mehr beim Arbeitgeber auf den Weg zu bringen. Dann stellt die Krankenkasse die entsprechenden Informationen für den Vorgesetzten direkt bereit.

Und: In Coronazeiten geht die Krankmeldung, unter gewissen Umständen, sogar noch einfacher. Bei Symptomen einer Erkältung kann man sich auch weiterhin telefonisch  für bis zu sieben Tage krankschreiben lassen. Diese Regelung gilt vorerst noch bis Ende März 2022. »Ohne Arztkontakt, und sei es auch nur telefonisch, geht es aber nicht«, warnt Niedostadek. In einem Fall  vor dem Arbeitsgericht Berlin ließ das Gericht eine Krankschreibung über ein Onlineportal nicht genügen (Aktenzeichen: 42 Ca 16289/20).

2. »Im Urlaub krank? Dann sind auch die freien Tage futsch.«

So gemein ist das Gesetz dann doch nicht. »Wenn Sie krank sind, verfallen auch Ihre Urlaubstage nicht, Sie müssen sich jedoch beim Arbeitgeber offiziell krankgemeldet haben«, sagt Niedostadek. Was nicht geht: Die Urlaubstage, ohne die Absprache mit der Chefin oder dem Chef, einfach an den Urlaub dranhängen. Hier braucht es dann ein bisschen Geduld.

Sollten Sie länger wegen Arbeitsunfähigkeit ausfallen, kann Ihr gesetzlicher Urlaub jedoch auch komplett verfallen; hier liegt die Frist bei 15 Monaten – beginnend mit dem Ablauf des entsprechenden Urlaubsjahres.

3. »Wenn mein Kind krank ist, muss ich Urlaub nehmen.«

Zum Glück nicht. Die Fürsorgepflicht der Eltern nämlich hat Vorrang vor der Arbeitspflicht. Zumindest dann, wenn es sich um eine »verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit« handelt. »Wie viele Tage das genau sind, hat der Gesetzgeber nicht festgeschrieben. Das können aber durchaus fünf oder auch bis zu zehn Tage sein, wenn das zu betreuende Kind jünger als zwölf Jahre alt ist«, sagt Niedostadek und empfiehlt einen Blick in den Arbeitsvertrag oder Tarifvertrag zu werfen, der Details enthalten kann.

Sind sie gesetzlich versichert, wird der Lohnausfall über das Kinderkrankengeld  der Krankenkassen aufgefangen. Vor der Pandemie standen jedem gesetzlich versicherten Elternteil pro Kind zehn Tage Kinderkrankengeld zu. Diese Zahl wurde im Rahmen der Coronapandemie seit 2021 auf 30 Tage erhöht. Wer mehrere Kinder hat, kann maximal 65 Tage Kinderkrankengeld beantragen. Alleinerziehende haben Anspruch auf 60 Tage pro Kind, bei mehreren Kindern sind es maximal 130 Tage. Bei einer Familie mit zwei Elternteilen und drei Kindern könnten die Eltern also insgesamt 130 Arbeitstage – also rund sechs Monate – freinehmen. Aktuell gilt diese Regelung noch bis Mitte März.

Das Kinderkrankengeld beträgt dabei etwa 90 Prozent des ausgefallenen Nettolohns. Allerdings: Die Höchstgrenze liegt bei 112,88 Euro pro Tag . Davon werden in der Regel auch die Arbeitnehmeranteile für die Renten-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung gezahlt.

Dass Ihr Arbeitgeber Sie, in Zeiten von Home- und Mobileoffice, einfach mit krankem Kind von zu Hause weiterarbeiten lässt, geht natürlich nicht. »So weit reicht das Direktionsrecht dann doch nicht. Ist es einem selbst wichtig, dass eine bestimmte Abgabe noch fertig wird, kann man hier jedoch sicher eine einvernehmliche Regelung mit dem Vorgesetzten finden«, sagt Niedostadek.

4. »Meine Chefin, klar weiß die, warum ich krank bin.«

Sie müssen weder von ihrer Krankheit berichten noch darf die Vorgesetzte fragen. Das gilt auch bei schwerwiegenden Leiden. »Dass die Chefin so genau über Ihren Gesundheitszustand Bescheid weiß, wäre schon aus Gründen des Datenschutzes und der Persönlichkeitsrechte schwierig«, sagt Niedostadek.

Hat man selbst, oder jemand im engeren Umfeld, Corona oder eine andere schwer ansteckende Krankheit, muss man dies der Chefin oder dem Chef jedoch schon mitteilen; allein zum Schutz der Kolleginnen und Kollegen.