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19. Juli 2016, 06:42 Uhr

Kreatives Arbeiten

"Man muss auch mal falsch abbiegen"

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Alle streben nach Perfektion. Aber warum? Missgeschicke machen kreativ, sagt Werbekünstler Erik Kessels - und plädiert für die Kunst, Fehler zu machen.

Er habe versagt, sagt Erik Kessels. Als Künstler. Als Designer. Als Art-Direktor, Fotograf, Texter und Kurator. Und er stehe dazu. "Unsere Gesellschaft sieht Fehler als etwas Negatives, das es zu vermeiden gilt. Aber ich habe gemerkt, dass ich mich weiterentwickle, wenn ich große Fehler mache. Menschen machen Fehler, Firmen machen Fehler. Damit sollten wir alle offen und ehrlich umgehen. Wir sind schließlich keine Roboter."

Kessels hat in Amsterdam eine Werbeagentur mitgegründet. Für ein Hotel sollte er eine Kampagne entwerfen. Das Leuchtschild an der Fassade war kaputt, nur das "L" von "Hotel" brannte. "Das nervte mich jedes Mal, wenn ich es sah", sagt er. Aber dann kam ihm eine Idee: Er machte die fehlenden Buchstaben zum Kern der Kampagne. "Wir haben damit geworben, wie umweltfreundlich das Hotel ist, weil es nur für 20 Prozent der Beleuchtung Strom verbraucht."

Nach diesem Erlebnis fing Kessels an, nach dem Unperfekten zu suchen. Er fand Straßenmarkierungen, die ins Nichts führen, Balkone ohne Tür, falsch zusammengeklebte Plakate - und Gleichgesinnte. Weltweit gibt es Künstler und Fotografen, die Fehler zur Kunst erheben. Aus ihren Bildern hat Kessels ein Fotobuch gemacht.

"Wenn etwas perfekt ist, ist es fertig - das ist wie ein Punkt am Satzende", sagt er. "Aber um innovativ zu sein, musst du aus dieser Perfektion ausbrechen und eben auch mal die falsche Autobahnausfahrt nehmen. Du musst an einem Ort landen, über den du noch nie nachgedacht hast. Denn genau diese neue Umgebung bringt dich auf Ideen."

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