Kritik an Abi-Noten "Viele Jugendliche können ihre Talente gar nicht benennen"

Schüler mit einem Dreier-Abi sind empathischer, flexibler und enthusiastischer als Einser-Abiturienten, hat eine Karriereberaterin festgestellt. Sie sagt: Wir brauchen differenziertere Zeugnisse.

Schlechte Noten sind deprimierend - dabei sagen sie eigentlich wenig aus
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Schlechte Noten sind deprimierend - dabei sagen sie eigentlich wenig aus

Ein Interview von


  • Florian Janssen
    Ragnhild Struss (Jahrgang 1979) arbeitet seit 2003 als Karriereberaterin in Hamburg und beschäftigt mittlerweile 18 Mitarbeiter. Zu ihren Kunden zählen Berufstätige, die sich umorientieren möchten, aber auch Jugendliche, die unsicher sind, ob und was sie studieren sollen.

SPIEGEL: Frau Struss, Sie haben die Daten von 1000 Kunden analysiert und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Abiturienten mit einem Dreier-Notendurchschnitt empathischer, flexibler, enthusiastischer und fairer sind als Einser-Überflieger. Sind schlechte Schüler die besseren Mitarbeiter?

Ragnhild Struss: Das kann man so nicht sagen. Wir sollten endlich aufhören, in monokausalen Zusammenhängen zu denken. In meiner Karriereberatung kommt zum Beispiel oft die Frage auf: Bin ich geeignet für eine Führungsposition? Dabei geht es gar nicht darum, ob ich führen kann, sondern um die Frage: Wie kann ich mein individuelles Potenzial optimal einsetzen?

SPIEGEL: Die Antwort ist aber dann doch dieselbe: Für den einen ist eine Führungsposition geeignet, für den anderen nicht.

Struss: Der entscheidende Unterschied ist, dass ich den Menschen in den Mittelpunkt rücke. Jeder hat verschiedene Talente, die er nutzen kann, um zum Erfolg zu kommen. Wir arbeiten mit einem Persönlichkeitstest, der aus 34 Talenten ermittelt, welche am deutlichsten ausgeprägt sind. Wenn zum Beispiel Autorität bei mir auf Platz 32 steht, heißt das nicht, dass ich nicht auch autoritär sein kann. Es bedeutet nur, dass ich im Alltag eher auf andere Talente zugreife.

SPIEGEL: Und die Intensität, mit der ich auf Talente zugreife, korreliert mit der Abiturnote?

Struss: Ja. Gute Noten sagen im Grunde nur, dass jemand diszipliniert und fleißig ist. Ich fordere nicht, dass Noten abgeschafft werden, aber wir sollten auch die Talente anerkennen, die durch sie nicht abgebildet werden, wie zum Beispiel Empathie, Flexibilität und Enthusiasmus. Ich habe oft wunderbare Jugendliche vor mir sitzen, die ein ganz schlimmes Selbstbild haben - nur, weil ihre Noten nicht gut sind. Noten sagen nichts über den eigenen Wert aus.

SPIEGEL: Aber sie entscheiden darüber, wer welches Fach studieren darf.

Struss: Es gibt immer Mittel und Wege, um ein Ziel zu erreichen. Wer zum Beispiel Psychologie studieren will und in Deutschland am Numerus clausus scheitert, kann in die Niederlande gehen. Oder an eine Privatuni. Numerus clausus, Geld, Entfernung, Zeit - das sind alles von außen festgelegte Maßstäbe, die sollten niemanden stoppen. Wir sollten aufhören, unsere Kinder zu innerer Hilflosigkeit zu erziehen und sie stattdessen ermutigen, erst mal herauszufinden, wer sie eigentlich sind.

SPIEGEL: Mit Persönlichkeitstests?

Struss: Ja, zum Beispiel. Vor allem Jugendliche sind so auf Schulnoten fokussiert, dass sie ihre eigentlichen Talente gar nicht benennen können. Den meisten fehlt jemand, der ihnen sagt: Du bist ein toller Netzwerker! Oder: Du kannst dich so gut in andere einfühlen! Dabei sind es doch genau solche Fähigkeiten, die in der Arbeitswelt der Zukunft zählen werden. Da wird es nicht mehr darum gehen, wer die Arbeit machen kann, sondern mit wem man gerne zusammenarbeiten will.

SPIEGEL: Und wie soll die Schule das abbilden?

Struss: Man könnte zum Beispiel den Schulfachkanon erweitern und ein Fach wie Kommunikation einführen. Und vor allem Lehrer darin schulen, differenzierteres Feedback zu geben. Warum legt man dem Abi-Zeugnis nicht noch eine Seite bei, in der die Talente beschrieben werden? Das wäre auch für Arbeitgeber eine große Hilfe.



insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
gumbofroehn 22.11.2019
1. Dass Noten ...
... nur Teilbereiche einer Person (und das auch noch mit einer erheblichen Messungenauigkeit) abbilden, ist ja eine Binse. Der prognostische Wert für den Studienerfolg ist bei uns trotzdem ganz klar feststellbar. Entsprechend hat das HZB-Zeugnis sehr wohl seine Berechtigung. Wobei noch nicht gesagt ist, dass notenmäßig sehr gute Absolventinnen und Absolventen auch tatsächlich besser durch's Leben kommen. Die Klientel, die bei Frau Struss aufschlägt, ist wohl nicht ganz repräsentativ: Solche Beratungsangebote muss man sich auch erstmal leisten können. Entsprechend kann sich die "Tochter von Beruf" bzw. der "Sohn von Beruf" erst einmal ein paar Jahre Selbstfindung nach dem Abitur leisten und braucht keine Zusatzseite "Kuschelfeedback" zum Abiturzeugnis, wie von Frau Struss vorgeschlagen.
Leser heute 22.11.2019
2.
Veröffentlicht die werte Dame die Daten bezüglich der Gütekriterien des verwendeten Verfahrens? Die meisten Verfahren, die im Bereich HR eingesetzt werden, sind so unterirdisch, dass Kaffeesatzlesen oder Horoskop nicht schlimmer abschneiden. Die Noten sind immerhin irgendwie erarbeitet.
phthalo 22.11.2019
3. ein Fach wie Kommunikation einführen
Es ist mir nicht bekannt, ob es ein Fach wie Kommunikation gibt. Aber in jedem Fach zählen mehr als die schriftlichen Noten, die mündlichen. Den meisten Schülern muss man allerdings die Sprache aus der Nase ziehen. Es gibt aber das Fach Philosophie und im Religionsunterricht wird sicher nicht nur über Gott gesprochen. In beiden Fächern geht in einem nicht unwesentlichen Anteil um Kommunikation. Also bewertet wird Kommunikation bereits auch in der Schule.
Kasob 22.11.2019
4. Das braucht man fürs Leben
Kinder bekommen bis zu einem gewissen Alter gesagt was sie zu tun haben. Selbst in der Schule, bekommen sie den Stoff vorgesetzt. Warum sie das lernen und welchen Wert es hat, wird meistens kaum erklärt. Ich habe oft gehört, daß brauchst du später im Leben. Na vielen Danke, was für eine befriedigende Antwort für ein Kind. Und etwas zu lernen, wo man den Sinn nicht sieht führt halt nicht zu Super Noten. Menschen mit Einser Abschlüssen sind entweder Genies oder lernen den ganzen Tag auswendig. Und soviel Genies haben wir in Deutschland bestimmt nicht, wie es Einser Abschlüsse gibt.
Justitia 22.11.2019
5.
Zitat von Leser heuteVeröffentlicht die werte Dame die Daten bezüglich der Gütekriterien des verwendeten Verfahrens? Die meisten Verfahren, die im Bereich HR eingesetzt werden, sind so unterirdisch, dass Kaffeesatzlesen oder Horoskop nicht schlimmer abschneiden. Die Noten sind immerhin irgendwie erarbeitet.
Richtig, Noten in der Schule sind "irgendwie" erarbeitbar. Allerdings sind diese idR alles andere als objektive Bewertungskriterien für die Fähigkeit eines Schülers. Das sieht man bereits daran, dass die Massstäbe für Zensuren von Lehrer zu Lehrer, von Schule zu Schule und schlussendlich von Bundesland zu Bundesland schwanken. Sie sind letztendlich auch stark von den Fähigkeiten eines Lehrers beeinflusst, seinen Schülern den jeweiligen Unterrichtsstoff zu vermitteln. Ich habe genau aus diesem Grund schon Studenten erlebt, die mit guten Abiturnoten im Studium sang- und klanglos gescheitert sind, ebenso wie Studenten, die mit höchstens mittelmässigen Abiturnoten ihr Studium mit hervorragenden Leistungen abgeschlossen haben.
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