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Bernd Slaghuis

Tipps vom Karrierecoach Kündigen ohne neuen Job – ist das ratsam?

Bernd Slaghuis
Ein Gastbeitrag von Bernd Slaghuis
Johanna hasst ihren Job, beginnt den Arbeitstag mit Magenschmerzen. Aber kann sie einfach hinschmeißen, ohne etwas Neues zu haben? Der Karrierecoach weiß Rat.
Foto: Simone Wave / Stocksy United

Johanna, 35 Jahre, fragt: »Ich beginne jeden Arbeitstag mit Magenschmerzen, bin erschöpft und weiß, dass ich bei diesem Arbeitgeber keine Zukunft mehr habe. Einige Bewerbungen habe ich schon verschickt, jedoch ohne Erfolg. Finanziell könnte ich es mir leisten, einfach zu kündigen und eine Zeit zu überbrücken. Doch verschlechtert es nicht meine Chancen als Bewerberin? Und was denken neue Arbeitgeber, wenn ich schon gekündigt habe?«

Zum Autor

Bernd Slaghuis ist Karrierecoach und hat seit 2011 in seinem Kölner Büro  mehr als tausend Angestellte und Führungskräfte bei ihren nächsten Schritten im Beruf begleitet. Er betreibt den Karriere-Blog »Perspektivwechsel«  und ist Autor des Buchs »Besser arbeiten«. Haben Sie eine Frage an den Coach? Dann schreiben Sie eine E-Mail an karriere.leserpost@spiegel.de – Stichwort Bernd Slaghuis 

Liebe Johanna,

wenn ich Ihre Frage lese, dann denke ich weniger daran, wie es auf neue Arbeitgeber wirken könnte, wenn Sie ohne neuen Job kündigen. Sondern ich frage mich, wie fit Sie momentan sind, um als Bewerberin eine gute Figur zu machen und einen neuen Job mit allen seinen Herausforderungen anzutreten.

Es geht nicht darum, ob eine Kündigung ohne neuen Job gesellschaftlich akzeptiert ist oder was Recruiter darüber denken könnten. Es ist entscheidender, was für Sie persönlich ein gesunder Weg ist, um die belastende Situation zu überwinden, wieder Kraft zu tanken und sich bewusst für einen passenden neuen Arbeitgeber zu entscheiden.

Wann Sie kündigen, ist Ihre persönliche Entscheidung

Eine Kündigung ohne neuen Job – ist das ratsam? Es gibt hierbei für mich kein pauschal gültiges Richtig oder Falsch. Denn die Lebensläufe, Wechselmotivationen sowie persönlichen Arbeits- und Lebenssituationen eines Menschen sind viel zu individuell, um diese Entscheidung auf der Basis eines »Das macht man so« -Ratschlags zu entscheiden.

Je nach Belastung im aktuellen Beruf, dem kollegialen Umfeld, der Führungskultur in einem Unternehmen, der persönlichen, familiären und finanziellen Lebenssituation sowie auch den infrage kommenden Zielpositionen kann eine Kündigung ohne neue Stelle für manche sehr zielführend sein. Für andere mag sie jedoch auch riskant und für den Jobwechsel sogar blockierend sein. Finden Sie heraus, was für Sie ein guter Zeitpunkt ist, die Kündigung auszusprechen, um in Ihrem Tempo und mit klarem Kopf einen neuen Arbeitgeber zu finden.

Eigene Klarheit und mentale Stärke sind entscheidend

Mir sitzen häufig Arbeitnehmer im Coaching gegenüber, denen beim kleinsten Gedanken an ihren Job die Tränen in die Augen schießen. Weil sie verletzt, wütend, traurig oder einfach erschöpft und ausgelaugt sind. Es fällt ihnen schwer, an eine bessere Zukunft zu glauben, geschweige denn mit mir über konkrete Ideen für Zielpositionen sprechen. Sie stecken im Gestern fest, suchen nach Erklärungen und manchmal möchten sie lieber noch Opfer der Umstände bleiben, statt Gestalter ihres Lebens zu sein.

Solche Phasen als »Tal der Tränen« dürfen zu einem Veränderungsprozess dazugehören, bevor es wieder bergauf geht. Es ist jedoch nicht zielführend, derart geschwächt panisch Bewerbungen zu verschicken und Absagen zu kassieren. Wer wieder einigermaßen gestärkt und mit neugieriger Lust auf die Zukunft nach passenden Positionen Ausschau hält, wird nicht nur die Einladungsquote erhöhen, sondern kann auch selbstbewusst in die Gespräche mit Arbeitgebern gehen.

Was ist der für Sie beste Weg zum neuen Job?

Sofern Sie noch nicht so weit sind, nehmen Sie sich die Zeit, um Kraft zu tanken. Reicht hierfür eine veränderte Haltung, mit der Sie ab sofort anders täglich in den Job starten? Könnte er Ihnen dann weniger Energie rauben und den Freiraum geben, parallel an Ihrer beruflichen Zukunft zu arbeiten? Oder wird Ihnen der Wechsel leichter oder schneller gelingen, wenn Sie kündigen und das Unternehmen verlassen?

Manche Arbeitnehmer blühen förmlich auf, wenn sie gekündigt haben, frei sind und sich auf den Bewerbungsprozess konzentrieren können. Andere verfallen in Panik oder empfinden den Status der Arbeitslosigkeit als große Belastung. Einigen tut die freie Zeit zwischen zwei Jobs gut, anderen fällt die Decke auf den Kopf. Denken Sie also weniger darüber nach, wie eine Kündigung ohne neuen Job bei irgendwem ankommen könnte. Sondern klären Sie für sich selbst, was Ihnen in Ihrer aktuellen Situation guttun und was sich positiv auf Ihre Stärke als Bewerberin auswirken wird.

Es ist schließlich ihre eigene Haltung, die darüber bestimmt, in welchem Licht Ihre Eigenkündigung ohne neue Stelle steht. Es ist weder außerordentlich mutig noch ein schlimmer Fehltritt, sondern Ihre persönliche Entscheidung. Wenn Sie selbst hiermit im Reinen sind, werden Sie diesen Schritt in Anschreiben und Gesprächen mit Arbeitgebern unaufgeregt und selbstbewusst vermitteln können.

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