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Arbeitgeber-Anwalt Herr Schreiner, wie sadistisch sind Personalbosse?

Drohen, übertölpeln, zermürben - Chefs lassen sich viel einfallen, um Mitarbeiter loszuwerden. Oft dabei: Anwälte wie Dirk Schreiner. Der Arbeitnehmerschreck findet das deutsche Kündigungsrecht zu lasch.
Was bleibt: Ein Arbeitnehmer räumt seinen Schreibtisch - gekündigt, mit Abfindung

Was bleibt: Ein Arbeitnehmer räumt seinen Schreibtisch - gekündigt, mit Abfindung

Foto: Corbis
Zur Person

Die Anwaltskanzlei von Dirk Schreiner ist der Schreck vieler Arbeitnehmer: Deutschlandweit schulen er und seine Leute Personalchefs in der Kunst der Kündigung - mit reißerischen Seminarangeboten. "So kündigen Sie die 'Richtigen'", verspricht eines. Ein anderes behandelt die "Kündigung von 'Low Performern'".

KarriereSPIEGEL: Herr Schreiner, wie sadistisch sind die Personalbosse, die zu Ihnen kommen?

Schreiner: Die sind überhaupt nicht sadistisch. Die meisten Führungskräfte kennen sich mit dem Arbeitsrecht nicht aus, müssen aber eben ab und zu doch einmal zur Kündigung greifen. Das fällt ihnen mit Sicherheit nicht leicht. Aber sie sollten eben auch möglichst wenig Fehler machen.

KarriereSPIEGEL: Die Titel Ihrer Seminare lesen sich allerdings wie Kampfansagen an Beschäftigte. Eines etwa heißt: "Die Kündigung 'störender' Arbeitnehmer."

Schreiner: Finden Sie? Natürlich dient so ein Seminartitel immer auch der Werbung. Übrigens ist das ein Begriff aus dem Betriebsverfassungsgesetz: Da ist die Rede vom "betriebsstörenden Arbeitnehmer", der nicht nur den Chef, sondern mitunter auch seine Kollegen in ihrer Arbeit stört. Das haben wir also nicht erfunden.

KarriereSPIEGEL: Angenommen, ich bin ein Arbeitgeber und möchte unbedingt jemanden loswerden, habe aber eigentlich nichts in der Hand. Wie packen wir das am besten an?

Schreiner: Die Mandanten kommen oft sehr emotional zu mir, weil sie sich über einen Angestellten geärgert haben. Sie haben dann irgendein Fehlverhalten beobachtet, das sie als Kündigungsgrund nutzen wollen. Und wir müssen ihnen oft sagen: Sorry, aber das reicht nicht.

Die schmutzigen Tricks der Chefs

Das Gesetz schützt vor willkürlichen Kündigungen. Manchmal versuchen Arbeitgeber es trotzdem - ohne Skrupel, mit allen Schikanen. Bis die Mitarbeiter aufgeben. Im Beitrag "Feuer frei!" schildert das Magazin SPIEGEL JOB, wie Spezialanwälte Unternehmen dabei helfen, Angestellte mürbe zu machen.Heft bei Amazon: SPIEGEL JOB 2/2014 Direkt zur digitalen Ausgabe: SPIEGEL JOB 2/2014

KarriereSPIEGEL: Zum Beispiel?

Schreiner: Ein Arbeitnehmer kommt immer zu spät. Bevor Sie ihn kündigen können, müssen Sie ihn erst einmal abmahnen, vielleicht auch zweimal oder dreimal. Wenn er dann immer noch zu spät kommt, dann erst können Sie kündigen.

KarriereSPIEGEL: Warum so kompliziert und formell? Ihren Seminarteilnehmern versprechen Sie immerhin: "So gestalten Sie kreativ Kündigungsgründe."

Schreiner: Ja, aber Sie dürfen Kreativität nicht missverstehen. Im Kündigungsrecht müssen Sie als Arbeitgeber zwangsläufig kreativ sein. Ein Beispiel: Ein Unternehmen möchte einen Mitarbeiter entlassen, weil die Aufträge ausbleiben und der Umsatz zurückgeht. Eigentlich ein klarer Fall, aber im deutschen Arbeitsrecht ist das kein Kündigungsgrund. Wenn Sie eine Buchhalterin mit einer 40-Stunden-Stelle kündigen wollen, dann müssen Sie darlegen können, dass die wirtschaftliche Situation dazu geführt hat, dass genau in dieser Abteilung genau diese 40 Stunden weniger Arbeit anfallen. Es würde in Deutschland keine Kündigungen geben, wenn nur die ausgesprochen würden, von denen ein Anwalt vorher sagt, dass sie zu 100 Prozent halten.

KarriereSPIEGEL: Im Skript zum Kündigungsseminar heißt es: "Aus rein strategischen Gründen empfiehlt es sich manchmal auch bei nicht so erheblichen Pflichtverletzungen im Verhaltensbereich eine fristlose Kündigung, hilfsweise ordentliche Kündigung auszusprechen." Übersetzt heißt das: Man kündigt einfach einmal drauf los, hofft, dass der Mitarbeiter verschreckt einer Abfindungszahlung zustimmt und das Gericht damit nicht weiter prüft.

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Arbeitsrecht: Was Ihr Chef darf - und was nicht

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Schreiner: Sie können sich nie sicher sein, ob die Kündigung hält oder nicht. Jede Kündigung ist eine Einzelfallabwägung. Man hofft natürlich, sich vor dem Gericht mit dem Mitarbeiter zu einigen. Es gibt zum Glück nur ganz wenige Arbeitnehmer, die sich weigern, einem Abfindungsvergleich zuzustimmen.

KarriereSPIEGEL: Kündigungsgründe braucht man nicht, weil ein Gericht im Zweifel gar nicht dazu kommt, die genauer zu prüfen. Klingt nach einem sehr bequemen Weg.

Schreiner: Unterschätzen Sie nicht das Risiko. Wenn ein Arbeitgeber mit leeren Händen beim Arbeitsgericht steht, läuft er Gefahr, dass der Mitarbeiter nach eineinhalb Jahren eben wieder da ist und er ihm das ganze Entgelt nachzahlen muss. Dass sich die meisten Gekündigten auf einen Vergleich einlassen, heißt ja nicht, dass alle das tun. Und wenn der Richter merkt, dass an einer Kündigung nichts dran ist, macht er einen Abfindungsvorschlag, an dem Sie als Unternehmer dann auch keine Freude mehr haben. Wir haben ein ausgesprochen arbeitnehmerfreundliches Kündigungsrecht. Die Hürden sind hoch.

KarriereSPIEGEL: Und deswegen raten Sie in Ihren Seminaren, der Kündigung gleich noch eine Schadensersatzforderung hinterherzuschicken: Denn das diene "recht häufig als durchaus taugliche Motivationshilfe für praktikable Vergleichsabschlüsse, da der Arbeitnehmer sich dann Gegenforderungen ausgesetzt sieht, die im Zweifel seine finanziellen Möglichkeiten übersteigen". So steht es im Seminarskript. Klingt nach einer Zermürbungsstrategie.

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Arbeitsrecht: Was Ihr Chef darf - und was nicht

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Schreiner: Wenn ein Arbeitgeber einen Schadensersatzanspruch hat, warum sollte er ihn nicht geltend machen? Es ist unsere Pflicht als Anwalt, ihn auf diese Möglichkeit hinzuweisen.

KarriereSPIEGEL: Kennen Sie Tabus beim Kündigen?

Schreiner: Natürlich kündigen wir nicht kurz vor Weihnachten. Ansonsten ist ein Anwalt immer aufseiten seines Mandanten. Wir versuchen alles, was arbeitsrechtlich möglich ist. Aber eben auch nur das.

KarriereSPIEGEL: Was ist mit kranken Arbeitnehmern?

Schreiner: Häufige Kurzerkrankungen sind ein Kündigungsgrund. Das ist im Einzelfall zwar hart, aber überhaupt nicht unmoralisch. Wenn ein Arbeitnehmer sehr oft krank ist, dann ist es einem Arbeitgeber irgendwann nicht mehr zuzumuten, den Lohn zu zahlen ohne eine Arbeitsleistung zu bekommen. Aber da muss der Mitarbeiter schon sehr häufig krank sein.

KarriereSPIEGEL: Und man wenn ihn nicht kündigen kann, versetzt man ihn an einen Arbeitsplatz, der garantiert keinen Spaß macht: "Häufig stellt sich die Versetzung auch als Chance dar. Fühlt sich der Arbeitnehmer mit den veränderten Arbeitsbedingungen nicht wohl, so führt dies in Einzelfällen zur Eigenkündigung des Beschäftigten."

Schreiner: Wo steht das?

KarriereSPIEGEL: In einem Skript zu Ihrem Seminar "Die Kündigung 'störender' Arbeitnehmer". Man könnte es auch Mobbing nennen, nur dass es vom Boss ausgeht.

Schreiner: Der Arbeitgeber hat die Pflicht, einen kranken Arbeitnehmer auf einem Arbeitsplatz unterzubringen, der leidensgerecht ist, das Arbeitsumfeld also so zu verändern, dass er weniger oft krank ist.

KarriereSPIEGEL: Oder dass er von sich aus geht.

Schreiner: Das würde ich nicht raten. Aber man kann natürlich einen Mitarbeiter ansprechen und ihn fragen, ob man sich nicht einvernehmlich einigen kann. Ohne dass in irgendeiner Weise Druck ausgeübt wird.

Das Interview führte Bernd Kramer (Jahrgang 1984), Redakteur bei SPIEGEL ONLINE im Ressort Uni-/ SchulSPIEGEL.

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