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Kündigung wegen Fettleibigkeit Dicker Gärtner darf weiterarbeiten

Ein Gärtnerbetrieb schmeißt einen Mitarbeiter raus, weil er 200 Kilo wiegt. Der Mann zieht vor Gericht: Er sei aufgrund seiner Adipositas behindert und dürfe nicht diskriminiert werden. Nun haben sich beide Parteien geeinigt.
Übergewichtiger Mann (Archivbild)

Übergewichtiger Mann (Archivbild)

Foto: © Simon Newman / Reuters/ REUTERS

Hartmut H. wiegt rund 200 Kilo, bei einer Körpergröße von 1,94 Meter. Er sei zu schwer, um auf eine Leiter zu steigen. Und so dick, dass er den Kleintransporter des Gärtnerbetriebs nicht mehr fahren könne, sagte sein Chef - und kündigte dem Landschaftsgärtner nach knapp 30 Jahren Betriebszugehörigkeit.

Dagegen zog H. vor Gericht und forderte nicht nur seinen Arbeitsplatz zurück, sondern auch 6000 Euro Entschädigung: Er sei aufgrund seiner Adipositas als behinderter Mensch anzusehen und dürfe als solcher nicht diskriminiert werden.

Die erste Instanz gab dem Gärtner recht: Die Kündigung sei nicht rechtens, urteilte das Arbeitsgericht Düsseldorf(Az. 7 Ca 4616/15). Die Entschädigung wurde ihm allerdings nicht zugesprochen. Sowohl Hartmut H. als auch sein Arbeitgeber legten deshalb Berufung ein, der Fall ging weiter ans Landesarbeitsgericht. Dort wurde nun an diesem Mittwoch ein Vergleich geschlossen: Hartmut H. darf weiter für die Gärtnerei arbeiten, wird aber abspecken. Eine Entschädigung bekommt er nicht.

Schon ein Jahr vor dem Rausschmiss hatte der Chef Hartmut H. überredet, an einem Gesundheitsprogramm eines Adipositaszentrums teilzunehmen, um sein Gewicht zu reduzieren. Ohne Erfolg. Doch mittlerweile sei eine "Gewichtsreduzierung eingeleitet", heißt es in der Mitteilung des Landesarbeitsgerichts.

Fettleibigkeit kann als Behinderung gelten

Vor Gericht hatte die Firma versucht, die praktischen Probleme im Arbeitsalltag deutlich zu machen: Es gebe keine passende Arbeitskleidung für H.; bei Graben- und Kanalarbeiten passe er nicht in die vorgeschriebene Grabenbreite; für die meisten Leitern sei er zu schwer; die Kleintransporter der Firma könne er nicht mehr steuern - und auf die Dreiersitzbank passten nur zwei Personen, wenn eine davon Hartmut H. sei.

H. war da anderer Meinung. Immer wieder betonte er, dass er seine Aufgaben ohne Einschränkungen erledigen könnte. Was die Arbeitsmittel angeht, war sein Arbeitgeber ohnehin in einer schwierigen Position: Bereits vor Jahren klärten die Arbeitsgerichte, dass die Firma für geeignete, sichere Arbeitsmittel zu sorgen hat. Dabei muss sie die speziellen körperlichen Bedürfnisse der Mitarbeiter berücksichtigen. Das betrifft nicht nur Übergewichtige, sondern beispielsweise auch Büroangestellte, die schon mal einen Bandscheibenvorfall hatten und nicht einen ganzen Arbeitstag lang sitzen dürfen.

Dass Fettleibigkeit auch als Behinderung eingestuft werden kann, hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) vor rund anderthalb Jahren festgestellt. Und Arbeitnehmer mit Behinderungen dürfen im Arbeitsleben nicht benachteiligt werden. Wenn eine Firma das Arbeitsverhältnis mit einem Behinderten auflösen will, muss sie das sehr gut begründen können. Bei schweren Behinderungen wird das örtliche Integrationsamt den Fall prüfen und den Arbeitnehmer in dieser Situation besonders unterstützen. Nicht zuletzt kann ein Integrationsamt eine Kündigung auch verhindern.

Mit dem EuGH-Urteil wurde aber auch die besondere Verantwortung der Arbeitgeber klargestellt: Wenn sich Kollegen über einen pummeligen Kollegen lustig machen, muss der Chef ihn davor schützen. Arten die Angriffe zu Mobbing aus, muss er die Rädelsführer im Extremfall sogar rausschmeißen.

Was passiert, wenn der Chef einen Mitarbeiter zu dick findet, wird Gerichte wohl auch in Zukunft noch beschäftigen: Allein im Jahr 2014 mussten sich in Deutschland gut sieben Millionen Menschen wegen Adipositas in Praxen behandeln lassen, hat die gesetzliche Krankenkasse Barmer GEK am Mittwoch mitgeteilt. Dies seien 14 Prozent mehr als 2006.

mamk/vet
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