Arbeitsrecht Wie verklage ich einen Roboter?

Egal ob in der Fabrikhalle oder im OP-Saal: In der Arbeitswelt kommen immer öfter Roboter mit künstlicher Intelligenz zum Einsatz. Wer trägt die Verantwortung, wenn sie Fehler machen?

Arbeitskräfte mit künstlicher Intelligenz: Roboter
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Arbeitskräfte mit künstlicher Intelligenz: Roboter

Ein Interview von


Spiegel Online: Herr Haagen, wer haftet eigentlich, wenn ein Roboter mit künstlicher Intelligenz bei der Arbeit einen Menschen verletzt?

Christian Haagen: Das ist juristisch derzeit schwer zu klären. Im Strafrecht können nur natürliche Personen - also im Rechtssinn echte, lebende Menschen - für ihr Handeln verantwortlich gemacht werden. Auf zivilrechtlicher Ebene können dagegen auch juristische Personen, also etwa Unternehmen erfasst werden. Roboter fallen nach derzeitigem Stand in keines der beiden Felder.

ZUR PERSON
  • Privat
    Christian Haagen ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtstheorie, Informationsrecht und Rechtsinformatik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

Spiegel Online: Und was ist mit den Herstellern der Roboter?

Haagen: Die können dann haftbar gemacht werden, wenn sie nachweislich die falschen Materialien beim Bau verwendet oder Fehler bei der Programmierung gemacht haben: zum Beispiel wenn ein autonom fahrender Gabelstapler in einem Hochlager eine Palette fallen lässt und das eindeutig mit einer fehlerhaften Programmierung zusammenhängt. Für diesen Schaden müsste dann der Hersteller des Staplers haften. Solche Fehler nachzuweisen, dürfte in Zukunft aber noch schwieriger werden.

Spiegel Online: Warum?

Haagen: Die Roboter der Zukunft werden selbstständig lernen und sollen Entscheidungen auf der Basis ihrer Erfahrungen aus der Vergangenheit treffen. Programmierer können und müssen dafür ein fehlerfreies Gerüst bereitstellen. Wenn die Roboter dann aber bei ihren erfahrungsbasierten Entscheidungen falsch liegen, können die Hersteller dafür nicht mehr so einfach verantwortlich gemacht werden.

Spiegel Online: Das klingt, als müsse niemand mehr die Verantwortung tragen, wenn Robotern Fehler unterlaufen.

Haagen: Genau das ist ein großes Problem. Verallgemeinert könnte man sagen: Solange die Hersteller mit aller möglichen und zumutbaren Sorgfalt gehandelt und keine Fehler gemacht haben, können sie sich nach unserem strafrechtlichen Verständnis nicht schuldig machen.

Spiegel Online: Und im Zivilrecht?

Haagen: Auf zivilrechtlicher Ebene bestünde noch die Möglichkeit einer Haftung, bei der es auf ein Verschulden nicht ankommt. Der Hersteller könnte dann etwa belangt werden, wenn der Schaden auf einem Fehler am Roboter beruht, der auf den Hersteller zurückzuführen ist. Anderenfalls wird es schwierig, jemanden in die Haftung zu nehmen.

Spiegel Online: Wie ließe sich das Problem lösen?

Haagen: Ein Schritt könnte sein, Maschinen mit künstlicher Intelligenz eine eigene Rechtspersönlichkeit zu verleihen. Dann gäbe es für sie Rechte und Pflichten. Folgen die Roboter diesen Pflichten nicht, machen sie sich strafbar. Oder es könnte neue Rechtsnormen geben, die Maschinen mit künstlicher Intelligenz berücksichtigen.

Spiegel Online: Dann könnten Roboter auch verurteilt werden?

Haagen: Ja, dazu gibt es Überlegungen. Wenn die Roboter ihre Pflichten verletzen und Schäden anrichten, wären sie dafür verantwortlich. Beispielsweise finanziell. Roboter handeln mit ihren erfahrungsbasierten Entscheidungen ja prinzipiell eigenständig. Sie können bloß nicht so bestraft werden wie Menschen. Eine Freiheitsstrafe zum Beispiel bedeutet Robotern ja nichts.

Spiegel Online: Aber von welchem Geld sollte ein Roboter eine Strafe bezahlen? Und wäre ihm ein Urteil nicht völlig egal?

Haagen: Auch das ist noch unklar. Roboter haben ja kein eigenes Vermögen. Vielleicht wird man Fonds aufgelegen, mit deren Geldern die Strafen für die Maschinen bezahlt werden. Oder man nimmt letztlich eben doch die Hersteller für die Fehler ihrer Roboter in die Verantwortung. Sie müssen die Geräte beobachten, Fehler erkennen und beheben. Im schlimmsten Fall müssen sie die Roboter zurückrufen.

Im Video: Ich bin Yuki - Wenn Roboter unterrichten

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