SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

13. Juli 2019, 11:15 Uhr

Als Deutscher in Norwegen

"Der ökologische Anstrich ist nur gute Show"

Aufgezeichnet von

Rochus Lyssy, 50, lebt seit 17 Jahren in Norwegen. Hier erzählt er, warum es ihm im Norden so gut gefällt, warum er nicht mehr als Zimmermann arbeitet - und wo das Image des Landes nicht stimmt.

"Unser Haus steht auf einem Hügel, direkt am Wald. Es ist sehr grün und sehr hell hier, selbst im Winter. Alles ist nah, wir brauchen unser Auto kaum. Meine Frau fährt mit dem Rad zur Arbeit, unsere beiden Kinder gehen nur fünf Minuten zu Fuß zur Schule.

Ich bin vor vier Jahren mit meiner Familie hierher nach Kristiansand, im Süden von Norwegen, gezogen. Davor haben wir in Stavanger gewohnt, an der Westküste gelegen. Das Wetter dort ist wechselhaft. Es fühlte sich für mich an wie Dauerherbst - feucht und kühl. Als meine Frau den Job wechseln konnte, haben wir die Möglichkeit zum Umzug genutzt.

Es gefällt mir gut in Norwegen. Ich mag das Easy Living, alle duzen sich, viele sind in der Freizeit draußen unterwegs. Wem Outdoor gefällt, der ist in Norwegen richtig. Kultur ist eher Mangelware. Ich habe jahrelang intensiv Bergsteigen und alpines Klettern betrieben. Jetzt mache ich oft Trail-Laufen oder paddle im Kajak. Im Norden findet sich noch komplett unberührte Natur, wie es sie in Deutschland nicht gibt. Man läuft zehn Stunden und sieht nichts. Es gibt kaum Wege.

Ich arbeite als Industriekletterer. Das heißt, ich verbringe normalerweise zwei Wochen am Stück auf einer Ölplattform in der Nordsee und habe danach dann drei oder vier Wochen frei. Mir gefällt das. Allerdings bleibt zu Hause, während ich weg bin, dann alles an meiner Frau hängen. Deshalb nehme ich ihr Arbeit ab, wenn ich wieder da bin. Dann habe ich ja Zeit.

Auf die Ölplattform werden meine Kollegen und ich in einem Helikopter geflogen. Der Wohnbereich auf der Plattform ähnelt einer Fähre, mit Kabinen und Messe. Egal, ob es gerade hell oder dunkel ist: Wir arbeiten jeweils zwölf Stunden und haben zwölf Stunden frei, vor allem zum Schlafen.

Während der Schicht klettern wir überall dorthin, wo man sonst nicht hinkommt. Das unterste Deck einer Plattform liegt 30 Meter über dem Meer. Je nach Größe kann das oberste Deck bis zu 90 Meter über dem Meer sein und die Fackel sogar bis zu 150 Meter. Wir arbeiten zu dritt im Team, machen Inspektionen, Reparaturen und Umbauten. Manchmal brechen wir auch Plattformen ab.

Aus zwei Jahren wurden 17 - bisher

Eigentlich bin ich gelernter Zimmermann. In diesem Beruf habe ich gearbeitet, als ich vor 17 Jahren nach Norwegen kam. Meine Frau ist Halb-Norwegerin, aber wie ich in Deutschland aufgewachsen. Wir wollten eigentlich nur mal für zwei Jahre ausprobieren, wie das Leben in Norwegen ist - und sind dann geblieben.

Anfangs musste ich die Sprache lernen. Sechs Wochen habe ich Kurse an der Abendschule besucht, nach einem halben Jahr konnte ich mich dann normal auf Norwegisch unterhalten. Heute sind wir eine zweisprachige Familie. Zu Hause sprechen wir Deutsch, draußen Norwegisch. Das geht inzwischen, ohne dass ich darüber nachdenke.

Als wir in Norwegen ankamen, habe ich mich mit einem Ein-Mann-Betrieb selbstständig gemacht: Holzhäuser renoviert und kleinere Umbauten erledigt. Bis mich ein Kletterpartner bei einer Bergtour fragte, ob ich mir vorstellen könnte, als Industriekletterer zu arbeiten. Der Job klang interessant. Ich habe ein paar Kurse belegt, eine Prüfung abgelegt und dann ging es los. Das war vor 13 Jahren. Heute gibt es mehr Beschränkungen und Regeln, es ist nicht mehr so einfach, diesen Job zu machen.

Was mir hier im Vergleich zu meinem Leben in Deutschland fehlt, ist eine gewisse Vielfalt. Das betrifft sowohl die Menschen als auch die Kultur. Ich komme aus München. Da gibt es mehr Unterschiede - und nach meinem Eindruck mehr Freiheiten. Norweger leben sehr nach Schema F, sind konsumorientiert und erzkapitalistisch. Auf alternative Lebensformen und Subkulturen wird mit Unverständnis reagiert.

Die Wirtschaft und das Sozialsystem hier sind abhängig vom Ölgeschäft. Der ökologische Anstrich, den sich Norwegen im Ausland gibt, ist meiner Meinung nach nur gute Show. Es gibt einfach mehr Platz. Die Menschen benutzen die Natur eher, als sie zu schützen. Und es fahren zwar mehr Norweger ein E-Auto, das stimmt, aber auch nur, weil das vom Staat finanziell gefördert wird. Das lohnt sich einfach, weil es billiger ist.

Bezogen auf den Lebensstandard ist das Land eine Insel der Seligen. Die Menschen arbeiten vergleichsweise wenig und werden gut bezahlt. Es gibt wenig Armut, die Gesellschaft funktioniert noch, die soziale Schere öffnet sich aber auch hier. Es ist alles sehr familienfreundlich. Bei der Arbeit geht die Kernzeit normalerweise von 9 bis 15:30 Uhr. Länger wird nur selten gearbeitet. Im Sommer haben alle Arbeitnehmer drei Wochen frei. Sind die Kinder krank, bleibt man zu Hause. Ganz einfach. Gleichberechtigung ist Realität, sowohl in der Familie als auch im Beruf.

Für die Norweger ist das alles normal. Auch, dass ihr Land insgesamt hochtechnisiert ist. Es gibt keinen Datenschutz, Norweger sind ständig online, das Leben läuft digital ab. Bargeld habe ich gar nicht mehr dabei, alles wird mit Karte bezahlt. Und es ist nicht ungewöhnlich, wenn sich Kinder zum Geburtstag kein materielles Geschenk mehr wünschen, sondern ein virtuelles Extra in einem Computerspiel.

Was die Menschen hier sehr hochhalten, ist die Privatsphäre. Es ist leicht, oberflächliche Kontakte zu knüpfen. Freundschaften dagegen werden im Kindesalter geschlossen, späteren Bekannten gegenüber bleibt immer eine gewisse Reserviertheit.

Was wir kaum machen, ist Essen gehen. So ein Restaurantbesuch kostet einfach drei bis vier Mal so viel wie in anderen Ländern. Das holen wir im Urlaub nach, zum Beispiel in Deutschland. Einmal im Jahr versuche ich nach München zu fahren, in meine alte Heimat. Inzwischen fühle ich mich dort wie ein Tourist."

Im Video: Chance oder Scheitern? - Auswandern nach Norwegen

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung