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Job & Karriere

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Architekt in China: Graue Suppe vor dem Bürofenster

Foto: Martin Seibel

Kulturschock in China Eine Langnase zum Vorzeigen

Wo mag bloß Tianjin liegen? Über die Stadt wusste der junge deutsche Architekt nichts, als ein chinesisches Büro ihn anheuerte. Im neuen Job erlebte Martin Seibel viele Überraschungen und eine ungewohnte Arbeitsweise - manchmal sollte er einfach nur sein Gesicht präsentieren.

"Ich weiß noch genau, wo ich war, als der Anruf aus China kam: in einem Park. 2009 war ein schlechtes Jahr für Architekten, besonders für Berufsanfänger. Ich hatte meinen Job in einem Londoner Architekturbüro verloren, in Deutschland hundert Bewerbungen geschrieben und nur zwei Einladungen zu Vorstellungsgesprächen bekommen. Dann klingelte mein Handy. Unbekannte Nummer.

Es grüßte eine gut Deutsch sprechende Chinesin. Sie rufe aus Tianjin an - von diesem Ort hatte ich noch nie gehört. Man habe mein Profil im Internet gefunden, wann ich denn anfangen könne? Man kümmere sich um Flug und Visum, auch für die Wohnung sei gesorgt.

Das ging mir dann doch etwas schnell. Ich recherchierte im Internet, schrieb zwei deutsche Mitarbeiter der Firma an. Die Arbeit sei abwechslungsreich, die Bezahlung nicht überragend, aber doch besser als in Deutschland - das reichte mir. Ich sagte zu. Zwei Wochen später saß ich im Flugzeug nach Peking. Ticket und Visum hatten meine chinesischen Arbeitgeber besorgt.

Am Flughafen wartete ein Fahrer auf mich, mit meinem Namen auf einem Schild. Er sprach kein Wort Englisch. Die Fahrt nach Tianjin war halsbrecherisch. Ein Lastwagen auf der linken Spur, ein Fahrrad ganz rechts, in Schlangenlinien rasten wir über die Autobahn. Als wir in Tianjin, einer Hafenstadt mit fast vier Millionen Einwohnern, ankamen, war mein Hemd schweißgetränkt. Eine Straße voller Garküchen, überall dampfende Töpfe. Frauen, die hastig das Essen an Gäste auf winzigen Hockern verteilten. Eine Ecke weiter: modern gekleidete Menschen mit Einkaufstüten.

Ausländer sitzen vorn

Mein neues Zuhause sollte ich mir mit einem anderen deutschen Architekten teilen, die Miete zahlte die Firma. Vor der Tür wartete schon eine Sekretärin des Architekturbüros. Sie öffnete die verschmutzte Haustür, wir standen in einem noch schmutzigeren Treppenhaus. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Dann die Überraschung: Die Wohnung im fünften Stock war astrein sauber.

Das Büro war nicht weit vom Apartment entfernt. Eine stark befahrene Straße, ein grässliches Gebäude, wie eine Fabrik sah es aus. An einem schlafenden Wachmann und einem überfüllten Mülleimer vorbei, hinauf in den 19. Stock - und ich stand vor den Schreibtischen von drei deutschen Kollegen. Die anderen 60 Architekten saßen weiter hinten. 'Man zeigt seine ausländischen Mitarbeiter wohl gern', dachte ich.

Herr Wei, der Chef, begrüßte mich herzlich. Das Büro bot einen imposanten Blick durch verdreckte Glasscheiben hinaus in die graue, riesige Stadt. Die Sonne war als blasse Kugel hinter einer Mischung aus Smog, Staub und Dunst zu sehen. Dann durfte ich nach Hause, um meinen Jetlag auszuschlafen.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten

Foto: Daniel Garofoli

Der Arbeitsalltag war gewöhnungsbedürftig, mein Schreibtisch am Fenster bei den deutschen Kollegen, mit Blick hinaus in die graue Suppe. Darunter stand eine Schüssel, in die das Wasser aus der Klimaanlage tropfte. War sie voll, schüttete man das Wasser in einen Eimer um, der dann in die Toilette ausgeleert werden musste. Meine chinesischen Kollegen rauchten dort gern bei offener Tür oder lasen Zeitung.

Mein erstes Projekt: ein Museum. Es gab schon einen fertigen Entwurf von deutschen Architekten, die vor mir in dem Büro gearbeitet hatten. Nun sollten wir uns etwas komplett Neues überlegen. Ich arbeitete mehrere Monate daran, dann kam plötzlich ein neues Projekt. Was aus dem Entwurf wurde, weiß ich bis heute nicht. Wer weiß, vielleicht sitzt in diesem Moment jemand am Schreibtisch und plant dieses Gebäude ein weiteres Mal. Ich werde es wohl nie erfahren.

Heimat verbindet

Mein zweites Projekt, ein riesiges Areal aus Geschäften, Wohnungen und Büros mit einer Nutzfläche von 200.000 Quadratmetern, war eine große Herausforderung. Aber ich hatte das Gefühl, mich irgendwie verkauft zu haben. Ich sollte zum Beispiel dem Bauherrn den Projektstand auf Englisch vortragen. Er verstand mich aber gar nicht. Es ging wohl eher darum, ein ausländisches Gesicht zu zeigen. Sogenannte Face Jobs sind in China gang und gäbe, und Studenten spielen auf Firmenevents schon mal den amerikanischen Investor.

Die Arbeit mit den chinesischen Kollegen war generell eher ein Gegen- als ein Miteinander. Die Kommunikation war nur mit Hilfe zweier Übersetzer möglich, denn meine Kollegen sprachen kein oder nur spärliches Englisch. Bei neuen Projekten wurde oft eine Art Wettbewerb veranstaltet. Als in Deutschland ausgebildete Architekten waren wir es gewohnt, vor dem eigentlichen Entwurf zunächst ein Konzept zu erarbeiten. Die chinesischen Kollegen dagegen legten schon nach ein, zwei Tagen komplett visualisierte Gebäude auf den Tisch. Komplexe Formen, geschwungene Dächer, aber eben Schnellschüsse. Auf Fragen, wo denn dieser oder jener Raum sein sollte, bekam man oft keine klare Antwort.

Einmal sollte ich den Bau eines Modells überwachen. In der Halle roch es stark nach Klebstoff, die Arbeiter schufteten rund um die Uhr, manche schliefen auf der Werkbank. Sie wohnten auf dem Gelände in Baracken, die Höfe voller Müll. Ich hatte wieder das Gefühl, an etwas Falschem teilzunehmen.

Sehr verbunden fühlte ich mich mit meinen deutschen Kollegen. In einer Stadt wie Tianjin verbindet die Heimat. Man isst zusammen, macht zusammen Urlaub, unterstützt sich, wo man kann.

Nach einem Jahr zog es mich weiter nach Shanghai und damit in eine andere Welt. Modern, schnell, kosmopolitisch. China ist eben nicht gleich China. Oft wurde ich dort gefragt, wie es denn gewesen sei in dem chinesischen Büro in Tianjin. Dann musste ich lächeln und kam mir vor wie ein richtiger Abenteurer."