Kulturschock in Grönland Rentier in der Tiefkühltruhe

Suppe aus Seehund, Dächer aus Pappe und Straßen, die im Nichts enden - willkommen in Nuuk. In Grönlands Parlament arbeitet Nils Baum, 38, als Projektmanager. Er betreut Touristen und Staatsgäste, verpasst Abgeordneten halbe Eisbären und übt sich im Bootsmotoren-Small-Talk.

Nils Baum

"Als ich vor sechs Jahren nach Grönland gezogen bin, wollten meine neuen Kollegen als erstes von mir wissen: Ist meine Tiefkühltruhe groß genug für Rentiere? Was für einen Motor hat mein Boot? Jagen und Angeln sind hier große Themen, aber leider nicht so mein Ding - obwohl ich wegen eines Jobs im Fischereiministerium hierher gekommen bin.

Die Stellenanzeige hatte ich in einem dänischen Fachmagazin gefunden. Ich wohnte damals in Kopenhagen, feilte an meinem Dänisch, jobbte bei der Post. Ein Freund hat mich damals gewarnt: In Grönland gebe es gar keine Straßen zwischen den einzelnen Orten. Ich habe mich trotzdem beworben.

Wenige Wochen später bekam ich einen Anruf vom Abteilungsleiter des Fischereiministeriums, er sei gerade in Kopenhagen, ich solle mich persönlich vorstellen. Wir unterhielten uns auf Dänisch. Dass ich nicht viel über Fisch wusste, machte nichts - ich bekam die Zusage.

Etwas Schlimmes passieren kann mir ja nicht, habe ich damals gedacht und bin mit einem Koffer und zwei Containern Hausrat nach Nuuk gezogen. Das ist die Hauptstadt von Grönland mit circa 16.000 Einwohnern.

Nach elf Kilometern hört die Straße auf

Die Wohnung habe ich vom Ministerium zugeteilt bekommen. Ein großer Vorteil, denn auf dem freien Markt zahlt man schon mal 2000 Euro für ein kleines Apartment. Von außen sieht das Haus nicht so toll aus: Es besteht aus Holz und Dachpappe, aber hier macht das Sinn, weil Ziegel auf dem Dach sofort wegwehen würden. Außerdem ist es super isoliert. Das ist wichtig, hier liegt von Anfang November bis Ende April Schnee.

Das Kälteste, was ich mal erlebt habe, war minus 45 Grad Celsius im Landesinneren. In der Regel bewegen sich die Temperaturen in Nuuk aber zwischen minus acht Grad im Winter und plus acht Grad im Sommer. Mein Körper hat sich schon so daran gewöhnt, dass mir auch bei Minustemperaturen eine Jeans reicht. Bei meinem Deutschlandbesuch im vergangenen Sommer habe ich dafür viel geschwitzt.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten
Zur Arbeit laufe ich jeden Tag, ein Auto habe ich nicht. Die längste Straße in Nuuk ist elf Kilometer lang. Dann hört sie einfach auf, man steht im Nichts. Insgesamt gibt es hier nur 120 Kilometer asphaltierte Straßen. Es ist tatsächlich so, wie mein Freund damals gesagt hat - alle Orte in Grönland sind nur per Schiff oder Flugzeug zu erreichen.

Es gibt hier einen Mangel an Hochqualifizierten, deshalb werden geeignete Leute sofort in höhere Jobs katapultiert. Ich habe im Fischereiministerium in der Verwaltung gearbeitet - und war gleichzeitig Repräsentant für Grönland im Fischereikomitee des Nordischen Ministerrats. Dort habe ich mit Kollegen aus Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden diskutiert. So eine Verantwortung bekommt man in anderen Ländern erst nach etlichen Dienstjahren!

Eisbären erschlagen ihre Beute immer mit links

In Nuuk hat sich ein richtiger Akademiker-Reisetourismus entwickelt; viele Dänen starten hier ihre Karrieren und reisen dann nach ein oder zwei Jahren wieder in ihre Heimat. Ich habe nur den Arbeitsplatz gewechselt: Seit Sommer 2009 bin ich Kommunikations- und Projektmanager für das grönländische Parlament. Das ist mein absoluter Traumjob.

Im Grunde funktioniert das Parlament hier wie der Bundestag. Grönland gehört ja zu Dänemark, verwaltet sich aber zu großen Teilen selbst. Es gibt 31 Abgeordnete aus fünf Parteien und 30 Angestellte in der Verwaltung, einer davon bin ich. Ich mache Führungen durch das Parlament, in erster Linie für Touristen, aber auch schon mal für offiziellen Besuch, auf Deutsch, Englisch und Dänisch.

Ich betreue Delegationen aus anderen Ländern, kümmere mich um die Internetseite des Parlaments, schreibe den Jahresbericht, gestalte Broschüren, sogar einen kurzen Film habe ich gedreht. Und gerade ist das Intranet für die Abgeordneten und die Verwaltung fertig geworden, daran habe ich ein ganzes Jahr gearbeitet.

Als Logo hat das grönländische Parlament einen halben Eisbären mit aufgerichteter linker Pranke. Eisbären erschlagen ihre Beute nämlich immer mit links. Vor kurzem haben wir neue Stühle für die Abgeordneten gekauft. Als ich meiner Mutter auf Skype davon erzählte, fragte sie, ob die denn auch unser Logo bekämen. Daran hatte ich gar nicht gedacht, habe es dann aber prompt vorgeschlagen. Und jetzt prangt auf jeder Rückenlehne der neuen Abgeordnetenstühle ein halber Eisbär!

Euro-Rettung? Interessiert hier niemanden

Die Arbeit macht mir viel Spaß und ist auch noch gut bezahlt, aber die sozialen Netzwerke sind leider ein Problem. Ich habe mittlerweile die Hoffnung aufgegeben, in die grönländische Gesellschaft aufgenommen zu werden. Obwohl ich schon so lange hier bin, habe ich nur einen grönländischen Freund. Und auch mit ihm kann ich zum Beispiel nicht über die Euro-Rettung reden. Was draußen in der Welt passiert, ist in Grönland weit weg. Der Fokus liegt mehr auf dem Hier und Jetzt.

Ein Problem ist auch die Sprache. Ich habe versucht, ein wenig Grönländisch zu lernen, aber das ist wirklich sehr schwierig. Die Sätze fangen rückwärts an, einzelne Wörter können über eine ganze DIN A4-Zeile reichen. In Nuuk sprechen alle Dänisch, aber die Kommunikation ist grundsätzlich anders. Stille wird hier nicht als unangenehm empfunden. Bei meinem ersten grönländischen Konfirmandenfest war ich geschockt, als auf einmal 80 Leute aufgehört haben zu reden - weil das Essen serviert wurde.

Rentiere und Moschusochsen, aber auch Seehunde und Wale werden hier gern gegessen. Die armen Seehunde, habe ich erst gedacht. Wenn man hier wohnt, ändert sich aber die Perspektive: Walfleisch ist richtig lecker, Seehund schmeckt als Suppe ganz gut - es kommt auf die Zubereitung an. Alkohol ist sehr teuer, eine Flasche Wein gibt es im Schnitt für 20 Euro, 0,4 Liter Bier kosten zehn Euro. Im Supermarkt kann man eigentlich alles kaufen, auch Schwarzbrot und Obst. Nur Müsli und Tee bringe ich mir immer aus Deutschland mit.

Der Flug ist allerdings auch ziemlich teuer, 1000 Euro hin und zurück. Von Deutschland aus muss man erst mal nach Dänemark oder Island. In Grönland gibt es nur zwei Flughäfen mit Start- und Landebahnen, die länger sind als 1000 Meter. Das sind beides ehemalige amerikanische Militärbasen, und von dort geht es dann mit einer Propellermaschine weiter. Einmal musste ich drei Tage auf meinen Anschlussflug warten, um nach Hause zu kommen. Da lernt man, geduldig zu sein."

Kulturschock

Aufgezeichnet von Verena Töpper



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