Franzose in Tokio "Der deutsche Feierabend hat mich gerettet"

Wirtschaftsprüfer Emmanuel Thierry ist Franzose, seine Frau Deutsche, sein Sohn kam in New York zur Welt. Heute lebt die Familie in Tokio. Und erlebt einen Alltag mit Fukushima, peinlichen Verbeugungen im Büro und sehr deutschen Abenden.

Emmanuel Thierry

"Das erste Wort, das mein Sohn Emile jemals sprach, musste seine Babysitterin für mich übersetzen. 'Densha', sagte er. Das ist Japanisch und heißt 'Zug'. Emile saß in unserem Wohnzimmer, schaute aus dem Fenster auf die Hügel um Tokio und sah in der Ferne die Bahn vorbeirauschen. 'Densha'.

Wir leben in einer 130-Quadratmeter-Wohnung, das ist verhältnismäßig groß für Tokio. Ich bin Partner bei der Firma Mazars, wir sind hier 30 Kollegen und prüfen die Jahresabschlüsse von ausländischen Firmen. Ich habe in Paris und ein Jahr in Leipzig studiert, anschließend vier Jahre in Paris gearbeitet und sechs in New York. Dort kam 2011 auch mein Sohn zur Welt.

Tokio ist unser temporäres Zuhause. Und ja, manchmal fühle ich mich unsicher, weil immer die Frage im Kopf ist: Was kommt als nächstes? Als wir in New York gelebt haben, dachten wir: Das ist es, hier bleiben wir. Aber dann bekam ich Anfang 2011 die Chance, für meine Firma nach Tokio zu wechseln. Erst fiel es uns nicht leicht. Mein Vertrag garantiert mir keine Rückkehr, und auch meine Frau möchte beruflich weiterkommen. Doch die Lust auf Neues war bei uns beiden wieder geweckt.

Fotostrecke

7  Bilder
Auswanderin in Thailand: Arbeiten am Drehort von "The Beach"
Wir waren mitten in den Verhandlungen, als das Unglück in Fukushima geschah. Damit war das Thema erst mal abgehakt. Selbst nach unserem Umzug im Januar 2012 gab es noch viele Unsicherheiten. Meine deutschen Schwiegereltern haben uns regelmäßig ein großes Päckchen mit Babynahrung für unseren Sohn geschickt, alles bio. Und noch heute sagt mir meine Frau, dass ich eine Landkarte von Japan mit in den Supermarkt nehmen soll - um sicherzugehen, dass Obst und Gemüse nicht aus Anbaugebieten in der Region um Fukushima kommen. Die Angst vor Radioaktivität ist immer noch da.

Kulturnachhilfe via Skype

Bevor wir nach Japan gezogen sind, hatte ich keine Ahnung von dem Land. Ich wusste nur von der Krise, von den Mangas und dem guten Essen - fast nirgendwo gibt es so viele 3-Sterne-Restaurants wie in Tokio. Kurz vor unserem Umzug hat ein Freund aus München mir via Skype Nachhilfeunterricht in japanischer Kultur gegeben, er hatte dort studiert und eine Beratungsfirma gegründet. Von ihm habe ich beispielsweise gelernt, wie wichtig es ist, sich bei Begrüßungen und Abschieden zu verbeugen. Das kann aber auch peinlich werden: Neulich habe ich einen Geschäftspartner nach einem Meeting zum Aufzug begleitet, er stand darin, ich davor. Wir verbeugten uns - doch die Fahrstuhltüren gingen 30 Sekunden lang nicht zu. Genauso lange standen wir aber verbeugt voreinander. 30 Sekunden können sehr lang sein.

Fotostrecke

16  Bilder
Auswanderin in der Karibik: Wie habe ich eigentlich früher gearbeitet?
Als Franzose musste ich mich in Japan erst an die Salarymen gewöhnen: Mitarbeiter, die sehr viel und sehr lange arbeiten und abends den letzten Zug nach Hause nehmen. Sie würden niemals vor ihrem Chef das Büro verlassen. So zeigen sie, dass sie alles für die Firma geben. Nun bin ich aber Franzose. Natürlich arbeite ich auch mal länger, wenn es sein muss. Aber wenn es nichts zu tun gibt, gehe ich nach Hause. Und am Anfang hatte ich das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen. Meine Rettung war Sabine.

Ich stellte mich vor meine Mitarbeiter und erzählte ihnen von meiner deutschen Ehefrau. Und wie wichtig ihr ein ganz bestimmtes Wort sei: Feierabend. Sollte ich nicht spätestens um 19 Uhr zu Hause sein, sei das für Sabine ein Zeichen, dass ich nicht effizient und damit nicht gut genug gearbeitet hätte. Seitdem gilt in meinem Team: Wenn die Arbeit erledigt ist, gibt es keinen Grund für Überstunden.

Typisch deutsch

Sabine kommt aus Bayern, wir haben uns während des Studiums in Paris kennengelernt. Sie berät internationale Organisationen: In New York hat sie für die Uno gearbeitet, in Tokio schreibt sie an ihrer Doktorarbeit, gerade ist sie für ein Projekt in Äthiopien. Manchmal bedauert sie, dass ich gar nicht typisch französisch bin: Ich kann nicht gut kochen, und sehr romantisch bin ich auch nicht. Ich sei zu eingedeutscht, sagt Sabine.

Ich sage: An ihr ist eigentlich alles typisch deutsch, nur pünktlich ist Sabine nie. Wie groß die kulturellen Unterschiede zwischen uns sind, merke ich aber erst, seit Emile auf der Welt ist. Ich habe beispielsweise das Gefühl, deutsche Mütter sind nach der Geburt viel stärker auf das Baby fokussiert als französische. Aber damit kein Missverständnis aufkommt: Ich habe deutsche Mütter sehr gerne.

Europa ist Zuhause

Momentan gefällt es uns in Tokio sehr gut. Die Stadt ist zwar nicht besonders schön, aber das Leben ist sehr angenehm: Das Klima ist toll und es gibt sehr viele Wege für 'mamacharis'. Das sind eigentlich Elektrofahrräder mit Kindersitzen für Mütter, aber sie sind auch für lauffaule Leute wie mich sehr praktisch. Außerdem ist die Stadt sehr sicher. Einmal habe ich meine Tasche in der U-Bahn vergessen. Drei Tage später wurde sie gefunden: Geld, Kreditkarte, es war alles noch da. Stellen Sie sich das mal in Paris oder New York vor!

Trotzdem: Langfristig wollen wir wieder zurück nach Hause kommen. Das heißt: nach Europa. Wir könnten uns Deutschland, Belgien, die Schweiz oder Frankreich gut vorstellen. 'Zuhause', das hängt für mich mit drei Aspekten zusammen. Da ist zum einen die Sprache, das ist für uns in Europa natürlich viel leichter als in Japan. Außerdem gehört zu einem Zuhause für uns beide auch die Möglichkeit, sich beruflich weiterzuentwickeln; auch das ist in Europa einfacher. Und dann sind da noch unsere Familien und Freunde, die meisten von ihnen leben in Paris und in Deutschland.

Außerdem möchten wir Emile mit seinen europäischen Wurzeln vertraut machen. Ich spreche Französisch mit ihm, Sabine Deutsch. Er versteht beides. Und im Gegensatz zu uns auch noch Japanisch. In Tokio komme ich meistens mit Englisch sehr gut zurecht. Und wenn nicht? Nun, ich lächle sehr viel."

Kulturschock

Aufgezeichnet von Anna-Lena Roth



© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.