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Fotostrecke: Kulturschock in Nicaragua

Foto: Markus Schmid/ Ritter

Deutscher Schokoexperte in Nicaragua In den Kakao gezogen

Monatelang schlief er in einer Hängematte, jetzt arbeiten 200 Menschen für ihn: Markus Schmid wanderte nach Nicaragua aus, um eine Kakao-Plantage aufzubauen. Dabei muss er sich auch um das Wohlbefinden von Brüllaffen kümmern.

"Anfangs war mein Arbeitsplatz nicht mit dem Fahrzeug zu erreichen. Wir haben den Geländewagen fünf Kilometer entfernt untergestellt und sind dann mit Maultieren und Pferden weiter, auch bei Nacht und starkem Regen. Außer einem alten Holzgebäude mit Lehmboden gab es nichts: keinen Strom, kein fließendes Wasser, keinerlei Komfort. Wir haben in Hängematten geschlafen und auf offenem Feuer gekocht, meistens Reis mit Bohnen und Tortillas.

Meine Kollegen und ich waren gekommen, um auf dem Gelände im Osten Nicaraguas eine Kakaoplantage aufzubauen - mitsamt Straßen und Gebäuden, eine große Finca also.

Kakao, das ist mein Job: Ich arbeite für den Schokoladenhersteller Ritter Sport. Als mein Chef mich fragte, ob ich für die Firma nach Mittelamerika will, habe ich nicht lange überlegt. Mir blieb gerade noch Zeit für einen Crashkurs in Spanisch. Dann bin ich nach Managua geflogen, Nicaraguas Hauptstadt. Das war im November 2011.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten

Foto: Daniel Garofoli

Zusammen mit Kollegen machte ich mich sofort daran, gutes Land zu finden und zu kaufen. Denn Kakao kann man nicht überall anbauen. Die Pflanzen benötigen viel Regen und Böden, die Wasser gut speichern können. Agraringenieure fanden für uns dann ein ideales Stück Land im Osten - nicht weit entfernt von der Karibikküste. 22 Quadratkilometer haben wir Großbauern abgekauft.

Schotterpisten sind ein Fortschritt

Die ersten zehn Monate ohne Strom, Internet und Telefon waren eine Herausforderung. Mir hat mein neues Leben trotzdem gefallen.

Die Finca haben wir El Cacao genannt. So eine große Kakaoplantage gibt es sonst nirgends. Da muss man sich neue Lösungen überlegen. Die Redewendung, die ich im Job am häufigsten verwende: Porque no?! - Warum nicht!? Ich bin für die gesamte Infrastruktur zuständig, also eine Art technischer Leiter der Finca.

Zuerst habe ich eine Solaranlage und Antennen installiert, um nicht mehr von der Außenwelt abgeschnitten zu sein. Wir bauten die Strom- und Wasserversorgung auf sowie Straßen, Gebäude und Brücken. Die Hälfte des Finca-Geländes ist nun mit Fahrzeugen zu erreichen - über Schotterpisten. Die meisten Gebäude und die Kantine sind bezugsfertig, Handy- und Internetempfang gibt es auch. An unserer eigenen Stromversorgung arbeite ich bereits.

Drei Baumschulen, Brüllaffen, Faultiere

Am Ende sollen auf der Plantage 1,5 Millionen Kakaobäume auf 1500 Hektar Fläche stehen. Wir betreiben drei große Baumschulen mit Kakaopflanzen und anderen Bäumen, die Schatten spenden. Auf 700 Hektar pflanzen wir Wald als Windschutz für den Kakao und als Schutzzone für die Tiere, die so die Finca durchqueren können. In der Region leben unter anderem Brüllaffen und Faultiere. Die auf Landwirtschaft ausgerichtete Universidad Nacional Agraria in Managua untersucht gerade, wie wir die Tiere und Pflanzen am besten schützen können.

Mittlerweile arbeiten rund 200 Mitarbeiter auf El Cacao, weit über 90 Prozent von ihnen kommen aus der Region. Sie haben in der Regel keine höhere Schulbildung, aber Erfahrungen in der Landwirtschaft: Sie können pflanzen, beschneiden, das Land bewirtschaften.

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Foto: privat

Alle Mitarbeiter sind angestellt und staatlich versichert. Sie bekommen ein Gehalt, das über dem Mindestlohn des Landes liegt. Wir erklären ihnen immer, was wir warum tun. Die Leute sind sehr lernwillig, sie bilden sich mit unserer Hilfe fort, lernen zum Beispiel Englisch. Für viele war es eine neue Erfahrung, dass man sich Zeit für sie nimmt und nicht nur Anweisungen gibt.

Was im Alltag etwas nerven kann: Termine werden nicht so genau eingehalten, eine halbe Stunde Verspätung ist nicht ungewöhnlich. Ich habe auch gelernt, dass sich manche Probleme hier nicht sofort lösen lassen, aber mit etwas Geduld klappt es. Und am Ende ist man genauso schnell, als würde man hektisch, aber unbedacht loslegen.

Und am Wochenende ab auf den Vulkan

Bei Ritter Sport habe ich 1985 nach meiner mittleren Reife eine Ausbildung zum Süßwarentechniker gemacht, dann wurde ich Industriemeister und Schichtverantwortlicher einer Fertigungsstraße für Schokoladentafeln, wo 20, 25 Menschen arbeiten. Danach war ich für die Produktionsplanung und Steuerung zuständig. Am Schluss hatte ich die operative Verantwortung für die ganze Fabrik. Dann kam das Angebot für Nicaragua.

Meine Lebensgefährtin ist mittlerweile auch hergezogen, unser Sohn ist hier geboren. Die Stadt ist sehr laut, der Verkehr wild, manche Ecken meiden wir auch. Aber wir fühlen uns wohl, denn die Menschen sind enorm freundlich und hilfsbereit. Nachbarn laden uns einfach mal so zum Grillen ein. Und wenn man auf dem Land eine Reifenpanne hat, hält gleich jemand und hilft beim Reifenwechsel.

Am Wochenende fahren wir oft zum Vulkan Masaya, das ist nur eine halbe Stunde entfernt. Er ist aktiv, am Gipfel riecht man den Schwefel, der Ausblick ist wunderbar - mein persönlicher Lieblingsplatz.

Zwei, drei Jahre bleiben wir bestimmt noch hier, auf diese Zeit freue ich mich. Denn bis dahin werden wir die erste Ernte einfahren. 3000 Tonnen pro Jahr sollen es einmal werden. Kakao gehört zur Tradition des Landes, die Nicaraguaner stellen daraus vor allem Getränke her, zum Beispiel Tiste, ein kaltes Kakaomischgetränk. Aber einen Schokohersteller gibt es meines Wissens nicht."

Aufgezeichnet von Felix Ehring