Unternehmensberater in der Ukraine Wer nicht trinkfest ist, braucht eine Strategie

Jeden Mitarbeiter begrüßt er morgens persönlich und führt seine Angestellten mit typisch ukrainischer Fürsorglichkeit. Als Berater in Kiew weiß Sven Henniger: Ohne Lob geht hier nichts. Ohne Alkohol auch nicht, denn beim Feiern spielen Ukrainer in der Champions League.


"Ich bin seit 2008 in der Ukraine und arbeite als Geschäftsführer und Partner bei der Unternehmensberatung Ukraine Consulting. Wir beraten internationale Unternehmen, die in der Ukraine investieren wollen, von Visa-Angelegenheiten über Steuerfragen bis hin zur Vermittlung von Arbeitskräften.

Schon in Deutschland war ich einige Jahre Unternehmensberater, das war in Hamburg. Danach habe ich in Moskau gearbeitet und beruflich den Eigentümer der Russia Consulting Group kennengelernt - über ihn kam ich 2008 an die Position hier in Kiew. Ich kenne die Region also mittlerweile schon ganz gut.

Trotzdem bin ich ab und zu noch geschockt, im Negativen wie im Positiven. Vor kurzem aßen wir zum Beispiel in einem Restaurant. Zum Nachtisch gab es Kuchen, meiner schmeckte irgendwie komisch. Ich gab meinem Bekannten ein Stück zum Probieren, er meinte nur: 'Dreh ihn mal um!' - auf der Unterseite war alles voller Schimmel. Ich zeigte das Stück der Kellnerin, aber die zuckte nur mit den Schultern und ging wieder weg.

Auf der Rechnung stand der Kuchen trotzdem. Ich fragte, was das solle, und ging von einem Irrtum aus. Aber die Kellnerin antwortete nur: 'Den müssen Sie bezahlen. Ich kann ihn jetzt nicht mehr verkaufen. Sie haben ja schon davon gegessen.'

Bürofeier am Internationalen Frauentag

Wenn man etwas kauft, muss man also immer vorsichtig sein. Bei der Rekrutierung von Mitarbeitern ist das ähnlich. Anhand ihrer Referenzen sollte man intensiv prüfen, ob die Angaben im Lebenslauf stimmen. Die gesetzliche Kündigungsfrist beträgt in den meisten Fällen nur 14 Tage. Somit muss man für sensible Positionen stets einen Plan B bereithalten.

Im Arbeitsalltag ist die größte Herausforderung für einen deutschen Chef, seine Mitarbeiter permanent zu motivieren. Meine 25 Angestellten sind allesamt Ukrainer. Rein rational, mit sachlichen Argumenten allein, erreicht man nicht viel. Man muss unbedingt eine emotionale Beziehung zu seinen Leuten aufbauen, in persönlichem Kontakt zu ihnen stehen.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten
Dafür habe ich mir angewöhnt, morgens und abends eine Runde zu drehen, jeden zu begrüßen und zu verabschieden. Zwischendurch erkundige ich mich, wie es ihnen geht, ob zu Hause alles in Ordnung ist. Auch zu loben ist ganz wichtig. Mir fällt das zwar nicht immer ganz leicht, aber wenn es etwas Positives zu sagen gibt, spreche ich das auch an.

Ganz wichtig sind auch Feiertage wie der Internationale Frauentag am 8. März. Dieser Tag muss ausgiebig gewürdigt und gefeiert werden. Einmal haben wir ein kleines Fotostudio in unseren Räumen eingerichtet. Da konnten sich die Frauen dann hübsch machen lassen und den ganzen Tag über nach Herzenslust dem Fotografen Modell stehen. Im vergangenen Jahr waren wir alle zusammen Kart fahren, inklusive großer Siegerehrung.

Wenn ich nicht mittrinke, sind die Leute schnell beleidigt

Was das Feiern angeht, spielen die Ukrainer in der Champions League. Bei Hochzeiten und Geburtstagen geht es fast immer hoch her. Mein Problem: Ich trinke fast keinen Alkohol. Das kommt noch von früher, als ich Segeln als Leistungssport betrieben habe. So gesehen bin ich hier im falschen Land. Auf Festen trinken die Ukrainer nämlich nicht einfach nur viel, das Trinken hat auch eine wichtige soziale Funktion. Man trinkt auf das Beisammensein, das bedeutet auch: Wenn ich nicht mittrinke, sind die Leute schnell beleidigt.

Allerdings habe ich dagegen eine gute Strategie entwickelt. Wenn ich bei einer Feier neue Leute kennenlerne, erkläre ich ihnen gleich am Anfang, dass und warum ich keinen Alkohol trinke. Das verstehen die meisten. Anschließend erkläre ich mich bereit, ausnahmsweise doch ein kleines Gläschen mit ihnen zu trinken. So ist es zwar weniger, aber sie wissen es umso mehr zu schätzen.

Insgesamt fühle ich mich wohl hier und habe mit der Zeit eine ganze Reihe guter Freunde kennengelernt, nicht zuletzt durchs Segeln. Als Freunde sind die Ukrainer übrigens phänomenal: superloyal, solidarisch und immer für einen da, wenn man ein Problem hat.

Aus der Decke entspringt ein Wasserfall

Im Herbst bin ich in eine neue Wohnung gezogen. Die Gebäudesanierung war gerade abgeschlossen, ich war der erste Mieter. Eines Abends im Januar kam ich nach Hause, machte die Tür zum Schlafzimmer auf und stand mit beiden Füßen im Wasser. Das Zimmer war eine einzige Pfütze. Oben aus der Decke lief einfach das Wasser heraus: ein richtiger Wasserfall.

Ich rief sofort den Vermieter an. Seine Antwort: 'Vielen Dank für die Information. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend!' Ich konnte es kaum glauben. Ein paar Tage später übermittelte er mir die Auskunft der staatlichen Wohnbehörde: 'Wir bedauern das Problem, aber aufgrund des Schnees und der gefährlichen Witterung ist es zurzeit leider unmöglich Handwerker aufs Dach zu schicken. Die Reparaturen können frühestens im April beginnen.'

Ich war fassungslos und sagte, dass ich bis dahin auf keinen Fall die volle Miete bezahlen würde. Dafür hatte er jedoch kein Verständnis. Wir hätten schließlich einen Vertrag geschlossen! Ich habe ihm dann eine Frist gesetzt und klargemacht, dass ich ausziehen werde, wenn das Problem bis dahin nicht gelöst ist. Seit Januar hat sich nichts getan.

Trotzdem muss ich auch sagen, dass man das Organisationstalent der Ukrainer als Westeuropäer immer wieder unterschätzt. Vor der Fußball-Europameisterschaft 2012 hatten alle nur schwarz gesehen. Viele Bauten waren noch nicht fertig, riesige Geldsummen in schwarzen Kanälen versickert. Die Hotels waren dann zwar überteuert, aber daneben gab es die Masse der Privatpersonen mit ihrer ungeheuren Gastfreundlichkeit, die Fans kurzerhand umsonst bei sich einquartierten.

Am Ende hat die Ukraine mit diesem Turnier sehr für sich geworben. Das hätte vorher wohl keiner gedacht. Aber es ist gut so. Die Leute haben es sich verdient."

Kulturschock

Aufgezeichnet von Jonathan Widder

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spon-facebook-10000242622 04.06.2013
1. Lilia
Leider berichet hier Sven über dieUkraine im negativen Sinne (oder es wurde so vom Reporter dargestellt). Es scheint, daß die Ukrainer reine Alkoholiker sind und nichts anderes könne als saufen. Ich arbeite auch sehr lange in der Ukraine und würde nicht sagen, daß die Ukrainer sooo vile trinken (auch im Vergleich zu den Russen). Es gibt auch sehr viel Positives, worüber man überhaupt nicht geschrieben hat. Ja, man muß mit dem Personal oder mit den Gesetzen aufpassen, wie überall in der Welt (es gibt bestimmte Spezifik), aber so das Land und die Leute bescheissen... sorry!
doofnuss 04.06.2013
2. soziale kompetenz lernt man nicht an der uni
Zitat von spon-facebook-10000242622Leider berichet hier Sven über dieUkraine im negativen Sinne (oder es wurde so vom Reporter dargestellt). Es scheint, daß die Ukrainer reine Alkoholiker sind und nichts anderes könne als saufen. Ich arbeite auch sehr lange in der Ukraine und würde nicht sagen, daß die Ukrainer sooo vile trinken (auch im Vergleich zu den Russen). Es gibt auch sehr viel Positives, worüber man überhaupt nicht geschrieben hat. Ja, man muß mit dem Personal oder mit den Gesetzen aufpassen, wie überall in der Welt (es gibt bestimmte Spezifik), aber so das Land und die Leute bescheissen... sorry!
die ukraine kann für einen unbedarften deutschen ex-pat, der an resultaten, sprich schwarzen zahlen gemessen wir, eine echte horror-destination sein - die mentalitätsunterschiede sind immens, die fehlende rechtssicherheit, sie sagen es: das allgemeine bescheißen, ist weit verbreitet. in punkto alkohol sind "die ukrainer" "den russen" wohl gleichwertig: letztere erlebte ich regelmäßig schon morgens um zehn zu offiziellen vertragsverhandlungen mit penetranter vodkafahne - da ist das über die schulter an die wand werfen des vodkaglases noch die lustigste reminiszenz. ;-)
meta39 04.06.2013
3. @ Lilia
Ich habe den Beitrag gar nicht so negativ empfunden. Es wurden sogar sehr positive Eigenschaften erwähnt. Der Ostblock ist nun einmal anders als der Westen. Die Betonung liegt hierbei auf "anders", nicht auf besser oder schlechter.
BettyB. 05.06.2013
4. Was solls, wenn es doch so einfach ist...
Wer nicht saufen will, sagt mit großem Bedauern, er sei leider zuckerkrank. Hilft! Half auch in Rußland...
rumpel84 05.06.2013
5.
In Bayern sind zwar die Hotelzimmer trocken, trinkfest sollte man da aber auch sein ;)
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