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Künstler und Kulturschaffende Harte Arbeit zahlt sich aus? Von wegen!

Die Kunst- und Kreativbranche verlangt wie die Wissenschaft Arbeit auf hohem Niveau. Die Bedingungen sind aber unsicher, die Bezahlung schlecht. Warum tun sich das so viele Menschen trotzdem an?
Alles für die Wissenschaft: Aber finanziell gibt sie oft wenig zurück

Alles für die Wissenschaft: Aber finanziell gibt sie oft wenig zurück

Foto: Valentina Barreto / DEEPOL / plainpicture

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Was Forschende in den vergangenen Wochen auf Twitter unter dem Hashtag #IchbinHanna  über die Arbeitsbedingungen im Universitätsbetrieb berichteten, legt prekäre Verhältnisse offen: viele Überstunden für wenig oder kein Geld, spärliche Zukunftsperspektiven, ständige Befristungen mit permanenter finanzieller Unsicherheit und jahrelangem Leistungsdruck. Das verbindet die Wissenschaft mit einer ganz anderen Branche. In kreativen Berufen wie der Filmindustrie, der Musik oder dem Schreiben sieht es ähnlich aus.

Forschende wie Künstlerinnen arbeiten prekär, aber auf andere Art als die Kassiererin in Teilzeit oder die Reinigungskraft mit dem niedrigen Stundenlohn. Wissenschaftler gehören zur intellektuellen Elite. Sie haben studiert, sind hoch qualifiziert, sie werden in der Gesellschaft gehört und gesehen, nehmen Einfluss und haben einen hohen sozialen Status. Ähnlich verhält es sich mit vielen erfolgreichen Künstlern und Kulturschaffenden. Sie haben es dorthin geschafft, wo andere hinwollen.

Eine »prekäre Elite« nennt die Anthropologin Giulia Mensitieri deshalb in ihrem Buch über die Modebranche »Das schönste Gewerbe der Welt« diese Menschen, deren Arbeitsleben vom krassen Widerspruch zwischen finanzieller Unsicherheit auf der einen und Erfolg, Sichtbarkeit und Bildungsniveau auf der anderen Seite geprägt ist. Selbst wer sehr erfolgreich sei, wer anscheinend alles richtig mache, werde höchstwahrscheinlich nie vollständig von seinem Beruf leben können, meint Mensitieri.

Arbeit in der Kultur- und Kreativbranche

Bei kreativen Berufen ist die Einkommensbandbreite laut dem Büro für Kulturwirtschaftsforschung Köln  erheblich größer als in anderen Berufsgruppen. Vollzeitbeschäftigte mit einem guten Einkommen (50 Prozent haben monatlich netto zwischen 1100 und 2000 Euro, 27 Prozent weniger und 24 Prozent mehr) stehen Minijobberinnen und Selbstständige mit sehr geringem Einkommen gegenüber.

Rund 1,8 Millionen Menschen waren laut Bundeswirtschaftsministerium  2019 in Deutschland in der Kultur- und Kreativwirtschaft tätig, davon 53 Prozent sozialversicherungspflichtig in Teil- oder Vollzeit; die meisten in der Games- und Softwareindustrie (rund 430.000), gefolgt von der Werbung (rund 129.000). In der Filmwirtschaft sind nur rund 43.000 Menschen sozialversicherungspflichtig angestellt, im Bereich Buch rund 51.000 und in der darstellenden Kunst nur rund 27.000.

Nur 14 Prozent der Kreativen erzielen als Freiberufler und Selbstständige einen Jahresumsatz von mehr als 17.500 Euro im Jahr. Rund 32 Prozent verdienen als Minijobber weniger als 450 Euro monatlich (16 Prozent) oder als Freiberufler weniger als 17.500 Euro im Jahr (16 Prozent). Das sind monatlich weniger als 1.458 Euro brutto.

Dem Statistischen Bundesamt zufolge  liegt der Selbstständigen-Anteil in Kulturberufen insgesamt mit 39 Prozent deutlich über dem der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung (10 Prozent). Im Kunsthandwerk und der bildenden Kunst arbeiten die meisten Selbstständigen (84 Prozent). Bei den Fotografen liegt der Anteil bei 65 Prozent.

Warum diese Menschen sich das antun, in der Mode wie in der Wissenschaft, in der Kunst, auf dem Buchmarkt und in der Filmindustrie, lässt tief blicken in den Geist und die Triebfedern der modernen Arbeitswelt. Die Frage, ob sich das Wissenschaftssystem nach den Protesten junger Wissenschaftler ändern wird, ist eng mit der Frage verknüpft, wie wir als Gesellschaft über Selbstverwirklichung in der Arbeit denken, über unsere Intellektuellen und Kreativen, und wie wir mit ihnen umgehen.

Wer heute Schriftstellerin wird, Schauspieler oder bildende Künstlerin, verschreibt sich finanzieller Unsicherheit. Doch wofür? »Sicherlich geht es ihnen um ein selbstbestimmtes, authentisches, kreatives Leben«, sagt die Soziologin Alexandra Manske, die zum Prekariat im Kunst- und Kulturbetrieb forscht. Freiberuflich und kreativ zu arbeiten, ist cool. Nicht nur für Künstler, sondern auch für die digitale Boheme, die Sascha Lobo und Holm Friebe vor 15 Jahren in ihrem Buch »Wir nennen es Arbeit« ausgerufen haben. Wider das Kleinbürgertum streben bereits seit den Sechziger- und Siebzigerjahren vermehrt Menschen in den Kultur- und Kreativbereich. »Man wollte nicht mehr jeden Tag ab acht Uhr in irgendeinem kleingeistigen Büro arbeiten müssen«, fasst Manske zusammen.

Arbeiten in der Wissenschaft

Professorinnen und Professoren verdienen gut: Je nach Art der Professur und nach Bundesland zwischen 4.219 Euro und 7.017 Euro monatlich. Dagegen bekommen Lehrbeauftragte ohne feste Stelle oft lediglich rund 25 bis 45 Euro pro geleisteter Unterrichtsstunde – also rund 670 bis 1260 Euro pro Semester. Wissenschaftliche Mitarbeitende werden nach Tarif für den öffentlichen Dienst entlohnt, wo in der entsprechenden Entgeltgruppe rund 4000 bis 4600 Euro monatlich gezahlt werden – für eine volle Stelle. Meist gibt es für diese Gruppe jedoch nur Teilzeitstellen.

Dem DGB-Hochschulreport  zufolge haben 78 Prozent von ihnen nur einen befristeten Vertrag. Das erlaubt das Wissenschaftszeitvertragsgesetz maximal je sechs Jahre vor und nach der Promotion (in der Medizin maximal neun). Das bedeutet: Nach zwölf Jahren müssen Wissenschaftler eine der wenigen befristeten Stellen ergattert haben – zum Beispiel als Akademischer Rat oder als Professorin – oder gehen. Die Chancen auf eine Professur stehen nicht gut: Bei 71.193 Bewerbungen wurden 2018 dem Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs  zufolge deutschlandweit nur 3.059 Wissenschaftler auf eine Lebenszeitprofessur berufen (doppelt so viele Männer wie Frauen).

Doch Kunst zu studieren, auf eine Modeschule zu gehen oder sich der Literatur zu widmen, ist nicht nur eine Frage von Freiheit, Leidenschaft und Selbstverwirklichung. »Damit erreichen diese Menschen kulturell mehr, als ihre Eltern erreicht haben.« Im kulturellen oder wissenschaftlichen Bereich zu arbeiten, ist oft mit sozialem Aufstieg verbunden. Die Arbeitenden häufen in ihrer Ausbildung und in ihrem Beruf kulturelles, soziales und symbolisches Kapital an. Sie sind gebildet und haben Uniabschlüsse. Sie bauen sich ein Netzwerk auf, erarbeiten sich einen guten Ruf und Prestige.

Tätigkeiten, die wenig Geld einbringen, bringen bisweilen umso mehr Prestige, denn, so der Soziologe Franz Schultheis, der die soziale Struktur von Kreativmilieus erforscht hat: »Wenn Kunst primär nur in so etwas Profanes wie Geld transferiert wird, ist das eine Entweihung.« Leidenschaft und Selbstverwirklichung führen zu Anerkennung und damit zu symbolischem Kapital.

Eigentlich müssten diese Menschen auf dem richtigen Weg sein. Denn nach der Theorie des Soziologen Pierre Bourdieu – selbst ein Aufsteiger aus dem Arbeitermilieu – können kulturelles, soziales und symbolisches Kapital gegebenenfalls in ökonomisches Kapital umgewandelt werden. Also in Geld, das die Miete zahlt, und vielleicht auch ein eigenes Haus.

Die Hoffnung auf den Durchbruch – eine Illusion

In Kultur und Wissenschaft klappt das aber nur bedingt. Die Hoffnung auf den großen Durchbruch, den Jackpot, bezeichnet die Anthropologin Giulia Mensitieri in der Modebranche nüchtern als Illusion. Professorin, Stardesigner oder erfolgreiche Autorin werden die allerwenigsten von denen, die in den Graduiertenkollegs, Modeschulen oder am eigenen Schreibtisch starten. Die übrigen erzielen oft dauerhaft niedrige Einkünfte. »Viele, die wir für unsere Forschung interviewt haben, haben ihren Lebensstandard von vorneherein heruntergefahren und etwa die Haftpflicht- und Hausratsversicherung gekündigt«, berichtet Manske. »Oder sie bitten ihre Eltern und Großeltern um Hilfe.«

Man muss ja nicht gleich reich werden. Doch ihre finanzielle Situation belastet viele Kulturschaffende, so Manske: »Gerade die Kinder aus der aufgestiegenen sozialen Mitte, die kein Erbe im Rücken haben, haben Angst vor dem Abstieg.« Wer zur prekären Elite gehört, lebt mit der Fallhöhe. Nicht nur finanziell gesehen. Man arbeitet hart dafür, weiterhin prekär arbeiten zu dürfen. Wer sich behaupten will, muss das soziale, kulturelle und symbolische Kapital weiterhin vermehren.

Wo bleibt da die Freiheit, die diese Menschen suchen? Mensitieri schildert: »Trotz ihrer Freiberuflichkeit müssen sich die Modearbeiterinnen und -arbeiter den Entscheidungen ihrer Agenten unterordnen und dabei gleichzeitig liebenswürdig, freundschaftlich und entgegenkommend auftreten, auch wenn sie ihnen eigentlich widersprechen wollten.«

Auch bei den Projekten selbst herrsche eine »Tyrannei der Coolness«. Wer keine good vibes verbreite, werde nicht wieder engagiert. Wer weder finanziellen Erfolg hat, noch Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit bekommt, »der leidet doppelt an seiner ökonomischen Prekarität und an seiner Nichtexistenz in den Augen der anderen«, so der Soziologe Schultheis. »Was diejenigen trotzdem haben und wofür sie bereit sind, zu bluten und zu leiden, ist die Teilhabe an der Aura und am Charisma der Kunst.«

»Nichts werden macht auch viel Arbeit«

Schwierig wird es selbst für diejenigen, die sich gegen die finanziellen Nöte neben der kreativen Tätigkeit einen Brotjob suchen. Die Schriftstellerin Anne Köhler beschreibt das Dilemma in einem Buch, in dem sie ihr Springen von Minijob zu Minijob dokumentiert: »Ich bin Schriftstellerin, sage ich versuchsweise in den Spiegel hinein. Ich komme mir dabei vor wie eine Kuh, die sprechen kann. Vielleicht bin ich eine Schriftstellerin – oder eben auch nicht. Denn: Leben kann ich von dem Schreiben nicht.« Köhlers Buch heißt »Nichts werden macht auch viel Arbeit«.

Vielleicht ist das zu zynisch. Köhler hat immerhin ein Buch geschrieben. Die »Eat, Pray, Love«-Erfolgsautorin Elizabeth Gilbert, selbst Millionärin, rät in ihrem Buch »Big Magic« Menschen, die Kunst machen wollen, ihren Lebensunterhalt mit einem Brotjob zu sichern. Wir könnten gar nicht anders, als schöpferisch tätig zu sein, meint Gilbert: »Die meisten Menschen hatten noch nie genug Zeit, noch nie genug Ressourcen, noch nie genug Unterstützung oder Mäzenatentum oder Lohn … und doch beharren sie darauf, zu schaffen.«

Wo hört das Hobby auf und fängt die Ausbeutung an?

Oder ist das zynischer? Auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen sich in der aktuellen Debatte anhören, sie könnten doch froh sein, forschen zu dürfen. Aber wo hört das Hobby auf und fängt die Ausbeutung an? Leidenschaft und Hingabe sind Motoren der Prekarisierung im Kulturbereich und in der Wissenschaft, zusätzlich befeuert durch den Wunsch der Einzelnen nach sozialem und kulturellem Aufstieg und nach Sichtbarkeit, danach, an der Aura dieser Welten teilhaben zu können und von der Hoffnung, zu den wenigen Gewinnern zu gehören, bei denen sich auch das ökonomische Kapital sammelt.

»Die Prekarisierung auf hohem Niveau ist keine neue Entwicklung. Dass so viele Menschen sehenden Auges Teil einer prekären kreativen Klasse werden, weist auf einen hartnäckigen sozialen, strukturellen und mentalen Wandel hin«, findet Soziologin Manske. Gilbert zufolge können wir nicht anders, als selbst unter widrigsten Bedingungen kreativ zu sein. Aber das heißt nicht, dass man es Künstlerinnen und Intellektuellen besonders schwer machen muss.

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