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26. Juni 2013, 11:11 Uhr

Langzeitarbeitslos

20 Jahre in der Drehtür

Von und

Von Arbeitslosen verlangt der Staat viel, die Vermittlungserfolge der Arbeitsagenturen sind kümmerlich. Heinz Georg von Wensiersky wurde als Mittvierziger entlassen. Seitdem konnte der Maschinenbautechniker nie wieder beruflich Tritt fassen - "abgehängt und nun zu lange abgehangen".

Heinz Georg von Wensiersky ist ein Durchhangler. Zuletzt hat er eine Kur von der Rentenversicherung genehmigt bekommen, ein Riesenerfolg: "Die bringt mir genau die drei Wochen, die noch gefehlt haben." Danach wird er sich wieder arbeitslos melden, zum letzten Mal. Sobald das Arbeitslosengeld ausläuft, kann er nahtlos in die vorgezogene Rente gehen. Im Juli 2014 wird der Niedersachse 63 Jahre alt, Abschläge bei der Rente nimmt er in Kauf, üppig wird sie ohnehin nicht ausfallen - nach so vielen beruflichen Nackenschlägen.

Dabei hatte er es einst zum stellvertretenden Geschäftsführer gebracht. Der Stolz ist ihm anzuhören: "Ich war doch nur Volksschüler. Das habe ich mir alles erarbeitet." Erst wurde Wensiersky technischer Zeichner, dann Konstrukteur im Anlagenbau. Bei einem Hildesheimer Rohrleitungsbauer leitete er bald Projekte und stieg in die Geschäftsleitung auf. Doch 1994 schickte der Mutterkonzern den Betrieb in die Insolvenz, Bauprojekte im Osten hatten nicht genügend Geld gebracht. Mit 43 stand er auf der Straße.

Wensiersky versuchte einen Neustart, mit einer Weiterbildung zum technischen Betriebswirt. "Anfangs habe ich es als sehr sinnvoll empfunden, den kaufmännischen Bereich als Erweiterung meiner Tätigkeit als Maschinenbautechniker und Leiter einer technischen Abteilung kennenzulernen", sagt er, "bis ich merkte: Meine Erfahrung, meine Kenntnisse, das zählte alles nicht." Zum Fehlschlag geriet auch der Schritt in die Selbständigkeit als Berater mittelständischer Unternehmen, im Bereich Controlling und Weiterbildung.

Mit Hartz IV ging es ans Eingemachte

Es folgten immer neue Anläufe, beruflich Tritt zu fassen. Die jüngere Geschichte der Arbeitsmarktpolitik könnte man an Wensierskys Beispiel erzählen: Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Weiterbildungen, Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe, schließlich die Grundsicherung für Arbeitsuchende, volkstümlich: Hartz IV. Und immer der Zwang, sich erklären zu müssen. In großen Tabellen führt er Buch über seine Bewerbungsversuche - über 200 etwa von 2002 bis 2004, auch in den Niederlanden oder Österreich.

Der Bundesrechnungshof erhebt laut SPIEGEL schwere Vorwürfe gegen die Bundesagentur für Arbeit (BA), die Vermittlungsbilanz mit fragwürdigen Tricks schönzurechnen. BA-Chef Frank-Jürgen Weise räumte "Fehlsteuerungen" im SPIEGEL-ONLINE-Interview ein. Mit den Arbeitsagenturen sammelte Wensiersky vielfältige Erfahrungen. Sachlich erzählt er davon, bisweilen blitzt trockener Humor auf, mit Vorwürfen an Behördenmitarbeiter hält er sich zurück. "Manche haben viel probiert, um mir zu helfen. Nur: Wer länger als ein Jahr arbeitslos ist, hat mindestens ab einem bestimmten Alter keine Chancen, wenn eben keine Arbeit am Markt da ist." Vor etwa zehn Jahren, schätzt er, sei er "ein Fall für die Akten" geworden, man habe ihn für nicht mehr vermittelbar gehalten.

Zum tiefen Einschnitt wurde die Umsetzung von Schröders Agenda 2010. Die Zeit, in der Arbeitslose im Schutz des Sozialstaats nach Arbeit suchen können, wurde verkürzt. Was die Regierung einführte: Mini-Jobs, Midi-Jobs, Ich-AGs, Leiharbeit, Ein-Euro-Jobs. Wensiersky stürzte 2005 aus der Arbeitslosenhilfe ins Hartz-IV-System, "das war grausam". Nun ging es ans Eingemachte. Er löste seine Lebensversicherungen im Wert von 100.000 Euro auf, hatte erst nach dem Hausverkauf wieder Anspruch auf Hilfe. Kollateralschaden dieser Talfahrt: seine Ehe. Wensiersky lebt heute allein.

Arbeit hat er schon. Nur keine bezahlte.

"Ich bin halt alter Adel", sagt er, "leider verarmt." Er lacht kurz auf, "solche Floskeln helfen bei der Bewältigung. Sie sind Krücken für die Selbstdarstellung". So muss er die Geschichte seiner Misserfolge nicht immer neu durchdenken. "Erst musste ich von einem sehr hohen Ross herunter, vom Geschäftsführer in die Nutzlosigkeit. Bis ich verstanden hatte, dass das ein Dauerzustand werden könnte, brauchte ich Jahre. Erst hielt ich meine Lage für schnell änderbar. Heute weiß ich: Ich bin ein typischer Erwerbsloser mit technischer Ausbildung. Irgendwann rausgeflogen, abgehängt und nun zu lange abgehangen."

Wensiersky hat Verständnis für Arbeitslose, die sich, zermürbt und gedemütigt, "fallen lassen und in eine Nische zurückziehen - aber das ist nicht mein Weg". Bezahlte Beschäftigung fand er nur vorübergehend und suchte ansonsten Sinn in ehrenamtlichen Jobs: organisierte Lebensmittelausgaben in Bad Bentheim, war ehrenamtlicher Sozialrichter, saß in Tarifkommissionen der Gewerkschaften. Schließlich gründete er eine Hartz-IV-Sprechstunde und berät bis heute einmal pro Woche.

Man kann nicht sagen, dass Wensiersky keine Arbeit hat - nur keine bezahlte. Wie er mausern sich viele Langzeitarbeitslose mit guter Ausbildung zu Spezialisten für Arbeitsverwaltung und Hilfsleistungsbezug. Über Jahre eignen sie sich Paragrafenwissen an, um Augenhöhe mit den Sachbearbeitern zu erreichen, den Entscheidern ihres Alltags. Wensiersky half das, die Situation nüchterner zu betrachten: "Eine Arbeitslosigkeit ist für die Behörden kaum mehr als ein paar Verwaltungsakte. Es nimmt viel Pathos raus, wenn man das verinnerlicht. Und man kann sich wehren."

Und immer wieder: Rechtfertigen, abwehren, verhandeln

Die Ämtergeschichten ähneln sich bei vielen Arbeitslosen: wie sie einen Bescheid anfochten. Wie sie fünf Euro im Monat mehr bekamen - mit nur einem Brief! Wie sie es schafften, den vierten Kurs "Grundwissen Bewerbung" zu schwänzen, ohne die Hilfen gestrichen zu bekommen.

Rechtfertigen, abwehren, verhandeln, so vergehen die Jahre im beruflichen Niemandsland. Dabei sind die Erfolge der Arbeitsvermittler dürftig, egal wie viele Bewerbungen sie Erwerbslosen aufbrummen. Nur zehn Prozent der Arbeitslosen finden so den Weg zurück in einen Job, ergab eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

"In Deutschland wird Arbeitslosigkeit als individueller Fehler gesehen, nicht als systembedingt", sagt Wensiersky. Seit Mitte der achtziger Jahre war er in der SPD, "ein Kind der Generation Willy Brandt". Und zog sich 2004 zurück, "als sich Schröders Sozialdemokraten von ihren Wurzeln und ihrem sozialen Gewissen verabschiedeten", so sein Vorwurf. Die Enttäuschung führte ihn, nach einigen Jahren Politik-Pause, in die Linkspartei. Derzeit ist Wensiersky Direktkandidat für den Bundestag - wenngleich "völlig aussichtslos in der konservativen Grafschaft Bad Bentheim".

Längst zählt er zu den Älteren und Schwervermittelbaren. Einmal monatlich muss er zum Pflichttermin in der Arbeitsagentur, sonst setzt es eine Sperre. "Wir reden zum Beispiel über Bewerbungsschreiben, die Sachbearbeiterin gibt manchmal freundliche Tipps, welche Fotos dabei am besten wirken", erzählt Wensiersky, "aber was ich weiß, weiß sie natürlich auch: Reguläre Beschäftigung gibt es für mich keine mehr."

Nun steht seine Kur an. Offizieller Zweck: "Erhaltung der Arbeitskraft". Es wirkt wie ein Scherz. Bald darauf hat Wensiersky eines geschafft - nie wieder wird er sich für seine Lage rechtfertigen müssen.

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