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Umstrittene Kaufprämie Warum ich meine Nachbarn um ihr Lastenrad beneide

Auf dem Land braucht keiner ein Lastenrad? Im Gegenteil, meint unsere Autorin. Erst seit sie aus Hamburg ins nordhessische Homberg gezogen ist, vermisst sie eines.
Lastenrad vor Fachwerkhäuschen – eine ideale Kombi, finden Anna und Tobias. Vom Ausflug bis zum Einkauf für die vierköpfige Familie erledigen sie in Homberg (Efze) alles damit.

Lastenrad vor Fachwerkhäuschen – eine ideale Kombi, finden Anna und Tobias. Vom Ausflug bis zum Einkauf für die vierköpfige Familie erledigen sie in Homberg (Efze) alles damit.

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Tobias Reitz

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Lastenräder sind nur was für die Großstadt, »in den ländlichen Regionen helfen sie praktisch niemandem«. Über solche Sätze kann ich mich nur wundern. Denn erst seit ich in Nordhessen lebe, wünsche ich mir ganz dringend ein Lastenrad.

Homberg hat den Berg schon im Ortsnamen. Für den Hin- und Rückweg zur Kita brauche ich zu Fuß 40 Minuten und bin anschließend nass geschwitzt. Es gäbe auch einen kürzeren und weniger steilen Weg, aber dieser führt an einer Ausfallstraße entlang. Im Sekundentakt rauschen die Autos vorbei und nebeln mich und meine Tochter mit Abgasen ein. Auf dem ersten Wegstück gibt es noch nicht mal einen Bürgersteig. Baustellenzäune und Mülltonnen verengen ohnehin schon die Fahrbahn, und dann laufe auch noch ich mit dem Kind im Buggy auf der Straße – keine gute Idee. Also lieber der steile Wiesenweg.

Auf diesem werde ich jeden Tag von Anna, Tobias, Inga oder Marco mit ihren Söhnen überholt. Sie sind wie wir Teilnehmer des »Summer of Pioneers«, einer Gruppe von 20 Großstädtern, die für sechs Monate das Leben auf dem Land testen . Anna und Tobias haben ihr zweirädriges Lastenrad mit E-Motor aus Darmstadt mitgebracht, Inga und Marco ihre S-Pedelecs mit Fahrradanhänger aus Hamburg. Sie sind 10 statt 40 Minuten unterwegs.

Nachmittags kann unsere Tochter im Lastenrad der Darmstädter mitfahren, wir wechseln uns mit dem Abholen ab. Morgens sind beide Sitze im Lastenrad belegt: Anna und Tobias haben zwei Kinder, die in zwei unterschiedliche Kitas gehen. Morgens bringen sie beide im Lastenrad hin, mittags holen sie den Älteren zu Fuß ab.

Selbst die Strecke hoch auf den Burgberg schafft das Lastenrad locker.

Selbst die Strecke hoch auf den Burgberg schafft das Lastenrad locker.

Foto: Tobias Reitz

Ich versuche jeden Morgen, mir den Fußweg zur Kita schönzureden. All die Kalorien, die ich auf diesen zwei, drei Kilometern verbrenne! Andere liegen noch im Bett, ich trainiere morgens um halb acht meine Ausdauer und wandere über Wiesen. Dafür sind wir Städter doch in die Natur gezogen. Ist doch herrlich! Aber wenn ich ehrlich bin, ist an den meisten Tagen nichts daran herrlich. Es regnet, es ist kalt, und die Regenjacke, von der ich mir eingebildet hatte, sie sei wasserfest, hat schon nach dem ersten Hinweg kapituliert.

Immer wieder ertappe ich mich bei dem Gedanken, lieber das Auto zu nehmen. Seit wir in Homberg wohnen, haben wir eines. Wir haben es für sechs Monate gemietet, weil wir dachten, das Leben auf dem Land funktioniere nur mit Auto. Heute weiß ich: Ein E-Lastenrad hätte es auch getan.

500 Meter bis zum Parkplatz? Viel zu weit!

Wie alle Teilnehmer des Projekts wohnen wir in der historischen Altstadt von Homberg (Efze). Dort sind Parkplätze rar. Viele geben diesem Umstand die Schuld am Niedergang des Ortskerns. Wer einkaufen will, braucht einen Parkplatz für sein Auto, und wenn es den nicht gibt, muss man eben woanders einkaufen, lautet die Logik. Dass man einen Einkauf auch zu Fuß oder mit dem Rad erledigen könnte, dieses Konzept scheint vielen fremd zu sein. Ob im Wartezimmer beim Arzt, beim Gartenfest oder beim Friseur – fehlende Parkplätze sind das Thema Hombergs.

Dabei gibt es einen großen Parkplatz am Ortseingang. Auch wir parken unser Auto dort. Das vermeintliche Problem: Von dort bis zum Marktplatz sind es 500 Meter.

Ich gebe zu: Bei schlechtem Wetter und bepackt mit Tüten sind diese 500 Meter qualvoll. Direkt vor der Tür zu parken, fände auch ich bequem. Und ich ertappe mich auch bei dem Gedanken, mich in die lange Schlange der morgens vor der Kita parkenden Autos einreihen zu wollen. Aus meiner Innenstadtwohnung in Hamburg heraus habe ich Elterntaxis verspottet. Nun habe ich Verständnis für all die Mütter und Väter, die morgens ihren Nachwuchs durch die Gegend kutschieren – mitmachen will ich trotzdem nicht.

Denn ich finde auch: Der von Fachwerkhäuschen umsäumte Marktplatz wäre noch viel schöner, wenn er auch für den Durchgangsverkehr gesperrt wäre. Einmal pro Woche ist dies der Fall: donnerstags, wenn Markt ist. Dann flanieren dort Menschen, fahren Kinder mit ihren Rädchen, an Stehtischen wird gegessen und gelacht. So könnte es immer sein. Wenn die Autos weg wären.

Die Stadt hat vor einiger Zeit ein Lastenrad angeschafft und wollte damit Einkäufe vom Wochenmarkt ausliefern lassen. Die Homberger konnten ihre Einkäufe an einem Marktstand abgeben, ein Kurier sollte sie dann ab 18 Uhr mit dem Lastenrad zu den Leuten nach Hause bringen. Kaum jemand hat davon Gebrauch gemacht. Als wir im Mai in Homberg ankamen, stand das Lastenrad ungenutzt im Schaufenster der Touristeninformation.

Das von der Stadt Homberg angeschaffte Lastenrad parkt jetzt im Co-Working-Space – weil der Motor so schwach ist, wird es aber auch jetzt nur selten genutzt

Das von der Stadt Homberg angeschaffte Lastenrad parkt jetzt im Co-Working-Space – weil der Motor so schwach ist, wird es aber auch jetzt nur selten genutzt

Foto: Verena Töpper / DER SPIEGEL

Die Nachricht, dass wir dieses Rad nutzen könnten, sorgte in unserer Gruppe für Begeisterung. Mein Partner Marian kündigte an, einmal die Woche damit zum Biohof zu fahren und Bestellungen aufzunehmen. Nach der ersten Fahrt revidierte er das Angebot.

Lastenräder sind schon ohne Ladung schwer. Vollbepackt und mit Fahrer wiegen sie schnell mehr als 100 Kilo. Und auf dem Weg zum Biohof müssen knapp 90 Höhenmeter überwunden werden. Das macht nur mit einem entsprechend starken Motor Spaß. Und den hat das von der Stadt angeschaffte Lastenrad nicht. Ein schönes Rad, aber in Homberg nicht zu gebrauchen, lautete das Fazit aller Tester aus unserer Gruppe.

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»Sie kommen bestimmt aus Berlin!«

Dass es auch anders geht, beweisen die E-Lastenräder, die Anna und Tobias aus Darmstadt und Christina und Julian aus Frankfurt mitgebracht haben. Die Frankfurter düsen damit zu zweit zu ihrem Arbeitsplatz auf dem Biohof. Einer sitzt hinten auf dem Gepäckträger. Im Lastenrad von Anna und Tobias wurden auch schon erwachsene Freunde herumkutschiert, samt Hund. Sie erledigen mit ihrem Rad alle Einkäufe für die vierköpfige Familie.

Wocheneinkauf im Lastenrad

Wocheneinkauf im Lastenrad

Foto: Tobias Reitz

»Unseren alten Polo brauchen wir maximal für eine der seltenen Fahrten in die Heimat«, sagt Tobias. »Hier geht von Ausflug bis Einkauf alles mit dem Lastenrad, auch wenn das in Homberg niemand glauben mag.« Bei den ersten Fahrten mit dem Lastenrad zur Kita seien sie angeschaut worden, als reisten sie mit einem Ufo, sagt er. Seine Frau Anna wurde von einer Hombergerin mit den Worten angehalten: »Sie kommen bestimmt aus Berlin!« Aus diesem Gespräch ist inzwischen eine Freundschaft geworden. Auch mein Partner Marian, der sich häufig das Lastenrad der Darmstädter ausleiht, berichtet, dass die verwunderten Blicke seltener geworden sind. Er werde nun häufig angelächelt, wenn er damit unterwegs sei, sagt er. Und einmal sagte sogar eine alte Dame: »Ach, hätte es so Tolles schon zu meiner Zeit gegeben.«

Im Lastenrad von Tobias und Anna werden auch mal Besucher mit Hund herumkutschiert

Im Lastenrad von Tobias und Anna werden auch mal Besucher mit Hund herumkutschiert

Foto: Sarah Ackermann

Die täglichen Wege in Homberg sind steil, aber kaum einer ist weiter als drei Kilometer. Ich kenne das aus meiner Kindheit im Rheingau: Von meinem Elternhaus zum nächsten Bäcker waren es hügelige 1,8 Kilometer. Jeder in unserer Straße meinte, diese Strecke sei nur mit einem Auto zu bewältigen. Fahrräder mit Hilfsmotor wären die perfekte Alternative.

Die Fördergelder in Hamburg waren nach 30 Minuten weg

In Hamburg hatten wir uns auch für den Kauf eines Lastenrads interessiert. Damals, im August 2020, hatte die Stadt Hamburg damit geworben, den Kauf von Lastenrädern zu bezuschussen. 33 Prozent des Kaufpreises, maximal 2000 Euro, sollte man erstattet kriegen. 700.000 Euro waren im Fördertopf, im Herbst 2019 waren es sogar 1,5 Millionen Euro gewesen.

Dem Antrag auf den Zuschuss war ein Kostenvoranschlag eines Fahrradhändlers beizufügen. Schon bei der Probefahrt sagte mir der Händler, ich müsse mich damit aber beeilen; er werde förmlich überrannt von Interessenten.

4283,85 Euro rechnete er für mein Wunschlastenrad aus: ein Babbo Curve mit 400 Wh, Regenverdeck und Kettenschloss. Ein Motor mit weniger Leistung würde die steile Zufahrt aus unserer Tiefgarage nicht schaffen, hatte der Händler prophezeit. Der Preis erschien uns hoch, mit einer Förderung von 2000 Euro hätten wir trotzdem zugeschlagen. Aber wir bekamen sie nicht. Als ich versuchte, unseren Antrag hochzuladen, war die Website schon abgeschaltet. Die Fördersumme sei innerhalb von 30 Minuten ausgeschöpft gewesen, erfuhr ich auf Nachfrage am Telefon.

Also verzichteten wir auf das Lastenrad. In Hamburg wäre es für uns nur eine weitere Option unter vielen gewesen. Aus der Innenstadt kamen wir auch mit U-Bahn, Bus, herkömmlichem Fahrrad oder zu Fuß überallhin. Die Wege waren kurz.

Hier, in Homberg, trauere ich ihm nach.

Klar, wer weiter als bis zur Kita oder zum Biohof fahren will, braucht in Homberg ein Auto. Dafür gibt es einen Carsharing-Anbieter in der Stadt. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

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