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Job & Karriere

Rat vom Karrierecoach Schadet der Jobwechsel meinem Lebenslauf?

Alexander ist Abteilungsleiter, als er ein spannendes Jobangebot ohne Führungsverantwortung bekommt. Sein Herz sagt ja, doch seine Freunde raten ab. Die Karriereberaterin hilft.

Alexander ist promovierter Naturwissenschaftler. Er arbeitet in einem Forschungsinstitut als Abteilungsleiter mit Führungsaufgaben. Nun hat er ein interessantes Jobangebot bekommen, das ihn inhaltlich begeistert und ein neues Feld eröffnet. Doch sein Umfeld rät ihm ab: Ein Job ohne Führungsverantwortung sei ein Abstieg und würde seinen guten Lebenslauf zerstören. Ist da was dran?

Zur Autorin

Svenja Hofert ist Karriere- und Managementcoach  und hat mehr als 35 Bücher geschrieben, unter anderem "Agiler Führen" und "Karriere mit System".

Jetzt mal ehrlich: E-Mail an Svenja Hofert 
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Schließen Sie die Augen! Stellen Sie sich vor, in fünf Jahren stellt jemand eine solche Frage. Wie lautet die Antwort?

Ich bin sicher, Sie kennen sie. Sie lautet: Nein, an diesen Bedenken ist nichts dran. Spätestens in einigen Jahren wird auch der konservativste Personaler Lebensläufe als normal ansehen, die Wechsel zwischen Führungs- und Fachposition und verschiedenen Fachgebieten aufweisen. Wie sich Werte entwickeln werden, ist schon jetzt absehbar.

Und: Das Verständnis von Karriere ändert sich. Jahrelang ging man davon aus, dass sich Arbeitnehmer möglichst spezialisieren müssten. Dass sie ein Fachgebiet immer weiter vertiefen und dieses lediglich durch methodische und kommunikative Fähigkeiten ergänzen.

Doch inzwischen sieht es nicht mehr so gradlinig aus: Experimente sind erlaubt, ebenso sich weiterzubilden und ein zweites Fachgebiet aufzubauen. So erwirbt der Ingenieur für Bauwesen Kenntnisse in Logistik. Der Bankkaufmann erarbeitet sich Onlinemarketing-Kompetenz. Der Print-Journalist wird Podcaster. Das macht unabhängiger von bestimmten Branchen und fördert interdisziplinäres Denken. Es gilt nicht mehr "Schuster, bleib' bei deinen Leisten", sondern "Schuster, geh' raus in die Welt und lerne!"

Überholte Erfahrungen aus der alten Arbeitswelt

Doch diese neuen Karrieremodelle sind noch längst nicht in allen Köpfen angekommen. Bei allen Veränderungen ist es ähnlich: Einige wenige schreiten voran, die Mehrzahl der Menschen jedoch glaubt weiterhin, die Erde sei eine Scheibe und hält so lange an diesen veralteten Grundannahmen fest, bis sie von der Scheibe runterfliegt...

Unbewusste Grundannahmen über sinnvolle Karriere- und Lebensgestaltung sind als Ergebnis von Erziehungs- und Bildungsmaßnahmen sowie Sozialisation tief verankert. Karriereexperten von gestern haben die Wahrnehmung von heute geformt. So stecken überholte Erfahrungen aus der alten Arbeitswelt in unseren Köpfen. Und auch wenn die Umwelt sich verändert, treffen wir Entscheidungen immer noch auf der Basis von veralteten Annahmen.

Lassen Sie sich nicht von Ihrem Umfeld verrückt machen, Alexander. Gute Ratschläge kommen besonders oft von Sicherheitsdenkern, Bewahrern und Fortschrittsfeinden, also ängstlichen Personen. Wenn es um neue Karriereformen, lebenslanges Lernen und freudige Neugier geht, sind ängstliche Menschen schlechte Berater. Sie neigen zu Verallgemeinerungen. Orientieren Sie sich lieber an Mutmachern, Positiv-Denkern.

Der Lebenslauf ist auch ein Bekenntnis

Naturwissenschaftler sind ja Logiker, deshalb habe ich ein weiteres Argument für Sie. Wer deduktiv vom Allgemeinen auf das Spezielle schließt wie Ihre Freunde, bekämpft pluralistisches Denken. Die induktive Herangehensweise erweist sich unter Komplexität fast immer als überlegen. Sie schaut sich das Spezielle an, und leitet daraus angemessene Schlüsse ab.

In der derzeitigen und künftigen Arbeitswelt geht es darum, sich selbst kreativ einzubringen und eigenverantwortlich weiterzuentwickeln. Das gelingt ganz sicher besser, wenn man für Inhalte brennt. Und nicht für die Rahmenbedingungen eines Jobs.

Ein letzter Punkt noch: Bei allem bleibt die entscheidende Frage, wie Sie Ihre Geschichte erzählen. Der Lebenslauf ist eben nicht nur eine Ansammlung von Daten und Positionen, sondern auch ein Bekenntnis zu eigenen Entscheidungen. Wer sich als Gestalter seines Lebenslaufes sieht, kann immer die besten Stories erzählen. Auch den anderen, die einen spätestens nach den ersten Erfolgen heimlich beneiden.

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