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Desillusioniert an der Schule Wie Lehrer der Leere entkommen können

Manche Lehrer sind voller Elan in den Beruf gestartet, nun stellen sie fest: Das Schulsystem lässt kaum Freiräume, Querdenker sind unerwünscht. Karriereberaterin Svenja Hofert hat einen Rat.
Eine junge Lehrerin unterrichtet Mathematik (Symbolbild)

Eine junge Lehrerin unterrichtet Mathematik (Symbolbild)

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

"In unserem Job sind wir nachweislich sehr gut, dennoch hadern wir mit unserem beruflichen Schicksal", schreiben Merle und Marion, zwei Gymnasiallehrerinnen im zweiten und dritten Berufsjahr. "Wir hängen in diesem starren Schulsystem fest und fühlen uns unterfordert. Das System lässt kaum Gestaltungsmöglichkeiten. Selbst als Schulleiter hat man nur einen kleinen Radius - und muss dafür erst 50 Jahre alt werden und die Ochsentour durchlaufen. Wir sind kreativ, agil, durchsetzungsfähig, motiviert und engagiert, aber das wird überhaupt nicht honoriert. Was sollen wir tun?"

Zur Autorin

Svenja Hofert ist Karriere- und Managementcoach  und hat mehr als 35 Bücher geschrieben, unter anderem "Agiler Führen" und "Karriere mit System".

Jetzt mal ehrlich: E-Mail an Svenja Hofert 
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Karriereberaterin Svenja Hofert antwortet:

Kreativität ist nicht gefragt? Es gibt kaum Spiel- und Freiräume? Darunter leiden alle Menschen, die in Branchen und Berufen tätig sind, die stark reguliert, kontrolliert und qualitätsüberwacht werden, aus welchen Gründen auch immer. Das schlägt aufs Gemüt, denn es dämmt die intrinsische Motivation, also den Antrieb von innen. Autonomie und Freiraum sind menschliche Grundbedürfnisse.

Es sind nicht nur bestimmte Persönlichkeitstypen, die kreativ sein wollen. Jeder braucht Kreativität, auch wenn manche es gar nicht bemerken, weil sie sich so sehr angepasst haben an Erwartungen von außen.

Das Beamtentum verhindert wirksam, dass man wie andere Angestellte einfach mal so den Arbeitgeber oder Beruf wechseln kann. Die scheinbare Sicherheit, die dieser Status vermittelt, macht zwar alle satt, aber viele nicht glücklich.

So bleiben Leute im Schulbetrieb, die gar nicht die passende Motivation für den Lehrerberuf mitbringen. Sie absolvieren Dienst nach Vorschrift - und leben nach Feierabend.

Menschen brauchen nicht nur Freiraum, sondern ab und zu auch mal neue Impulse. Wer öfter den Job und das Umfeld wechselt, sieht und erlebt mehr. In aller Regel fördert das die Persönlichkeitsentwicklung, denn es regt dazu an, sich in immer wieder neuen Bezugsgruppen selbst zu definieren und zu reflektieren. Das fördert besonders die Entwicklung von Führungsqualitäten - und genau das sind Lehrer. Sie leisten einen Dienst an Kindern im Sinne der Bildung. Was könnte eine großartigere und gesellschaftlich wichtigere Führungsaufgabe sein?

Tatsächlich wird Kreativität im staatlichen Schulbetrieb oft weder gefördert noch positiv gewertet. Als mein Sohn einen Torwart im Kunstunterricht zeichnerisch auf den Kopf stellte, kam das nicht gut an. Ich erkannte in seiner freien Interpretation Querdenken. Aus meiner Perspektive sollte das mehr gewürdigt werden - brauchen wir in der Digitalisierung doch Mut, Querdenken und neue Wege. Anpassung hilft uns nicht weiter.

Von Lehrern, die zu uns in die Beratung kommen, hören wir oft, dass Querdenken leider nicht gefragt sei. Sie fühlen sich eingeengt, dürfen zu wenig experimentieren und haben kaum Freiraum bei der Bewertung von Arbeiten. Da werden schon alle Argumente vorgegeben, die ein Kind bei der Analyse eines Zeitschriftenartikels oder eines Gedichts einbringen muss. Und wenn ein Schüler etwas genial anders sieht? Um Gotteswillen, dafür gibt es ja keine Schablone!

Spielraum gibt es im engsten Korsett

Was also tun? Gehen Sie raus in die Welt. Erleben Sie andere Dinge. Schauen Sie sich Waldorfschulen und Montessori an, probieren Sie ganz was anderes aus. Ich kenne Lehrer, die andere Länder bereist und für Hilfsorganisationen gearbeitet haben und solche, die nach dem Ausstieg aus dem Lehrdienst heute in Softwareunternehmen als agile Coaches arbeiten.

Es gibt viele Lehrer in der Politik. Bassist Gene Simmons von der Band Kiss und auch Musiker Sting waren mal Lehrer. Genau wie die Moderatoren Jean Pütz und Thomas Gottschalk.

Wenn Sie aussteigen, haben Sie keine Angst. Wenn man sich verändert, dann gehen immer wieder Türen auf, man muss nur die Augen öffnen und bereit sein für Entdeckungen.

Vielleicht führt einen der Weg irgendwann auch wieder zurück. Mir sind viele Menschen begegnet, die erst mit über 40 Lehrer wurden - oder mit 50 wieder Lehrer. Das war oft wunderbar für alle Beteiligten. Sie hatten Lebenserfahrung, hatten gelebt und dadurch auch das Standing und die Persönlichkeit, die Dinge zu verändern und nicht so zu nehmen, wie sie sind. Denn Spielraum gibt es immer, selbst im engsten Korsett.

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