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Schule in der Coronakrise Mehr als jeder zehnte Lehrer fällt für den Unterricht im Klassenzimmer aus

Lehrer können sich bisher einfach vom Unterricht im Klassenzimmer befreien lassen, wenn sie Angst vor einer Corona-Ansteckung haben. Fast alle Bundesländer führen deshalb jetzt eine Attestpflicht ein. Eine Auswertung des SPIEGEL zeigt, wo wie viele Lehrer fehlen.
Noch sind viele Klassenzimmer den Großteil des Tages leer, aber nach den Sommerferien soll der Unterricht wieder regulär starten

Noch sind viele Klassenzimmer den Großteil des Tages leer, aber nach den Sommerferien soll der Unterricht wieder regulär starten

Foto: Gloda/ iStockphoto/ Getty Images

Die Bitte seines Patienten machte den Arzt Gunter Lehmann fassungslos. Da stand ein kerngesunder Mann vor ihm und bat ihn um eine Bestätigung, dass er zu einer Corona-Risikogruppe gehöre. Lehmann habe ihm doch vor drei Jahren mal ein Asthmaspray verschrieben, argumentierte der Mann, ein Lehrer aus dem Kreis Kassel. Mit dem Attest wollte er sich vom Unterricht in der Schule befreien lassen.

Für Lehrer ist das derzeit relativ einfach: In den meisten Bundesländern reicht allein der Verweis auf das Zusammenleben mit jemandem, der Bluthochdruck hat, wenn ein Lehrer oder eine Lehrerin nicht im Klassenraum unterrichten will. Auch wer an Volkskrankheiten wie Diabetes oder Asthma leidet, kann sich mit einer Bescheinigung vom Arzt vorsorglich vom Präsenzunterricht, also dem Unterricht mit persönlich anwesenden Schülern, befreien lassen.

Freistellung vom Präsenzunterricht - diese Regeln gelten in den einzelnen Bundesländern

Hausarzt Lehmann findet das ungerecht. "Wenn alle Ärzte und Krankenpfleger mit Bluthochdruck oder Asthma ihre Arbeit einstellen würden, würde das System zusammenbrechen. Auch bei Verkäufern fragt niemand nach chronischen Krankheiten. Die Bevölkerung wird hier ungleich behandelt, und das bringt mich auf die Palme."

Den Lehrer, der grundlos zum Asthmatiker erklärt werden wollte, hat er wieder nach Hause geschickt. Anderen konnte er die Bitte um ein Attest nicht abschlagen. Auch wenn er persönlich eine Freistellung vom Unterricht im Klassenzimmer, nur weil man hohen Blutdruck hat oder mit Diabetikern in einem Haushalt lebt, nicht für gerechtfertigt hält.

DER SPIEGEL 26/2020

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Von wegen Regelbetrieb: Warum das Schulchaos weitergeht

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Lehmann gehört selbst zur Corona-Risikogruppe, er ist 74 Jahre alt und leidet unter Asthma. Seine Praxis betreibt er zusammen mit seiner Frau, sie ist 69. "Wir haben die letzten Monate trotzdem voll durchgepowert", sagt Lehmann. "Ich will mich nicht beschweren, ich liebe meinen Job. Und ich will auch nicht alle über einen Kamm scheren, natürlich gibt es auch Lehrer, die sehr engagiert sind und trotz Vorerkrankungen unterrichten. Was mich ärgert, ist, dass der Staat sich hauptsächlich um Beamte und Beschäftigte im öffentlichen Dienst kümmert und andere Berufsgruppen vernachlässigt."

Diesen Vorwurf hatte Mitte Mai auch Thomas Fischbach, der Präsident des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärzte, in einem Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung"  erhoben: "Es ist schon unverständlich, dass die Berufsgruppe der Lehrer für sich ein solches Schutzprivileg in Anspruch nimmt."

Aber tut sie das wirklich? Eine Auswertung des SPIEGEL zeigt: In zehn von 16 Bundesländern fällt derzeit mindestens jeder zehnte Lehrer für den Unterricht im Klassenzimmer aus. In Baden-Württemberg liegt der Anteil der gegenwärtig im Präsenzdienst nicht dienstfähigen Lehrer sogar bei rund 20 Prozent, in Nordrhein-Westfalen bei 17,4 Prozent, in Hessen schätzt das Kultusministerium die Lehrer-Ausfallquote für den Präsenzunterricht auf 15 bis 18 Prozent.

Bundesland

Anteil der gegenwärtig im Präsenzdienst nicht dienstfähigen Lehrer

(Krankgeschriebene Lehrer, deren Abwesenheit im Klassenraum nichts mit Corona zu tun hat, sind eingeschlossen, wenn nicht anders angegeben)

Baden-Württemberg

rund 20 Prozent 

Hessen

15 bis 18 Prozent

Nordrhein-Westfalen

17,4 Prozent

Mecklenburg-Vorpommern

rund 16 Prozent

(krankgeschriebene Lehrer sind nicht eingeschlossen)

Rheinland-Pfalz

15 Prozent

Saarland

13 Prozent

(krankgeschriebene Lehrer sind nicht eingeschlossen)

Sachsen-Anhalt

10 bis 15 Prozent

(krankgeschriebene Lehrer sind nicht eingeschlossen)

Berlin

10 bis 15 Prozent (die Datenerhebung läuft noch)

Bayern

11 Prozent 

Bremen

knapp 10 Prozent

(krankgeschriebene Lehrer sind nicht eingeschlossen)

Schleswig-Holstein

unter drei Prozent

(krankgeschriebene Lehrer sind nicht eingeschlossen)

Niedersachsen

Daten wurden erhoben, aber noch nicht ausgewertet (theoretisch vom Präsenzunterricht befreit werden könnten 20 Prozent aller Lehrer)

Sachsen

Daten wurden nur für Grundschullehrer erhoben, bei ihnen liegt der Anteil bei 3 Prozent (krankgeschriebene Lehrer sind nicht eingeschlossen)

Thüringen

Daten werden nicht erhoben 

Hamburg 

Daten werden nicht erhoben. Eine Stichprobe an zehn Schulen hat ergeben, dass bis zu 30 Prozent der Lehrer aus gesundheitlichen Gründen derzeit nicht in die Schule zurückkehren wollen. 

Zum Vergleich: 2018 lag der Krankenstand der rund 170.000 Lehrerinnen und Lehrer in Nordrhein-Westfalen bei 6,7 Prozent. Diese Zahl bezieht sich allerdings auf Lehrkräfte, die krankgeschrieben waren und nicht arbeiten konnten. Alle Kultusministerien betonen, dass vom Präsenzunterricht befreite Lehrer keineswegs beurlaubt sind, sondern von zu Hause aus arbeiten. Sie korrigieren Prüfungsaufgaben, geben Fernunterricht, bereiten Lehrmaterialien vor.

Derzeit findet Unterricht im Klassenzimmer deutschlandweit ohnehin nur eingeschränkt in kleineren Lerngruppen statt - es werden also weniger Lehrer vor Ort in der Schule benötigt. Aber nach den Sommerferien soll Schluss sein mit dem Lernen in Kleingruppen und im Schichtsystem. Die Kultusminister wollen zum Regelbetrieb zurückkehren, und dann wäre ein Ausfall von bis zu 20 Prozent aller Lehrer vor Ort wohl kaum zu verkraften.

In der Kultusministerkonferenz am 18. Juni kam deshalb auch das Thema Attestpflicht für Lehrer auf. Zu Beginn der Coronakrise hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) empfohlen, dass Über-Sechzigjährige, Schwangere und Menschen mit Vorerkrankungen, die in Schulen arbeiten, zu Hause bleiben sollten.

Doch diese Einschätzung hat das RKI inzwischen geändert: Die Einschätzung des Risikos, an Corona zu erkranken, sei komplex und eine "generelle Festlegung zur Einstufung in eine Risikogruppe nicht möglich". Bei jedem Beschäftigten müsse eine "individuelle Risikofaktorenbewertung im Sinne einer (arbeits-)medizinischen Begutachtung vorgenommen werden", heißt es nun.

Lehrer werden besser behandelt als Polizisten

Viele Bundesländer haben ihre Regelungen für Lehrer deshalb verschärft, zuletzt Baden-Württemberg, dem Bundesland mit dem höchsten Anteil an vom Präsenzunterricht befreiten Lehrern. Bislang konnten diese auch ohne ärztliche Bescheinigung zu Hause bleiben. Die Angst, sich als Risikopatient mit Corona zu infizieren, war Grund genug, den Unterricht an der Schule ausfallen zu lassen. Ab dem 29. Juni dürfen Lehrkräfte in Baden-Württemberg nur noch mit einem ärztlichen Attest dem Unterricht im Klassenzimmer fernbleiben.

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Die neue Attestpflicht diene vor allem dazu, Lehrer "vor pauschalen Vorwürfen zu schützen" und "ihre Glaubwürdigkeit zu erhärten", heißt es aus dem Kultusministerium. Denn "Lehrerinnen und Lehrer geraten in der öffentlichen Diskussion zunehmend unter Druck, da sie sich bislang relativ einfach selbst von der Präsenzpflicht befreien können", schreibt die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann in einer Pressemitteilung. Sie gibt zu, dass Lehrer damit bislang deutlich mehr Spielraum hatten als andere Berufsgruppen: "Das ist beispielsweise für Polizisten, die zu Risikogruppen gehören, nicht der Fall."

Wie sinnvoll sind Atteste vom Hausarzt?

Die Attestpflicht gilt damit ab Juli in fast allen Bundesländern. Bayern erlaubt eine Ausnahme für Lehrer über Sechzig: Sie brauchen weiterhin nur ein formloses Schreiben an die Schulleitung zu richten, um vom Präsenzunterricht befreit zu werden. Und nur Mecklenburg-Vorpommern verlangt, dass diese von einem Amts- oder Betriebsarzt ausgestellt werden. Alle anderen Bundesländer akzeptieren Atteste vom Hausarzt.

Hans-Iko Huppertz, Generalsekretär der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, hält das für wenig sinnvoll: "Um entscheiden zu können, ob ein Lehrer, der unter Bluthochdruck leidet oder einen Herzinfarkt hatte, vom Präsenzunterricht freigestellt werden sollte oder nicht, muss man den Ort kennen. Wenn zum Beispiel sichergestellt ist, dass ein Lehrer auch in den Pausen nur mit wenigen Schülern in Kontakt kommt und es keine Coronafälle im Umkreis gibt, reicht vielleicht auch eine Maske zum Schutz. Aber so eine individuelle Fallbewertung kann man von den Hausärzten gar nicht verlangen."

"Für Lehrer ist die Ansteckungsgefahr im Lehrerzimmer viel höher als im Klassenraum"

Hans-Iko Huppertz, Generalsekretär der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin

Er gehe nicht davon aus, dass sich Lehrer befreien lassen wollten, weil sie arbeitsscheu seien. "Sie haben einfach Angst." Und diese Angst müsse ihnen nun genommen werden. Im Klassenzimmer würden sich Lehrer nicht häufiger anstecken, als zum Beispiel beim Einkaufen oder Essengehen, so Huppertz.

"Kinder sind keine Superspreader. Die Annahme, dass sie bei der Verbreitung des Coronavirus eine so große Rolle spielen wie bei der Influenza, hat sich als falsch herausgestellt. Für Lehrer ist die Ansteckungsgefahr im Lehrerzimmer viel höher als im Klassenraum." Und anders als zum Beispiel Polizisten, die bei der täglichen Arbeit Menschen treffen, deren Herkunft und Intention sie nicht kennen, haben Lehrer nur mit Menschen aus einem überschaubaren Kreis zu tun. Seine Botschaft an Lehrer laute deshalb: "Ihr seid Freunde der Kinder, und ihr dürft es weiter sein!"

Heinz-Peter Meidinger, 64, Schulleiter in Bayern und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, hat gegen eine generelle Attestpflicht für Lehrer nichts einzuwenden: "Kein betroffener Lehrer wird etwas dagegen haben, denn so wird dem Verdacht vorgebeugt, sie seien Drückeberger oder Angsthasen."

Meidinger möchte auch mit dem Vorurteil aufräumen, dass die Befreiung vom Präsenzunterricht für Lehrer überhaupt erstrebenswert ist: "Wenn man virtuellen Unterricht ernst nimmt, bedeutet das mehr Stress als Unterricht im Klassenzimmer." Videostunden müssen detailliert vorbereitet werden, E-Mails der Schüler trudeln rund um die Uhr ein. "Die komplette Kommunikation mit den Schülern von zu Hause aus zu erledigen, ist anstrengend."

Aber auch für die Schüler sei virtueller Unterricht eine Herausforderung. "In den Hauptfächern übertragen wir an meiner Schule komplette Unterrichtsstunden per Video aus dem Klassenzimmer nach Hause, aber vier, fünf Stunden hintereinander halten die Schüler gar nicht aus", sagt Meidinger.

Eine Mischung aus vier Tagen Unterricht in der Schule und einem Tag virtuellem Lernen könne er sich an weiterführenden Schulen, wo die Kinder selbstständiges Arbeiten schon eher gewöhnt sind, als Zukunftsmodell vorstellen, "falls weiterhin Lehrkräfte als Risikopersonen ausfallen". Für Grund-, Förder- und Inklusionsschulen oder Schulen in Brennpunktvierteln sei dies aber keine Option. Das Bildungssystem stehe deshalb vor großen Herausforderungen.

"Wir hatten ja schon vor Corona viele Klagen über Unterrichtsausfall", sagt Meidinger. Im Schnitt habe acht bis neun Prozent des Unterrichts nicht stundenplangemäß stattfinden können, weil Lehrer krank waren, auf Fortbildungen oder Klassenfahrten. Selbst wenn man diese nun streiche, "werden wir wohl mit Unterrichtskürzungen leben müssen", sagt Meidinger. "Das wird an die Substanz gehen."