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Als Seiteneinsteiger in den Lehrerberuf "Der härteste Umbruch meines Lebens"

Zehntausende Lehrer fehlen künftig bundesweit - eine Chance für Seiteneinsteiger. Christian Wahle hat sich auf das Risiko eingelassen und erzählt, warum das nicht schiefgegangen ist.
Seiteneinsteiger und Konrektor: Christian Wahle war Mathematiker und Informatiker, dann wurde er Lehrer

Seiteneinsteiger und Konrektor: Christian Wahle war Mathematiker und Informatiker, dann wurde er Lehrer

Foto: Silke Hoock/ SPIEGEL ONLINE

"Gleich am ersten Tag wurde ich Klassenlehrer. Ich stand plötzlich vor 34 Siebtklässlern und sollte unterrichten", erinnert sich Christian Wahle an seinen Einstieg und an das Gefühl, das er damals hatte: "Ich war extrem angespannt." Kein Wunder, schließlich brachte er weder Lehramtsstudium noch Referendariat oder Praktikumserfahrungen in der Schule mit.

Heute ist der 40-Jährige Lehrer am Städtischen Gymnasium in Sundern und Konrektor der Schule. Seine Lehrerkarriere als Seiteneinsteiger bezeichnet er als "härtesten Umbruch meines Lebens". Der promovierte Diplom-Mathematiker und Informatiker sagt rückblickend: "Es hätte auch schiefgehen können." Trotzdem gab er sein Forscherdasein an der Universität auf.

Dass alles gut ging im "Löwenkäfig Klasse", führt Wahle auf seine zweijährige Ausbildung zurück, die sich an der sogenannten Ordnung zur berufsbegleitenden Ausbildung von Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern (OBAS) und der Staatsprüfung orientiert.

Dafür musste Wahle, wie alle Seiteneinsteiger in Nordrhein-Westfalen, neben 19 Stunden Unterricht zusätzlich sechs Stunden pro Woche in seine didaktische und methodische Ausbildung investieren. Nach zwei Jahren legen die Seiteneinsteiger eine Staatsprüfung ab und sind dann vollwertige Lehrer.

Doch diese Ausbildung ist kein länderübergreifender Standard. "Manche Bundesländer haben so einen massiven Lehrermangel, da gibt es keine Ausbildung und kaum Nachqualifizierung. Da muss der Crashkursus reichen. Da heißt es, lieber schlechten Unterricht als gar keinen zu haben", kritisiert Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Die hohe Messlatte für den Seiteneinstieg werde kontinuierlich gesenkt.

Die Leidtragenden der Seiteneinsteiger-Politik, fürchtet Meidinger, seien die Kinder. Vor allem für die Grundschulen warnt er vor einer Verschlechterung der Lese- und Schreibkompetenz. Beispiele seien Berlin und Sachsen, dort seien alle hohen Qualitätsstandards für das Lehramt nur noch Makulatur. Nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) waren mehr als 900 der 2700 Lehrkräfte, die zum Schuljahr 2018/2019 in Berlin eingestellt wurden, nicht für den Lehrerberuf qualifiziert.

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Auch Udo Beckmann vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) beklagt die mangelnde pädagogische Weiterqualifizierung der Seiteneinsteiger. Er verweist auf die Ergebnisse einer aktuellen, vom VBE in Auftrag gegebenen forsa-Umfrage:

  • Zwei von drei Schulleitungen geben demnach an, dass Seiteneinsteiger nicht systematisch pädagogisch vorqualifiziert werden - an Grundschulen sagen das sogar drei von vier Schulleitern.
  • 40 Prozent der Rektoren kritisierten außerdem, dass es keine berufsbegleitende pädagogische Weiterqualifizierung für Seiteneinsteiger gibt.
  • Ein Viertel der Schulleitungen gab an, dass die Seiteneinsteiger weder vorqualifiziert wurden noch berufsbegleitend qualifiziert werden.

Beckmann beklagt, dass Seiteneinsteigende überproportional häufig in Schulen in schwierigen sozialen Lagen eingesetzt werden, also bei Kindern, die auf Lehrkräfte angewiesen sind, die mit besonders viel pädagogischem Geschick bilden und erziehen. "Hier setzt sich eine Abwärtsspirale in Gang, die bald nicht mehr aufzuhalten ist."

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Doch im sauerländischen Sundern am Städtischen Gymnasium ist Schulleiter Martin Barthel froh, dass sich Christian Wahle nach seiner Wissenschaftskarriere für den Lehrerberuf entschieden hat. Barthel spricht von einer "unnötigen Neiddebatte", wenn klassisch ausgebildete Lehrer auf Seiteneinsteiger herabblickten. Und wenn sie sich dabei auf ihre in sieben Jahre studierte Didaktik beriefen, die man unmöglich mal eben nebenbei erlernen könne: "Die Theorie ist das eine. Es zeigt sich aber erst in der Praxis, wie die Umsetzung der wissenschaftlichen Lehre im Klassenraum gelingt." Seiteneinsteiger seien immerhin Hochschulabsolventen, Experten in ein oder zwei Fächern und Berufserfahrene, sagt Martin Barthel.

Dass die Seiteneinsteiger ihren Job am Ende so gut machen, dass sie Fachbereichs- oder sogar Schulleiter werden können, findet Peter Luecke, Dezernent für Lehreraus- und -fortbildung bei der Bezirksregierung Arnsberg in NRW, nicht ungewöhnlich: "Sie haben Lebens- und Berufserfahrung. Mit einer bestmöglichen Ausbildung werden viele ganz schnell ausgezeichnete Lehrer. Fachlich haben sie ohnehin selten Defizite." Zwischen Lehrern und Seiteneinsteigern bestehe am Ende kein Unterschied.

Nach Berechnungen der Kultusministerkonferenz liegt der durchschnittliche Einstellungsbedarf bis 2030 bei knapp 32.000 Lehrern pro Jahr. Deutlich weniger beenden ihr Studium - ohne Seiteneinsteiger drohen Tausende Stellen an den Schulen unbesetzt zu bleiben.

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