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Arbeiten im Alter "Unterrichten ist ein beruflicher Luxus"

42 Jahre lang arbeitete Friedrich Uthardt in Baden-Württemberg als Lehrer, dann ging er in Pension. Doch die Pause währte nicht lange. Hier erzählt der 69-Jährige, warum er nicht im Ruhestand bleiben wollte.
Friedrich Uthardt: "Für mich war es eine Chance, schnell wieder als Lehrer aktiv zu werden"

Friedrich Uthardt: "Für mich war es eine Chance, schnell wieder als Lehrer aktiv zu werden"

Foto: privat

"Mein Berufskarussell hat sich 42 Jahre lang gedreht, und ich bin leidenschaftlich gern mitgefahren. Im Alter von 65 Jahren hielt das Karussell dann jäh an, ich musste aussteigen, die anderen sausten ohne mich weiter. Ich stand daneben, im Ruhestand und mit gemischten Gefühlen: einerseits froh, eine echte Erholungspause machen zu dürfen - andererseits wehmütig, weil ich nicht mehr in meinem Traumberuf Lehrer arbeiten konnte.

Doch kaum ein Jahr später war alles wieder ganz anders. 2015 bekam ich einen Brief vom baden-württembergischen Kultusministerium mit der Bitte, ob ich meinen Lebensentwurf als Pensionär noch mal überdenken könne. Die Schulen suchten dringend Deutschlehrer für die sogenannten Vorbereitungsklassen.

Für mich war es eine Chance, schnell wieder als Lehrer aktiv zu werden. Ursprünglich wollte ich mich im Ruhestand weiterbilden und irgendwann an einer Kunstschule arbeiten.

"Eine beachtliche Umstellung"

Ich wagte mich an meine neue Aufgabe: vom Gymnasium an die Werksrealschule, von Regelschülern zu Flüchtlingskindern, von einer Sprache zu vielen Sprachen verschiedenster Nationen.

Ich unterrichte jetzt rund 30 Schüler, sie sind zwischen zehn und 16 Jahre alt. Im Laufe des Schuljahres kommen immer wieder neue hinzu, andere gehen nach und nach in die Regelklassen.

All diesen Kindern gerecht zu werden, ist eine Herausforderung. Es war für mich eine beachtliche Umstellung, aber ich bin ein erfahrener Lehrer und auch meine Zeit als Beratungslehrer ist mir zugutegekommen. Von meinen neuen Kollegen wurde ich hervorragend eingearbeitet und unterstützt.

In die Schüler kann ich mich gut einfühlen. Ich weiß, wie es als Flüchtling ist. Ich selbst bin 1956 mit meinen Eltern aus der damaligen DDR in die Südpfalz geflohen und war plötzlich der, der aus dem Osten kam und kein Wort Pfälzisch sprechen konnte. Und dann noch einer der wenigen Evangelischen in einem vorwiegend katholisch geprägten Umfeld.

"Die Arbeit ist ein Jungbrunnen"

Ich bin fast 70, und wenn es meine Gesundheit zulässt, kann ich mir vorstellen, noch weiter zu arbeiten. Ein gutes Arbeitsklima wie hier an der Schule ist allerdings Grundvoraussetzung.

Und für die Arbeit muss ein gesundes Maß gelten. Ich unterrichte an zwei Tagen in der Woche, insgesamt zehn Stunden. Da kommt zwar noch einiges an Vor- und Nachbereitung hinzu, aber an den anderen Tagen bin ich Pensionär und habe genug Zeit für meine Hobbys und Enkelkinder.

Ich erlebe die Arbeit meistens als eine Art Jungbrunnen. Durch meine Schüler bin ich am Puls der Zeit. In vielen Gesprächen berichten sie mir von ihren Sorgen und Nöten, Wünschen und Zukunftsplänen. Jetzt darf ich in meinem Berufskarussell wieder zweimal pro Woche mitfahren. Mein Know-how ist noch gefragt, ich werde noch gebraucht, für mich ein beruflicher Luxus.

Arbeiten im Alter

Manche fiebern dem Ruhestand entgegen - andere fürchten und meiden ihn. Warum arbeiten Menschen weiter, die längst in Rente sein könnten? Dieser Frage widmet der KarriereSPIEGEL in dieser Woche mehrere Artikel.

Zur Übersicht kommen Sie hier.

Es gibt aber auch Tage, da bin ich einfach geschafft. Da komme ich nach Hause, und brauche meine Ruhe. Aus der Erfahrung kann ich sagen: Ab 60 sollte es möglich sein, das Arbeitspensum sukzessive herunterzufahren - aber dafür ein paar Jahre länger zu bleiben. Das wäre ein gleitender Übergang in den Ruhestand, ein Gewinn für Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sowie für Jung und Alt."

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