Bundesländervergleich Darum bleiben so viele Lehrstellen unbesetzt

In Berlin hat jeder fünfte Bewerber keinen Ausbildungsplatz gefunden. Trotzdem sucht der Einzelhandel dringend Nachwuchs. Forscher haben untersucht, warum Azubis und Betriebe nicht zusammenfinden.

Jobbörse (in Erfurt/Symbolbild): Das Problem wird immer drängender
Martin Schutt/ DPA

Jobbörse (in Erfurt/Symbolbild): Das Problem wird immer drängender


Knapp 79.000 Bewerber haben im vergangenen Jahr keinen Ausbildungsplatz gefunden - obwohl knapp 58.000 Lehrstellen unbesetzt geblieben sind. Warum Azubi und Betrieb so oft nicht zusammenfinden, haben die Uni Göttingen und das Soziologische Forschungsinstitut in Göttingen (SOFI) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung untersucht und bis auf Länderebene aufgeschlüsselt.

Denn das Problem ist deutlich größer geworden: Die Zahl der unbesetzten Lehrstellen hat sich im Vergleich zu 2009 mehr als verdreifacht.

Mehr zur Studie
Wer hat die Studie durchgeführt und finanziert?
Das Forschungsprojekt "Ländermonitor berufliche Bildung 2019" wurde von der Abteilung für Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung der Universität Göttingen und dem Soziologischen Forschungsinstitut in Göttingen (SOFI) durchgeführt. Die Bertelsmann Stiftung hat das Projekt gefördert.
Wie wurden die Daten erhoben?
Für das Projekt wurden Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung, der Bundesagentur für Arbeit, der statistischen Ämter des Bundes und der Länder sowie Dokumente zur Berufsbildungspolitik aus den Bundesländern ausgewertet.
Was war das Ziel der Untersuchung?
In der Studie wird die Situation der beruflichen Bildung in den 16 Bundesländern vergleichend und im Zeitverlauf untersucht. Schwerpunkt waren die sogenannten Passungsprobleme, also das gleichzeitige Auftreten von unbesetzten Stellen und unversorgten Bewerbern.

Das Angebot für die Jugendlichen hat sich hingegen in fast allen Bundesländern verbessert - zumindest rein quantitativ. Im Bundesdurchschnitt gibt es für 100 Bewerber fast 97 Angebote. Dahinter stehen aber große regionale Unterschiede. In Berlin gibt es pro 100 Bewerber nur 86 Ausbildungsplätze, während es in Bayern und Thüringen einen Überschuss gibt.

Karte Anzahl der Lehrstellen je 100 Bewerber 2009 2018
SPIEGEL ONLINE

Karte Anzahl der Lehrstellen je 100 Bewerber 2009 2018

Trotzdem kommt es oft nicht zum Vertragsabschluss. Die Wissenschaftler haben die häufigsten Ursachen ermittelt:

  • Bei knapp der Hälfte (44 Prozent) der unbesetzten Stellen gibt es zwar interessierte Jugendliche, die Betriebe lehnen sie aber ab, etwa weil sie den Bewerber nicht für geeignet halten. Oder der Bewerber entscheidet sich gegen den Betrieb, etwa weil er keinen guten Ruf hat.
  • Für ein Drittel (34 Prozent) der offenen Lehrstellen gibt es hingegen keine Bewerber, die den Beruf ergreifen wollen.
  • Bei knapp einem Viertel (23 Prozent) der vakanten Plätze liegt das Problem in fehlender Mobilität, weil sich Ausbildungsbetriebe und Bewerber in unterschiedlichen Regionen des jeweiligen Bundeslandes befinden.

Auf Länderebene gibt es deutliche Unterschiede bei der Verteilung der Ursachen:

  • Ungeeignete Bewerber oder unattraktive Angebote gibt es vor allem in den Stadtstaaten Hamburg, Bremen und Berlin. So könne in der Hauptstadt jeder achte Ausbildungsplatz als Verkäufer im Einzelhandel trotz ausreichender Bewerberzahlen nicht besetzt werden, heißt es in der Studie. In den östlichen Bundesländern und Baden-Württemberg ist die Unzufriedenheit mit dem Bewerber oder der Stelle hingegen ein deutlich kleineres Problem.
  • Dass Wunschbetrieb und Bewerber nicht in derselben Region liegen, betrifft vor allem Sachsen und Bayern. Da das Problem nicht alle Flächenländer gleichermaßen trifft, ist die Landesgröße allein kein Grund. Laut Studie dürften sowohl die regionale Wirtschafts- und Beschäftigungsstruktur als auch die eingeschränkte Bereitschaft oder Möglichkeit zum Umzug eine Rolle spielen.
  • Unter fehlenden Bewerbern leiden vor allem bestimmte Branchen wie das Lebensmittelhandwerk oder das Hotel- und Gastronomiegewerbe: Zu wenige Jugendliche wollen Fleischerin oder Bäcker werden, die Ausbildung zum Koch oder zur Hotelfachfrau hat einen schlechten Ruf. Auf Landesebene macht sich das Problem vor allem in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg bemerkbar.

Aus Sicht der potenziellen Azubis muss man sich dieser Probleme insbesondere in Berlin annehmen: Hier war der Anteil der Bewerber, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, mit 22 Prozent am größten. Besonders für Hauptschüler und nichtdeutsche Bewerber sinken laut Studie die Chancen auf einen Platz.

Aus Sicht der Betriebe muss man hingegen in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Bayern handeln: Hier sind besonders viele Lehrstellen noch offen.



insgesamt 203 Beiträge
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Seite 1
Ashurnasirapli 18.09.2019
1.
Geiz, Paranoia (mit dem Falschen/der Falschen einen Vertrag zu schließen, der zB frühzeitig wieder gelöst wird), Perfektionismus (wir suchen die "crème de la crème" auf dem Markt). Personalsuche in Deutschland.
f_bauer 18.09.2019
2. Ungeeignet
Ja, wundert mich nicht, dass viele Bewerber ungeeignet sind, wenn ich sehe, was für Leute teilweise eingestellt werden. Unser Metzger zum Beispiel hat jetzt schon den zweiten Azubi, der nach zwei Jahren noch immer keinen Tafelspitz von Schweinenacken unterscheiden kann. Und das sind keine Einwanderer mit gebrochenem Deutsch, sondern Deutsche. Leider trotzdem mit sehr beschränkten Deutschkenntnissen.
f_bauer 18.09.2019
3. Ungeeignet
Ja, wundert mich nicht, dass viele Bewerber ungeeignet sind, wenn ich sehe, was für Leute teilweise eingestellt werden. Unser Metzger zum Beispiel hat jetzt schon den zweiten Azubi, der nach zwei Jahren noch immer keinen Tafelspitz von Schweinenacken unterscheiden kann. Und das sind keine Einwanderer mit gebrochenem Deutsch, sondern Deutsche. Leider trotzdem mit sehr beschränkten Deutschkenntnissen.
Broko 18.09.2019
4.
In den Stadtstaaten gibt es Massen an ungeeigneten Bewerbern - ob das etwas mit den Schulsystemen dort zu tun hat? Die Politiker dort werden das entrüstet verneinen und bockig auf ihre Hätschelkinder beharren - die armen Leute dort ...
citizen2011 18.09.2019
5. Ausbildungsprobleme
"die Ausbildung zum Koch oder zur Hotelfachfrau hat einen schlechten Ruf. ..." Zu Recht, ich kenne Leute die die Ausbildung duchlaufen haben, sie sattelten fast alle um auf Büro oder ginge in nadere Tätigkeiten. Ungünstige Arbeitszeiten, die dazu noch gesplittet sind, sodass der Tag ewig lang wird, plus oft Wochenende, das alles für wenig Geld, bei hohen Mieten. Hotel z.B. : Morgens Frühstück betreuen , dann nach Mittag 2-3 Std. Pause, dann wieder ab frühen Abend bis oft Mitternacht Dienst. Darauf hätte ich auch keinen Bock, ist auch total familien- und Freundeskreisfeindlich. Lediglich wenn man jung ist kann das mal ausgehalten werden, später nicht mehr. Und warum soll man einen Ausbildung durchlaufen, von der man weiß, dass sie in einen unbefriedigenden Berufsalltag mündet. Besser gleich davon absehen und nicht die Zeit verlieren.
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