Der SPIEGEL

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26. Februar 2014, 08:11 Uhr

Leichenfotograf

"Es gibt immer eine Perspektive, aus der der Tote lächelt"

Von Simone Utler

Wenn ein Mensch gestorben ist, rückt Martin Kreuels mit seiner Kamera aus: Er arbeitet als Totenfotograf. Mit Voyeurismus habe das nichts zu tun, sagt er. Vielmehr helfe es den Angehörigen, ihre Trauer zu bewältigen.

Martin Kreuels geht in die Bestattungshalle und nähert sich dem Toten. Er tritt von der Seite an den geöffneten Sarg heran, sucht nach dem besten Blick auf den Aufgebahrten, kommt ihm aber auf keinen Fall zu nah. "Man findet immer eine Perspektive, aus der der Tote lächelt", sagt er.

Seit vier Jahren arbeitet der Münsteraner als Totenfotograf. Er tut das im Auftrag von Hinterbliebenen. "Für sie kann ein Bild des Verstorbenen eine große Hilfe sein, um die Realität des Todes wahrzunehmen und zu akzeptieren", sagt Kreuels. "Das Bild muss so sein, dass Angehörige es sich ins Wohnzimmer hängen und auch in 30 Jahren noch angucken können. Sie müssen damit leben können."

Im Keller seines Reihenhauses im Norden von Münster packt Kreuels am Nachmittag Kisten für eine Ausstellung mit dem Titel "Totenfotografie", auf der seine Bilder gezeigt werden. Gut ein Dutzend seiner Schwarzweißfotos hat er zusammengestellt.

Eine Nahaufnahme zeigt ein rechtes Auge, die Augenbraue, weiße Haare. Die Haut sieht alterslos aus, die Fotografierte könnte auch schlafen. Ein anderes Bild zeigt einen ehemaligen Karnevalsprinzen, der in seiner Uniform beerdigt werden wollte. Kreuels hat auch die Hände des Mannes fotografiert. "Man muss nicht immer alles sehen. Das darf nicht in Voyeurismus abgleiten, und die Persönlichkeitsrechte müssen gewahrt werden", sagt Kreuels.

Bei seinen Fotos setzt er auf Stativ und Langzeitbelichtung statt auf Blitz oder andere künstliche Lichtquellen. "Mit Scheinwerfern fängt der Tote an zu schwitzen, weil Wasser aus den Zellen verdunstet und auf der Haut kondensiert. Dadurch bekommt das Bild einen abstoßenden Charakter", erklärt er.

Krebspatienten werden lila

Der Respekt gegenüber dem Verstorbenen verbiete ihm, den Toten für das Foto zu verändern. "Ich würde niemals jemanden schminken", sagt Kreuels. Das bedeute aber auch, dass er sich bei manchen Verstorbenen beeilen müsse. "Krebspatienten beispielsweise verfärben sich meist sehr schnell. Durch die Medikamente der Chemotherapie werden sie lila."

Kreuels hat einen unverkrampften Umgang mit dem Tod, für ihn ist er ganz einfach Teil des Lebens. Das möchte er gern an andere weitergeben. Humor sei ihm in die Wiege gelegt worden, sagt der Mann mit der eckigen Brille und den kurzrasierten Haaren.

Es war ein persönlicher Schicksalsschlag, der den promovierten Biologen, der zuvor sein Geld unter anderem mit Vorträgen über Spinnen verdient hatte, zur Totenfotografie brachte. Seine Frau Heike starb im November 2009 an Krebs, zu Hause, im Kreis ihrer Familie. Am Morgen nach dem Tod der Mutter kam der damals sechs Jahre alte Sohn aus seinem Zimmer und verkündete, er mache jetzt ein Foto von ihr: "Mama ist ja gleich weg", sagte er.

"Der Tod meiner Frau öffnete die Tür zum Beruf"

Dieses letzte Bild, das entstand, bevor der Leichenwagen kam, guckten sich der Junge und seine drei Geschwister immer wieder an - nicht all die Aufnahmen aus glücklichen Tagen. "So wurde mir durch den Tod meiner Frau die Tür zu meinem Beruf geöffnet", sagt Kreuels.

Es hat eigentlich eine lange Tradition, dass Verstorbene abgelichtet oder gemalt werden, doch im 20. Jahrhundert wurde der Tod zunehmend tabuisiert. "Heute werden 98 Prozent der Verstorbenen sofort in den Sarg gepackt oder verbrannt", kritisiert Kreuels. Inzwischen bieten auch manche Bestatter an, Bilder von Verstorbenen zu machen. Fotografie ist laut dem Kuratorium Deutscher Bestattungskultur wieder Teil der Ausbildung.

Kreuels lässt sich mittlerweile für die Totenporträts nicht mehr bezahlen. Er lebt von den Ausstellungen und seinen Büchern über Tod und Trauer, aus denen er deutschlandweit liest. Etwa die Hälfte des Monats ist er unterwegs, die restliche Zeit arbeitet er an einem seiner drei Bildschirme im Haus der Familie. Nachbarn begegnen dem Totenfotografen mit Zurückhaltung. "Ich bin seit vielen Jahren als Freak abgestempelt", sagt Kreuels.

Vom eigenen Tod hat er ein sehr angenehmes Bild: "Ich kann mir eine maximale Freiheit vorstellen." Seine Frau Heike werde kommen und ihn abholen. Dann werde seine Seele den Körper verlassen, und sie seien wieder zusammen.

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