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Von Beruf Liebesbriefschreiberin: Herr R., ich mag Sie

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Ghostwriterin für Liebesbriefe "Diana, Du bist mir aufgefallen"

Laura Nunziante verfasst Liebesbriefe an Männer und Frauen, die sie noch nie gesehen hat - im Auftrag anderer. 50 Euro bezahlen die Kunden pro Seite. Dafür formuliert sie schwülstige Zeilen oder Gedichte - nur "Ich liebe Dich" schreibt die Ghostwriterin nie.

Laura Nunziante, 25, schreibt jede Woche fünf bis zehn Liebesbriefe. An Oskar, an Diana, R. oder Michael. Sie hat diese Menschen noch nie gesehen. Alles, was sie über sie weiß, haben ihr andere am Telefon erzählt. Das gehört zu ihrem Job: Laura Nunziante ist Ghostwriterin für Liebesbriefe. Rund tausend hat sie in den vergangenen drei Jahren verfasst.

"Diana, Du bist mir aufgefallen", tippt Nunziante in ihren Computer. Das sei besser als "Liebe Diana". Der Name reiche vollkommen aus und gebe dem Brief Ernsthaftigkeit. Sie fachsimpelt: "Meine liebe Diana" gehe auch, tabu sei dagegen, mit Kitsch wie "Für immer Dein" zu enden. Auch "Ich liebe Dich" findet man in Nunziantes Werken nicht: "Im Idealfall hat der Brief genau das bereits ausgedrückt."

Eine Seite Liebesbrief kostet 50 Euro. Mit der Hand schreibt Nunziante die Auftragsbriefe nie, es gilt, professionelle Distanz zu wahren. Das klappt besser, wenn sie vor dem flimmernden Bildschirm sitzt. Der Auftraggeber erhält den fertigen Brief dann per E-Mail - und kann ihn mit der Hand abschreiben, wenn er will.

Authentisch statt poetisch

Vor jedem Brief telefoniert Laura mit dem Kunden: "Bei Männern dauern die Gespräche in der Regel zehn Minuten, das ist ein reiner Informationsaustausch. Frauen wollen meistens mehr über den Auftrag sprechen und darüber, was dahintersteckt." Eine Stunde kann das Telefonat schon mal dauern, danach macht Laura Nunziante aber rigoros Schluss: "Alles, was danach kommt, hat nichts mehr mit dem Brief zu tun, sondern ist ein allgemeines Klagen über die Situation, aber da kann ich nicht helfen."

Natürlich gehen ihr manche Geschichten nahe, auch wenn sie die Personen nicht persönlich kennt: "Es ist, als würde ich einen Film sehen oder Nachrichten gucken, ich bin irgendwie berührt, obwohl ich direkt mit dem Geschehen nichts zu tun habe."

Der Großteil der Liebesbriefkäufer ist zwischen 35 und 55 Jahre alt, männlich - und Single. Nur selten bittet jemand, der in einer Beziehung steckt, um Lauras Hilfe. "Liebesbriefe entstehen oft aus Verzweiflung oder aus totalem Glücksgefühl", sagt Nunziante und fügt hinzu: "Verzweiflung ist weit verbreitet." Dass so viele Menschen ihren Liebesbrief-Dienst in Anspruch nehmen, wundert sie nicht: "Ich bin kein Mechaniker, also frage ich auch einen Profi, ob er mein Auto repariert, wenn es kaputt ist."

Nunziante hat Kreatives Schreiben in London studiert, hauptberuflich arbeitet sie als Texterin in einer Werbeagentur. Die Liebesbriefe schreibt sie nach Feierabend für eine andere Kreativagentur, "Feine Reime". Als Werbetexterin wirbt sie für Produkte, beim Liebesbriefschreiben für Personen. Beides ist ein Handwerk. Mit einem großen Unterschied, wie Nunziante betont: Das Wichtigste beim Ghostwriting sei nicht, dass es sich besonders gut anhöre, sondern dass es sich so anhöre, als hätten die Kunden den Brief selbst verfasst.

Gereimt wird nur im Ausnahmefall

"Ich will nicht schreiben wie Hermann Hesse, sondern so, dass es authentisch wirkt", sagt Nunziante. Deshalb achtet sie bei den Telefonaten genau auf den Satzbau und darauf, welche Füllwörter die Auftraggeber benutzen: "So merkt man schnell, wie der Mensch tickt und im Alltag spricht."

In ihren Briefen brodelt dann schon mal "Abenteuerlust unter blassen Sommersprossen", zittern Herzen, neigen sich Blumen den Sonnenstrahlen zu. Zu schätzen weiß das nicht jeder. Die meisten Auftraggeber seien positiv überrascht über die Texte, aber es gebe auch kritische Stimmen: "Das sind oft Akademiker. Einmal sollte ich ein Gedicht schreiben, der Kunde wollte unbedingt, dass es sich reimt, da habe ich den Auftrag abgelehnt."

Manchmal reimt aber auch Nunziante drauflos: "Drum steh ich hier vor Dir ganz klein, ich frag mich, willst Du immer bei mir sein?" Kriterium für ihre Werke ist ihr eigener Geschmack: "Nur wegen des Geldes riskiere ich nicht, dass ich mit dem Ergebnis unzufrieden bin."

Den Auftrag abzulehnen, mit diesem Gedanken hat Laura Nunziante auch in einem anderen Fall gespielt: Eine verheiratete Frau hatte sich in ihren Schwager verliebt und wollte ihm mit dem Brief ihre Liebe gestehen. "Moralisch nicht ganz einwandfrei", gibt Nunziante zu. Am Ende schrieb sie den Brief trotzdem: "Es ist mein Job."

Dass sie hinter den Briefen steckt und nicht der angebliche Absender, ist ihres Wissens bisher noch nie aufgeflogen. Was den Erfolg ihrer Briefe angeht, macht Laura Nunziante sich aber keine Illusionen: "Im ersten Moment kann der Brief sicher etwas auslösen, aber der Mensch ist leider nicht der Brief, also kommen danach die alten Probleme wieder."

Den perfekten Liebesbrief hat Laura bisher noch nicht geschrieben, auch wenn sie sich alle Mühe gibt: "Den kann ich nur schreiben, wenn ich selber involviert bin." Den würde sie dann auch mit der Hand schreiben und nicht mit dem Computer.

Liebesbriefe von Laura Nunziante: "Mein lieber Oskar"


Mein lieber Oskar,

ich finde es eigentlich herzlich komisch, jetzt an Dich heranzutreten, mit diesem Brief, in dieser Zeit. Kennst Du mich eigentlich noch?

Ich bin mir nicht sicher, ob Du so viel an mich denkst wie ich an Dich, aber ich weiß, dass es Dich für mich irgendwo da draußen noch gibt. Den kleinen Oskar, der mich wohl immer noch verteidigen würde, wenn mich die Jungs aus der Elisabeth-Landmann-Straße bedrohten; der die Bäume hochkletterte, als sei er ein echter Abenteurer,...

...das alles imponiert auch der erwachsenen Frau in mir.

Oder sagen wir es so: Ich konnte diese Bilder nicht vergessen.

Ist es nicht seltsam, dass es mir nach 25 Jahren noch immer nicht leicht fällt, diese Erinnerungen hinter mir zu lassen? Es sind doch Kindheitserinnerungen; man kramt sie mal hervor und gräbt sie dann wieder ein. Simpel. Doch so ist es nicht immer.

Deswegen schreibe ich Dir.

Ich schreibe Dir also aus dieser Not heraus, die Erinnerungen, die noch immer in mir sind, an den Menschen, den es betrifft, zu richten und mich wohlmöglich davon zu befreien.

Osli kommt mir da in den Sinn. Kennst Du noch unsere kleine Bande, die wir damals mit einer Ernsthaftigkeit gegründet haben, so dass ich heute noch darüber lachen muss?

Wir hatten diese kleinen Stempel, die wir jedem Kind verpassten, das unserer Bande beitreten wollte, und so verlängerten wir auch unseren Bandennamen stetig um eine Silbe.

Am Ende des Tages waren es doch immer nur wir zwei - Osli -, die bei Deiner Oma an dem großen Tisch Spätzle mit Soße aßen, die Beine zu kurz, um auf den Boden zu gelangen.

Vier kleine Kinderfüße liefen jeden Tag zusammen auf und ab.

Es war nicht unbedingt weltbewegend, was wir taten, aber es bewegte meine Welt.

Nach der Grundschule verloren wir uns aus den Augen.

Du gingst deiner Wege und ich meiner. Ich weiß nicht, wo du damals hingezogen bist, nie bekam ich eine Postkarte, obwohl ich unzählige Briefe an Dich schrieb.

Ständig dachte ich mir neue Phantasienamen für deine Adresse aus, doch jeder Brief kam zurück. Sie alle liegen noch immer in einem kleinen Schuhkarton auf dem Dachboden meiner Eltern. Und alles, was ich jetzt von Dir habe, ist Deine E-Mail- Adresse.

Es ist doch irgendwie nicht das Gleiche.

Ich vermute, dass unser Band von damals auch heute noch genauso Bestand haben könnte, und das sage ich auch jedem, dem ich von Dir erzähle.

Meine Freunde erklären mich schon für verrückt. Lass sie doch reden, denke ich mir.

Es ist mein Leben, und ich gehe meiner Wege. Auch wenn das bedeutet, dass ich einem Schulfreund aus der Grundschule wieder schreibe. Ja, dann ist es die Art von Verrücktheit, die das Leben noch braucht.

Ich glaube, ich weiß, was Du jetzt denkst, lieber Oskar. Vermutlich ist dir das alles unbegreiflich, und Du hast in Deinem Leben keinen Platz mehr für Klettereien auf Bäumen. Kein Platz mehr für WWF-Panini-Sammelbilder; kein Platz mehr für Spätzle mit Soße und Grundschulsport. Ich verstehe das. In 25 Jahren wird ein Mensch erwachsen. Er reift und wächst, er lebt, leidet - und verliert. Er liebt und lacht, viel und laut.

Und manchmal, ja manchmal schreibt er auch Briefe. Er denkt sich die wildesten Worte aus, dabei reichte es doch, in aller Einfachheit zu sagen, zu sagen, dass...

...ich sehe immer noch einen kleinen Oskar, wenn ich an großen Bäumen vorbeigehe.

Ich blättere immer noch in meinen Paninih-Heften, so wie man in einem alten Familienalbum blättert. Und manchmal scheinen die Aufkleber sich in Bilder von früher zu verwandeln, als würden sie den Vergilbungen trotzen wollen; als hätten sie noch viel zu sagen und wollten mich an Dich erinnern. An ein Lachen, ein Kinderherz; einen Freund aus der Vergangenheit.

So lass sie doch, denke ich mir.

Das Leben braucht eben diese Art von Verrücktheit.

Oskar, vielleicht meldest Du Dich ja mal bei mir.

Ich wünsche es mir sehr.

Lisa

"Herr R., ich mag Sie"


Herr R.,

ein bisschen seltsam fühle ich mich schon, wenn ich hier sitze und Ihnen diese Zeilen schreibe. Es ist nicht unbedingt meine Art - bin ich doch von Natur aus höchst unaufdringlich. Daher versuche ich, mich kurzzufassen, denn ich weiß, oft fehlt Ihnen die Zeit. Trotzdem: Ich schreibe.

Ich will Ihnen etwas über mich erzählen: Ich sehe das Leben als ein Risiko.

Wenn man mich so anschaut, merkt man es erst gar nicht, aber die Abenteuerlust brodelt unter meinen blassen Sommersprossen, die nur im Sommer richtig herauskommen. Immer muss ich die Dinge mit Haut und Haaren erleben, mich spüren und dennoch über allem mich selber nicht vergessen.

Nicht unbedingt laut sein, sondern die Dinge still und leise annehmen.

Schauen, was kommt. Einzutauchen und abzuheben, ja man darf es wohl so nennen; ist es Ihnen auch schon so ergangen, Herr R.? Egoist zu sein und das zu tun, was man will? Was muss man sich im Leben nicht alles erkämpfen!

Wohlmöglich trete ich Ihnen zu nahe, wenn ich Ihnen schreibe, dass Sie in mir gerade eben das bewegt haben. Dass ich das Leben zu überdenken scheine. Seitdem.

Und darf ich letztlich sagen, dass ich glaube, dass Sie mich verstehen?

Wie zwei Kinder, die einen geheimen Plan über die Distanz eines Klassenzimmers besprechen - ganz allein durch ihre Blicke.

Draußen ist es Frühling. Ich habe in diesem Jahr noch niemandem gesagt, wie sehr ich ihn mag. Es scheint mir jedoch nicht richtig. Nicht richtig gegenüber den Blumen, die sich jedem Sonnenstrahl zuneigen, gegenüber den Bauern auf dem Wochenmarkt, die jedem Vorbeigehenden ein Lächeln bieten. Auch ich will und muss mich öffnen!

Ja, ich mag Sie. Und ich glaube, ich hätte Sie gerne unter anderen Umständen kennengelernt; Umstände, die mehr Zeit ließen, einander zu gefallen und zu prüfen, wer wir eigentlich sind. So weiß ich doch fast gar nichts über Sie. Und dazu bräuchte man Zeit.

Zeit jenseits einer Armbanduhr, eher ein Raumkontinuum, in dessen Kern wir zueinander finden könnten - ganz gleich, wie oft die Sonne untergeht.

Jetzt fühle ich mich eher so, als müssten wir eine Grenze zueinander wahren, und es fällt mir schwer, die richtigen Buchstaben aneinanderzureihen; Sätze, die einen Sinn ergeben, auszusprechen, wenn Sie das Treppenhaus hinuntergehen und mir zunicken.

Komisch, wir haben uns noch nicht einmal gesiezt. Unbeschallt bleibt die Luft zwischen uns.

Herr R., ebendiese netten Begegnungen im Treppenhaus waren wie eine kleine Rettung für mich. Ein Moment, auf den ich mich den ganzen Tag freute und nach jenem Moment eben alles in mir einstürzte, wenn dieser, unser Moment, vorbei war.

Ein klassisches Hochtief. Es ist schön, diese Gefühle zu haben, ganz gleich welcher Natur. Sie helfen mir, ein Stück lebendiger zu sein.

Lieber Herr R., fühlen Sie sich nicht überrumpelt und schon gar nicht im Zugzwang, wenn ich Ihnen doch schlussendlich sage, dass Sie mich jederzeit in unserem kleinen Treppenhaus ansprechen dürfen - wenn Ihnen danach ist.

Ihre A.

"Ich will"


Ich will

nicht ewig warten.

Nicht nur für Dich den Tag anfangen und ihn nur mit Dir aufhören. Ich will so viel erleben und sehen, fließen wie ein Fluss, aber eigentlich ist es die Unfreiheit, die mich reizt.

In dem kleinen Dorf steckt etwas von mir, das bin ich, und da gehöre ich hin, denke ich mir. Aber das stimmt nicht. Das war ich mal. Nun bin ich hier und zeichne neue Schritte, die auch hier ein Stück von mir liegen lassen.

Will ich mich so zerreißen lassen von einem kleinen Ding, was man Herz nennt? Ewig hier und dort zu Hause sein? Der Mensch trachtet nach dem Etwas, dabei sind es viele Sachen, die ihn bündig machen.

Mir fehlt dieses, ich bin ein ungebundenes Buch, das Schmerz nicht umwandeln kann und auch neue Seiten nicht walten lässt.

Ich will den Atem haben, der mich überall hinträgt und den wichtigen Moment versteht.

"Zitronentee-Duft"

Den Tränen stets nah und nicht auf dieser Welt,
So raste ich durchs Leben wie ein Zirkuszelt
Mal hier mal da und nie so ganz
ein Leben ohne Reflexion und Resonanz

Gefühle waren mir lange fremd
Es fehlte jemand, der sie benennt
Es waren nicht nur Deine Augen,
es war viel mehr, es war der Glaube

An die Liebe, die ich nie verstand
Plötzlich nahm sie überhand
Der Wahnsinn hatte mich gepackt
Es galt nur Herz und nicht mehr Fakt

Wir sind wie irrsinnige Zweifel und Eifersucht
Meilen, die uns trennen fast wie Zitronentee - Duft
Ein Buch mit Seiten in Tinte verschwärzt
Das erste Lächeln im goldenen März

Drum steh ich hier vor Dir ganz klein
Ich frag Dich, willst Du immer bei mir sein?
Und wenn Du lachst, und Deine Augen sind leer
Dann weiß ich es - ich leb nicht mehr.