Ein Lkw-Fahrer erzählt "Mein Chef ermutigt mich, mehr zu arbeiten, als ich darf"

Lkw-Fahrer haben einen harten Job - und ein schlechtes Image. Doch einige der Vorurteile stimmen, berichtet ein Fahrer, der schon sei über 30 Jahren im Beruf ist.

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Mein Lkw ist mein Zuhause. Ich habe hier mein Bett, einen Fernseher, einen Kühlschrank, eine Kaffeemaschine und einen Wasserkocher. Ich habe hier alles, was ich brauche und möchte gar nicht woanders schlafen. Ein neues Gesetz sieht vor, dass wir am Wochenende ein Zimmer nehmen. Das finde ich total schwachsinnig.

Gerade am Wochenende ist es meiner Meinung nach auch gefährlich, viele Lkw-Fahrer auf engem Raum in einem Hotel unterzubringen. Einige Kollegen saufen gerade an freien Tagen, ohne Rücksicht auf ihre Mitmenschen zu nehmen. Da kann es schnell zu Schlägereien kommen.

Gut an dem Gesetz finde ich, dass die Fahrer alle vier Wochen nach Hause fahren. Ich kenne auch Leute aus Osteuropa, die oft ein halbes Jahr oder noch länger ihre Familien nicht sehen. Das ist natürlich schlimm.

Lkw-Fahrer stinken, heißt es. Für mich stimmt das nicht. Ich dusche jeden Tag. Wenn ich abends an einer Raststätte parke, habe ich dort immer die Möglichkeit, mich für etwa drei Euro zu waschen. Vor allem Lkw-Fahrer aus Osteuropa nehmen das jedoch nicht wahr. Sie verdienen in einer Sechs-Tage-Woche oft nur 1500 Euro inklusive Spesen, da wollen und können sie sich die tägliche Dusche nicht leisten. Ich verdiene deutlich besser, etwa 2300 Euro im Monat.

Nachtfahrten verbieten

Besonders gefährlich sind meiner Meinung nach Nachtfahrten. Die sollten dringend verboten werden. Die Fahrer fahren meist am Sonntagabend los und sind schon den ganzen Tag mit der Arbeit beschäftigt. Wenn sie dann die Nacht durchfahren, kommt es zum berüchtigten Sekundenschlaf und den damit verbundenen Auffahrunfällen, die auch durch die Presse wandern.

Als ich jünger war, bin ich durchaus auch nachts gefahren, aber nie bis zum Limit. Wenn ich merke, dass ich müde werde, stelle ich den Lkw ab und schlafe eine Stunde. Niemals würde ich Alkohol am Steuer trinken. Aber mein Feierabendbier gemütlich im Lkw vor dem Fernseher lasse ich mir nicht entgehen.

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Das anonyme Jobprotokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Ich bin seit 1986 Lkw-Fahrer. Als Kind habe ich neben einem Braunkohlewerk gewohnt und dort immer die großen, schweren Lkws gesehen. Das fand ich immer sehr beeindruckend. Ich habe zunächst dort eine Ausbildung gemacht. Hier lernte ich auch, große Autos zu fahren. Später wechselte ich zu einem großen deutschen Autohersteller. Seit 1991 fahre ich nun schon von Montag bis Freitag dessen Autos durch ganz Deutschland und die Beneluxländer. Etwa 3000 Kilometer lege ich dabei in der Woche zurück.

Die Ruhezeiten werden oft nicht eingehalten

Mein Arbeitstag beginnt früh. Um fünf Uhr fange ich an, meinen Lkw zu beladen. Die Wagen hole ich zum Beispiel aus einem Autohaus ab, oder aber direkt vom Hafen aus einem Container. Das kann bis zu drei Stunden dauern.

Dann fahre ich los. An einem Tag lege ich zwischen 500 und 700 Kilometer zurück. Mit der vorgeschriebenen Arbeitszeit von maximal zehn Stunden täglich komme ich nicht hin. Ich darf am Tag neun Stunden fahren und muss nach 4,5 Stunden eine Pause machen. Daran versuche ich mich zu halten.

Aber der Lkw muss gewartet, gewaschen und vor allem be- und entladen werden. Diese Zeit, im Durchschnitt zwei bis fünf Stunden pro Tag, kommt noch einmal dazu. So komme ich auf eine Arbeitszeit von 11 bis 15 Stunden täglich und bin oft von fünf Uhr morgens bis 20 Uhr abends auf den Beinen.

Das Kontrollgerät einfach aus lassen

Natürlich darf das eigentlich nicht sein. In jedem Lkw gibt es eine Anzeige, die die Arbeitszeit des Fahrers dokumentiert. Jeden Tag nach Dienstende muss ich auf einen Knopf drücken. Meine Fahrt- und Pausenzeiten werden dann auf einem kleinen Zettel ausgedruckt. Diese Zettel werden akribisch gesammelt, auch, falls es eine Polizeikontrolle gibt.

Eigentlich gilt auch die Verladezeit als Arbeitszeit, aber da schalte ich die Anzeige fast nie an und auch zwischendurch stoppe ich sie ab und zu. Das geht ganz einfach, ich muss nur auf einen Knopf drücken.

Auch mein Chef ermutigt mich schon ab und zu, mehr zu fahren, als ich eigentlich darf. Er sagt dann: 'Ach komm, die paar Kilometer schaffst du schon noch', obwohl ich schon zu Beginn der Fahrt sagen kann, dass ich es nicht in der gesetzlich vorgegebenen Zeit schaffen kann. Auch Staus sind hier ein großes Problem. Sie verzögern die Ankunftszeit.

Zu wenige Kontrollen

Meiner Meinung nach gibt es viel zu wenig Kontrollen durch die Polizei. Und die, die es gibt, sind viel zu lasch. In den letzten drei Jahren bin ich nur zweimal kontrolliert worden, das muss dringend mehr werden.

Falls die Polizei mich auf meine Arbeitszeiten anspricht, sage ich zum Beispiel, dass die Autos vom Unternehmen abgeladen wurden. Das stimmt natürlich nicht. Oder ich sage, dass ich eine halbe Stunde länger fahren musste, weil ich keinen Parkplatz gefunden habe. In den letzten 30 Jahren hat das bisher immer funktioniert.

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Ich beschäftige mich während der Fahrt vor allem durch Telefonieren. Bis zu sieben Stunden täglich unterhalte ich mich so mit Freunden oder meiner Familie. Mit einer Freisprechanlage ist das erlaubt.

Vorfreude auf das Wiedersehen

Regelmäßig begegne ich aber auch Lkw, die auf der Fahrbahn hin und her schlingern und die abwechselnd schneller und langsamer fahren. Wenn ich die dann überhole, sehe ich oft schon das Problem: Der Fahrer guckt auf dem Laptop Fußball oder Serien und kann sich nicht mehr auf den Straßenverkehr konzentrieren. Das ist sehr gefährlich.

Ich bin glücklich geschiedener Single. Es gibt also niemanden, der auf mich wartet, wenn ich am Wochenende nach Hause komme. Aber auch, als ich noch verheiratet war, war meine Arbeit in der Beziehung kein Problem. Ich war eher froh, meine Frau nur selten zu sehen, wir waren über 15 Jahre verheiratet und irgendwann schläft die Beziehung ein. Wenn man sich dann einige Tage nicht sieht, freut man sich viel mehr aufeinander."

insgesamt 52 Beiträge
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bloedelsachse 16.12.2018
1. Arbeitsmarkt....
Ich bin kein Trucker, und möchte auch keiner sein. Der "Kapitän der Landstraße", das ist lange her. Die Sprüche vom Chef: "Die paar Kilometer schaffst Du noch" - sind billige Aufmunterung. Der Chef sitzt am Schreibtisch- schläft er ein ist das kein Problem. Der übermüdete Trucker knallt vielleicht in ein Stauende und killt eine komplette Familie auf Urlaubsreise. Der Trucker muß für den Rest seines Lebens mit dieser Schuld klarkommen..... Auch juristisch. Der Chef ist fein raus- "Das habe ich nicht gewollt, und daß mein Fahrer soooo müde ist konnte ich nicht wissen.... Mehr Kontrollen wären sehr gut! Sie würden dazu führen, daß "anständige Chefs" weniger leicht von "Menschenschindern" niederkonkurriert werden können. Will das die Politik überhaupt? Das man durch Drücken der Pausentaste so einfach die Arbeitszeit passend machen kann spricht dafür, daß die Transportlobby die Politik beim Abfassen der Vorschriften " ein klein wenig unterstützt" hat.
doc1234 16.12.2018
2. das ist kein Problem
die Kontrolldichte muss erhöht werden und die Bußgelder wie in Frankreich weh tun, und zwar auch dem Unternehmer ab 1000€ für den 1. Unternehmensverstoß bis 5000. Dann ist Schluß damit, und zwar nur dem Unternehmer das Geld draufdrücken, dem Fahrer mit 500 immer beinehmen. Die Kontrollen finanzieren sich durch die Bußgelder. Und es müssen alle gravierenden Verstöße rückwirkend geahndet werden. Dann ist damit Schluss. Und auch die Transporter nicht vergessen.
baghira1 16.12.2018
3.
Es sollten die bestraft werden, die die Touren so konfigurieren, das die maximale Arbeitszeit ausgereizt wird, ohne das die Tätigkeiten, die nicht zum Fahren gehören. weggelassen werden. 11-15 Stunden Arbeitszeit sind gar nicht erlaubt. Im Straßenverkehr solch große Fahrzeuge zu bewegen, ist Streß genug, da muss Zeitstreß nicht sein.Sowas sorgt für Unfälle mit beträchtlichen Schaden und häufig auch Verletzte oder gar Tote.Da der Fahrer selbst bei Auffahrunfällen häufig verletzt oder getötet werden, sollte es auch in ihrem SInn sein, das kein Stress aufkommen darf.
karljosef 16.12.2018
4. Zusammengefasst:
Das Risiko trägt der Fahrer und diejenigen, die von einem Unfall durch Übermüdung betroffen wären, die Gewinne der Arbeitgeber? Oder glaubt jemand, dass zugegeben wird, dass der Arbeitnehmer zu zu langen Arbeitszeiten aufgefordert wurde?
jschneeee 16.12.2018
5. Kontrollverlust
Das Phänomen, dass zu wenig kontrolliert wird, ist in D auf allen Ebenen vorhanden: Der Mindestlohn wird überall durch unbezahlte Überstunden unterwandert, aber dem Zoll fehlt (angeblich) das Personal zur Kontrolle, die Grenzen werden kaum kontrolliert, Maximalarbeitszeiten in sicherheitsrelevanten Berufen werden nicht eingehalten, Geldwäsche wird nicht Einhalt geboten usw. usw. Diese Wischiwaschi-Larifari-Mentalität geht mir mittlerweile total auf den Geist. Was für eine Regierung, was für eine Gesellschaft
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