"Links gehen, rechts stehen" Bleiben Sie stehen, das geht schneller!

Wie quetscht man besonders viele Pendler auf eine Rolltreppe? In der U-Bahn von London läuft dazu ein Experiment. Die bisherigen Ergebnisse sind eindeutig.

U-Bahn-Station Angel in London (2012)
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U-Bahn-Station Angel in London (2012)

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Es geht hier um Mathematik. Nicht so sehr um die Menschen. Die Mathematik besagt: Wenn sich alle Pendler, die sich morgens durch die U-Bahn von London schieben, auf der Rolltreppe ganz eng aneinanderdrücken, kommen alle schneller hoch. Und die Rolltreppen können in derselben Zeit ein Drittel mehr Menschen transportieren.

Das sagt die Verkehrsgesellschaft Transport for London. Sie hat das sogar getestet. Im November, drei Wochen lang, in der Holborn Station. Die ist zu den Stoßzeiten immer besonders verstopft. Der Versuch ist offenbar nicht völlig gescheitert: Seit April läuft eine zweite Testphase, diesmal gleich für sechs Monate.

Die Menschen hadern allerdings mit der Mathematik. Denn wo bleibt die Höflichkeit? Und die Tradition? Auf britischen Rolltreppen herrscht kein Gewusel, kein Gedränge und Geschubse wie bei uns. In England gilt: Stand on the right, walk on the left.

"Wir stellen uns an. Wir essen nicht den letzten Keks. Und auf der Rolltreppe stehen wir rechts. Die linke Seite ist reserviert für Leute, die es eilig haben", empörte sich im Januar der "Guardian".

Die letzte Regel praktizieren die Briten so eisern, dass sich unten an der Rolltreppe zur Rush Hour manchmal Menschentrauben bilden. Und deshalb will Transport for London ihnen die Höflichkeit austreiben.

Wie? Das testet die Verkehrsgesellschaft gerade. Mit Verhaltensforschern der London School of Economics habe man verschiedene Hinweise, Lichtzeichen, Ansagen und andere Anleitungen entwickelt, die nun nach und nach zum Einsatz kommen. Darunter sind auch Wortspiele wie "take a stand", "put your foot down" und "united we stand".

Sie kommen bei den Pendlern so mittelgut an. Not amused sind die vor allem über das Hologramm einer Tube-Mitarbeiterin, die Songs wie "Stand By Me" und "I'm Still Standing" singt.

Nur gut, dass Transport of London genervten Pendlern, die es wirklich eilig haben und auf mathematische Formeln pfeifen, bei aller Experimentierfreude noch einen Ausweg lässt. Auf einer von drei Rolltreppen darf weiterhin gerannt werden. Aber nur links.

Welcome to the future #bravenewworld ����

Ein von Simon (@simonbenhaus) gepostetes Video am



insgesamt 93 Beiträge
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Seite 1
naklar261 16.06.2016
1. oh ...stimmt ja...
das hatte ich schon wieder vergessen. Das Verhalten von Deutschen auf Rolltreppen und beim Einsteigen in den Zug/Bus ist wirklich Hinterwaldlertum ... wobei es hier ja eigendlich um England geht. Wenn es funktionert okay...
hansgustor 16.06.2016
2. Sinnvoll
In Deutschland wird "Rechts stehen, links gehen" praktiziert mit dem Ergebnis dass oft nur die halbe Rolltreppe genutzt wird, weil nur wenige morgens um 7 Uhr die Treppe hochrennen wollen.
7eggert 16.06.2016
3.
Am Besten ist auch nach meiner Beobachtung: Wenn es vom Andrang her geht, rechts stehen und links gehen, wenn aber dafür zu viele Nichtgeher sind, dann ist das halt so, dann wird auf beiden Seiten gestanden und höchstens noch aufgeschlossen. Alles Weitere sind Detailoptimierungen. Wenn man z.B. der Einzige ist, der noch die linke Seite blockiert, ist es umsichtig, ein paar Schritte im Bedarfsfall zu gehen und so den Weg freizumachen. Ist der Weg ohnehin blockiert, erübrigt sich das.
uwe.toman 16.06.2016
4. Duchdacht - und ohne Profitstreben
Das ist doch mal eine kluge Maßnahme im Interesse aller. TfL agiert im Interesse der Londoner und ihrer Gäste ganz ohne das Ziel, Gewinn zu machen.
queisser 16.06.2016
5. Verordnung
Die EU sollte noch rechtzeitig eine Verordnung erlassen, die das gehen auf der linken Seite verbietet
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