Einkommen und Gehalt Wann wird's nicht mehr glücklicher?

Lottoberater, Armutsforscher, Insolvenzverwalter: Es sind Fragen, die solchen Menschen in ihren Jobs täglich begegnen: Macht Geld glücklich? Und wenn ja, wie viel?

DPA

Von und Franca Quecke


An diesem Samstag könnte es so weit sein: Sieben Millionen Euro sind im Lotto-Jackpot. Die Gewinnchance: 1:140 Millionen. Was man mit dem Geld alles machen könnte: den Job an den Nagel hängen, ein Wohnmobil kaufen und damit herumreisen - oder lieber eine Villa kaufen. Der Euro-Jackpot war am Freitag sogar mit 90 Millionen Euro bestückt, die Maximalsumme.

Geld aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn, der Neurotransmitter Dopamin wird ausgeschüttet. Anders als bei Schokolade oder Drogen wird einigen Forschern zufolge das Glückshormon sogar schon freigesetzt, wenn ein Betrag nur in Aussicht gestellt wird: Man freut sich, obwohl man das Geld noch nicht einmal in der Hand hält. Schon der Gedanke an den Lottogewinn kann also glücklich machen.

Und wenn man dann den Jackpot abräumt, lebt es sich dann glücklicher mit vielen Millionen in der Tasche? Oder reicht schon ein gutes Gehalt, um das viele Menschen immer wieder mit ihren Chefs verhandeln, fürs Wohlbefinden?

Wie viel Geld braucht ein Mensch für sein Glück? Und wie glücklich ist jemand, der viel hatte - und dann alles verliert?

Armut ist ein Leidensfaktor

969 Euro - wer monatlich weniger zur Verfügung hat, gilt in Deutschland als arm. Die magische Zahl ist kein absoluter Wert, sie errechnet sich aus dem durchschnittlichen Einkommen der Deutschen. "Relativ arm" sind demnach Menschen, bei denen Monat für Monat weniger als 60 Prozent dieses Durchschnittseinkommens auf dem Konto landen.

Seine Grundbedürfnisse kann ein relativ armer Mensch zwar befriedigen. "Hierzulande verhungern die Leute schließlich nicht an der Straßenecke wie in Ländern der Dritten oder Vierten Welt", sagt der Armutsforscher Christoph Butterwegge, der bereits mehrere Bücher zu dem Thema verfasst hat. Kleidung, Essen, Miete - alles drin. Aber glücklich? Sind diese Menschen meist nicht.

Am belastendsten ist laut Butterwegge die soziale Ausgrenzung aufgrund der Armut. "Wenn ein Jugendlicher im Winter Sommerkleidung trägt, weil er sich nichts anderes leisten kann - dann leidet er mehr unter dem Lachen seiner Mitschüler als unter der Kälte", sagt der Armutsforscher. Arme Menschen erkrankten häufiger an Depressionen und Abhängigkeiten wie einer Alkoholsucht.

Wer einmal unten ist, kommt selten wieder hoch. Das zeigen Studien, die auch belegen: Armut vererbt sich sogar über Generationen hinweg. Geld macht vielleicht nicht jeden glücklich - doch wer gar keins hat, leidet oftmals darunter.

Glücklicher wird's nicht

Forscher definieren Glück als subjektives Wohlbefinden: Das emotionale Wohlbefinden setzt sich mit positiven und negativen Gefühlen im Alltag auseinander, das kognitive bezieht sich auf die langfristige Lebenszufriedenheit. Zwar zeigt eine Studie zu Lottogewinnern, dass diese auch nach vielen Jahren im Schnitt glücklicher sind als die Lottoverlierer, aber andere Studien belegen auch: Glück steigt nicht unendlich mit höherem Einkommen.

Da zeigen zum Beispiel die Ergebnisse des Psychologen Andrew T. Jebb von der US-amerikanischen Purdue University: In einer Studie haben er und andere Forscher das jährliche Einkommen von 1,7 Millionen Menschen aus 164 Ländern und deren Lebenszufriedenheit und emotionales Wohlbefinden verglichen.

Sie ermittelten: Weltweit liegt die maximale Lebenszufriedenheit bei 95.000 Dollar, in Westeuropa bei 100.000 Dollar, also ungefähr 90.000 Euro - glücklicher wird es nicht. Denn ab einer gewissen Einkommensschwelle steigen auch die täglichen Anforderungen, freie Zeit für Familie oder Freunde bleibt kaum noch.

Zum Vergleich: Der Durchschnittsverdienst liegt in Deutschland bei 45.000 brutto - also ungefähr der Hälfte. Macht das den Durchschnittsbürger also zu einem unglücklicheren Menschen?

Ist Glück mit Geld messbar?

Karlheinz Ruckriegel, Ökonom mit Schwerpunkt Glücksforschung, hält nicht viel von solchen Zahlen: "Sie klammern aus, dass wir Glück zum großen Teil selbst in der Hand haben und dass es nicht zwangsläufig vom Einkommen abhängig ist - sondern von sozialen Beziehungen, Engagement und Gesundheit." Persönliches Wachstum, Hobbys oder eine erfüllende Arbeit würden langfristig zufriedener machen als ein schickes Auto, Schönheit und Popularität, sagt Ruckriegel.

Dem Wissenschaftler von der Technischen Hochschule Nürnberg zufolge liegt das zum einen daran, dass sich Menschen gerne vergleichen: "Auch wenn wir viel Geld haben - hat unser Nachbar mehr, nagt an uns die Unzufriedenheit." Zum anderen gewöhnt man sich schnell an Geld - und das stumpft ab: Wer zum Beispiel eine Gehaltserhöhung bekommt, bei dem nimmt Ruckriegel zufolge am Anfang die individuelle Zufriedenheit stark zu. Und nach einiger Zeit? Fühle es sich an, als habe man nie eine bekommen.

Ja, man brauche eine gewisse Mindestsumme an Geld, um Grundbedürfnisse abzudecken und an der Gesellschaft teilzuhaben, ist der Glücksforscher überzeugt. Aber die Annahme, mehr Geld führe am Ende zu mehr Zufriedenheit, sei trügerisch und falsch.

Wie viel Millionen machen glücklich?

Manchmal, hat Lutz Trabalski beobachtet, macht sich Glücklichsein an einer kleinen Portion Gänseleberpastete fest - statt Salami aus der Plastikverpackung. Seit 15 Jahren berät er Lottogewinner in Berlin, die mehr als 500.000 Euro abgesahnt haben. Sind die Menschen, denen er die guten Nachrichten überbringt, mit dem Geld glücklicher?

Da war zum Beispiel vor Jahren die Frau, die mit ihrem Lottogewinn, etwas über einer Million D-Mark, als Erstes in den Supermarkt gehen wollte. "Sie hat gesagt, dass sie sich von jetzt an nie wieder abgepackte Wurst kaufen wird - ihre Vorstellung von Luxus", erzählt Trabalski.

Blond gefärbte Haare, Mitte 40, eine Frau aus bescheidenen Verhältnissen, so beschreibt der Gewinnbetreuer die Frau, die ein schweres Schicksal erlitten habe: Ihr Kind sei beim Spielen im Hof verunglückt, von der Grundstücksmauer begraben worden - die Mutter habe alles hilflos mit ansehen müssen.

Als sie dann vor ihm saß, erinnert sich Trabalski, sei sie vor allem aufgeregt gewesen: "'Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich richtig Glück habe', hat sie gesagt. Sie hat sich darauf gefreut, wie die Million jetzt ihr Leben verändern werde." Ob es dann wirklich dazu kam, das wisse er nicht, sagt der Lottoberater.

Geld ist verführerisch - und macht leichtsinnig

Was er aus der Beobachtung anderer Gewinner mitgenommen hat: Reisen erlebe man einmal, dann seien sie wieder vorbei. Ein schnelles Auto sei vielleicht ein paar Wochen aufregend, dann gewöhne man sich daran. Aber den plötzlichen Reichtum in den Alltag zu integrieren, um langfristig glücklich zu sein - das sei die große Kunst, sagt Trabalski.

Insolvenzverwalter Christoph Niering hat Ähnliches beobachtet. Einmal Geld zu haben und die Möglichkeit, mehr zu bekommen - das ist verführerisch, kann aber auch schnell leichtsinnig machen. Denn egal wie groß ein Haus ist, wie schnell ein Auto fährt, wie teuer das Hobby ist: Nach oben hin gibt es kaum Grenzen.

Niering ist Vorsitzender des Berufsverbandes der Insolvenzverwalter Deutschlands. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er in dem Job, seitdem hat er über 2000 Insolvenzverfahren betreut. Er weiß: Wer fällt, der fällt tief. 1179 Euro, so viel Geld bleibt momentan jedem Menschen nach der Insolvenz. Diesen sogenannten Pfändungsfreibetrag darf kein Gläubiger antasten.

Da sei zum Beispiel der Chefarzt mit einem Jahreseinkommen von einer Million Euro gewesen, der für seine Klinik mit seinem eigenen Geld gebürgt habe. Als die Klinik insolvent wurde, sei der Chefarzt es auch gewesen, sagt Niering. Für jemand, der so weit oben stand, habe er das als tiefen Fall empfunden.

Bis ein Insolvenzverwalter beauftragt wird, stecken Schuldner in der Regel schon jahrelang in der finanziellen Schieflage, zu Hause sammeln sich die Briefe von Anwälten und Gerichten, wie Niering sagt. Viele verheimlichen demnach die Schieflage vor den Ehepartnern, bis es nicht mehr geht. Zahlungsunfähigkeit.

Einen Insolvenzantrag zu stellen, sagt Niering, könne allerdings viel Druck nehmen: "Das sind Menschen, die jahrelang auf einem Schuldenberg saßen und jetzt endlich neu anfangen wollen." Viele würden deshalb auch im Laufe des Insolvenzverfahrens große Erleichterung empfinden.

"Wenn man nach dem Scheitern erkennt, dass Freunde und enge Familienmitglieder geblieben sind - genau dort kann das Glücklichsein wieder anfangen", sagt Niering. Der insolvente Chefarzt, der vorher einen teuren Sportwagen fuhr, sei am Ende froh gewesen, dass sein Freund ihm einen Gebrauchtwagen zur Verfügung gestellt habe. "Die, die viel verloren haben, fangen früher oder später an, sich auf andere Werte zu besinnen."

Im Video: Albtraum Privatinsolvenz - Schuldenberg statt Eigenheim

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dasfred 24.08.2019
1. Alles ist relativ
Bei Umfragen hat man festgestellt, dass die meisten Menschen, unabhängig vom Einkommen, realistische Wünsche haben, die nur etwa fünfzehn Prozent über ihrem Einkommen liegen. Wird das Einkommen entsprechend erhöht, steigen auch die Wünsche weiter. Allerdings gibt es eine wichtige Erkenntnis. Wenn man ein Jobangebot hat, bei dem man mehr verdient, dafür aber länger zur Arbeit fährt, hat man sich nach kurzer Zeit an das höherer Einkommen gewöhnt, der Ärger über den längeren Arbeitsweg bleibt. Es ist von daher z.B. auch nicht zielführend, um mehr Pfleger zu bekommen, nur über das Gehalt zu reden. Damit lockt man noch Anfänger, aber um dauerhaft zufriedene Mitarbeiter zu bekommen, sind die Arbeitsbedingungen viel entscheidender. Im mittleren Einkommensbereich kann jeder sein Auskommen finden, lediglich ganz unten und ganz oben sollte ein Eingreifen für den Staat normal sein.
crazy_swayze 24.08.2019
2.
Bruttowerte beim Einkommen als Glücksschwellen zu definieren sind ein bisschen witzlos, gerade in Deutschland wird ja der Großteil vom Staat konfisziert. Wann man glücklich ist? Wenn man unabhängig ist, nicht auf einen bestimmten Job angewiesen, wenn man mal die Freiheit hat, die Arbeitszeit zu reduzieren um mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Sprich: Wenn man Eigentum hat. Eigentum, nicht Einkommen. Und dieses wird in Deutschland zunehmend schwieriger dank immer steigender Steuerbelastungen. Bitte also das Nettogehalt anschauen, und vor allem welches Vermögen da ist. Ich würde mit Eigenheim mit 1.000 Euro netto auskommen, als Mieter mit 1.800 Euro. Also nach der SPON Definition müsste der Mieter ohne Eigentum glücklicher sein. Ich bezweifle das mal.
RalfHenrichs 24.08.2019
3. Schon die Frage ist Unfug
Glück ist schon per Definition das Erlebnis eines Momentes oder eines relativ kurzen Augenblicks. Und natürlich ist ein Hartz IV-Empfänger, der sich gerade frisch verliebt hat, in der Regel glücklicher als der Multimilliardär inmitten eines Rosenkriegs. Es zählt halt nicht nur das Geld. Wichtiger wäre zufragen, wo die materielle Zufriedenheit liegt. Und das geht in dem Artikel ziemlich durcheinander.
sandnetzwerk 24.08.2019
4. Lange
nicht so einen Unfug gelesen. Welcher Banker hat diese Studie in Auftrag geheben? Demnach müssten 99% der lebenden Menschen todunglücklich sein. Das Gegenteil ist der Fall. Wer weniger hat ist oftmals glücklicher. Aber nur in den Ländern, deren Moral und Ethik sich nicht ausschließlich an Geld orientiert. Also weder in D noch im Westen allgemein. Die Deutschen sind eines der unzufriedensten Völker der Welt. Trotz Wohlstand. Woran es nur liegt.
verdad12 24.08.2019
5. Täglich
spürt derjenige Glücksgefühle so er genug Geld hat, nicht zuwenig aber auch nicht zuviel. Zur Glückseligkeit wird dieses Gefühl wenn er/sie auch noch mit etwas Geld immer wieder einen in Not geratenen Menschen helfen kann.
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