Gefeierte FT-Kolumnistin schmeißt Job Liebe Anwälte, Banker und Berater - werdet Lehrer!

Sie hatte Glamour, Geld und Freiheit: "Financial Times"-Kolumnistin Lucy Kellaway hat gekündigt, um Lehrerin zu werden. Jobs seien wie Partys, sagt sie. Man solle gehen, wenn es am schönsten ist.

Schulklasse
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Von manager-magazin.de-Redakteur Lukas Schürmann


Lucy Kellaways Kollege wollte es nicht glauben. "Habe ich das richtig verstanden", habe Gideon Rachman gefragt, als ihm Kellaway eröffnete, sie kündige bei der "Financial Times", um als Lehrerin zu arbeiten: "Du verlässt einen Job, in dem du gut bist, in dem du Geld, Anerkennung, Freiheit, Glamour und Flexibilität bekommst. Du tauschst ihn gegen etwas, das weniger gut bezahlt ist, schwierig, ohne Freiheit und Glamour, dafür sehr stressig, und du könntest furchtbar darin sein. Oder habe ich etwas übersehen?"

Ja, er habe etwas übersehen, findet Kellaway: Niemand könne ewig denselben Job machen. Seit über 20 Jahren schreibt sie eine vielbeachtete Management-Kolumne, der "Guardian" nennt sie "ein Juwel in der Krone der FT". Am Sonntag hat die 57-Jährige ihren Lesern nun ihren kommenden Abschied mitgeteilt: Ab September werde sie sich nur noch sporadisch in Zeitung und Internet zu Wort melden und sich stattdessen zur Lehrerin ausbilden lassen, um an einer Londoner Schule Mathematik zu unterrichten.

"Mit Jobs ist es genauso wie mit Partys", schreibt Kellaway in ihrer neuesten Kolumne, "man tut gut daran, sie zu verlassen, solange man noch Spaß hat." Sie könne sich den Abschied zudem leisten: "Meine Generation hat meist ihre Hypotheken abbezahlt; wir haben unsere Renten und können einen Gehaltsschnitt verkraften. Wir leben, bis wir 100 sind, und arbeiten in unsere Siebziger hinein. Wenn Leonard Cohen mit 80 noch Welttourneen machen konnte, kann ich sicherlich die Energie aufbringen, in einem Klassenzimmer zu stehen und Kinder in meinem Lieblingsfach zu unterrichten."

So erklärt Kellayway ihren nächsten Karriereschritt:

Nur noch sporadisch in der Zeitung

Dazu hat Kellaway Now Teach gegründet, eine Organisation, die Karrieremänner und -frauen zu Lehrern umschulen möchte. Zu den Unterstützern zählen Hochkaräter wie -Credit Suisse-Chef Tidjane Thiam und Bank-of-England-COO Charlotte Hogg. Die Ausbildung potenzieller Lehrerinnen und Lehrer erfolge in Zusammenarbeit mit der Wohltätigkeitsorganisation Ark. "Ich habe an einigen ihrer Kurse teilgenommen", schreibt Kellaway, "und habe gelernt, wie man steht, und wie man die Stimme einsetzt, damit Kinder gehorchen. Ich habe es vor dem Spiegel geübt: Ich habe mich fast selbst erschreckt."

Erste Gleichgesinnte haben Kellaway und ihre Mitgründerin bereits gefunden. Auf der Now-Teach-Website berichtet etwa Katie Roberts von ihrem Werdegang. Die heutige Vizedirektorin einer Schule in Derby hatte noch vor fünf Jahren als Beraterin ein sechsstelliges Jahresgehalt eingestrichen. Erfahrungen wie der Tod ihres Vaters hätten in ihr allerdings die Frage aufgeworfen, was sie wirklich mit ihrem Leben und ihrer Karriere anfangen wolle.

Sie habe sich deshalb bei Teach First ausbilden lassen, einer Organisation, die Uni-Absolventen vor ihren eigentlichen Jobs anbietet, eine Zeit lang als Lehrer zu arbeiten. "Wir wollen eine Version dessen anbieten, was Teach First seit Jahren auf eine brillante Art und Weise macht", schreibt denn auch Kellaway: "Die klügsten Absolventen davon überzeugen, dass Lehre etwas Cooles und Nobles ist, bevor sie zu McKinsey/PwC/Goldman trotten - nur eben andersherum."



insgesamt 24 Beiträge
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joe_ann 22.11.2016
1. Gute Idee
Wie ich finde. Lehrer werden gebraucht und ich denke, diese Leute können den Stoff oft viel besser vermitteln als Uni-Frischlinge. Aufgrund der Lebens- und Berufserfahrung kann man einen viel besseren Eindruck davon vermitteln, wozu man bei Mathematik z.B. diese ganzen, oft abstrakten Dinge, eigentlich braucht. In der Schule war mir nie klar, wozu man z.B.Kurvendiskussion braucht, jetzt im Fernstudium der Wirtschaftsinformatik gibt es interessante Anwendungsgebiete und es gab oft den Aha-Effekt.
hinschauen 22.11.2016
2.
Die einzige Voraussetzung dafür in Großbritannien: man muss sich entscheiden. Und ein bisschen schulen lassen. In Deutschland aber bräuchte es dafür noch ein Referendariat, natürlich mit dem richtigen Fächerzuschnitt abhängig vom Bundesland - und ein Alterslimit gibts wahrscheinlich auch.
Boesor 22.11.2016
3.
Zitat von hinschauenDie einzige Voraussetzung dafür in Großbritannien: man muss sich entscheiden. Und ein bisschen schulen lassen. In Deutschland aber bräuchte es dafür noch ein Referendariat, natürlich mit dem richtigen Fächerzuschnitt abhängig vom Bundesland - und ein Alterslimit gibts wahrscheinlich auch.
Man muss sich, je nach Bundesland, das Studium anerkennen lassen, sofern es eben kein Lehramtsstudium war. Und natürlich braucht man noch ein Referendariat. Das sollte sich allerdings mal verbessern.
bidebotchi 22.11.2016
4. Schön
aber in Deutschland dank übertheoretisiertem, viel zu langen Umschulungs- oder Ausbildungsprozessen extrem unattraktiv. Gilt für alle Bereiche.
brehn 22.11.2016
5. naja
Schön und gut, auch in Deutschland kann man als Quereinsteiger in den Lehrerberuf wechseln. In Berlin aber, muss man (soweit ich weiß) um beispielsweise Elektrotechnik unterrichten zu dürfen, auch "Elektrotechnik" studiert haben, was doch etwas übertrieben ist. In nahezu jedem Ingenieursstudium kommen diese bewussten Fächer (E-Technik, Mathematik, Physik) ebenso vor, und zwar auf einem Niveau welches weit, weit über dem der Berufsschulen/Gymnasien liegt. Zusätzlich käme dann im Falle des Quereinstiegs noch eine pädagogische Ausbildung dazu, wobei ich an deren Sinn zweifle, wenn ich mich so an manche Lehrer erinnere und an deren Strukturierung des Unterrichts. Jedes Jahr die gleichen Arbeitsblätter kopieren und austeilen kann ich auch als Ingenieur..... Falls ich da was falsch verstanden habe lasse ich mich gerne korrigieren....
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