Großbrand in Lübtheen "Die Gefahr ist noch nicht vorbei"

Helmut Beuke ist als stellvertretender Leiter eines Forstamts Spezialist für Waldbrände. Seiner Einschätzung nach ist das Feuer in Lübtheen weiter außer Kontrolle. Auch sonst sorgt er sich um den deutschen Wald.

Ein Hubschrauber wirft Löschwasser über dem Großfeuer bei Lübtheen ab
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Ein Hubschrauber wirft Löschwasser über dem Großfeuer bei Lübtheen ab

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Beuke, der Großbrand in Lübtheen ist vorerst unter Kontrolle, sagt der zuständige Landrat. Ist die Waldbrandgefahr damit gebannt?

Helmut Beuke: Nach wie vor brennt es in Lübtheen auf etwa 1000 Hektar, riesige Flächen sind da am Qualmen. Ich habe mir gerade noch mal Bilder der beiden Kameras angeschaut, mit denen wir den Brandherd im Auge behalten können. Unter Kontrolle würde ich das nicht nennen.

Zur Person
  • Privat
    Helmut Beuke, 62, ist stellvertretender Leiter des Forstamts Oerrel in Niedersachsen. Mit seinem Team kontrolliert er eine Fläche von 10.000 Quadratkilometern und hat dafür ein Frühwarnsystem für Waldbrände eingeführt.

SPIEGEL ONLINE: Es besteht also auch weiterhin die Gefahr, dass sich die Brände wieder ausbreiten?

Beuke: Ja, auf jeden Fall. Es wurden zwar inzwischen Zufahrtsschneisen gelegt, sodass die Einsatzfahrzeuge auch an die Flammen herankommen. Aber wir haben weiterhin starke Winde, die Gefahr ist noch nicht vorbei.

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SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sind für ein großes Waldgebiet im Nordosten Niedersachsens zuständig, das direkt an die Brandstelle grenzt. Was tun Sie dort, um Brände zu verhindern?

Beuke: Wir können Brände nicht verhindern. Wenn die Waldbrandgefahr hoch ist, wird es immer wieder brennen. Das Wichtige ist, sie frühzeitig zu erkennen und dann so schnell wie möglich einzugreifen. Denn diese Entstehungsbrände lassen sich relativ leicht löschen. Wenn sich der Brand erst mal zu einem Großfeuer ausgebreitet hat, wie jetzt in Lübtheen, wird man ihn mit einfachen Methoden nicht mehr auskriegen.

SPIEGEL ONLINE: Wie erkennen Sie einen Brand, bevor es zu spät ist?

Beuke: Wir haben hier in allen Landkreisen mit erhöhter Waldbrandgefahr ein Kamerasystem installiert, damit kontrollieren wir 10.000 Quadratkilometer Fläche. Wir waren auch unter den Ersten, die den Brand in Lübtheen von zwei Kamerastandorten aus entdeckt haben. Beide Sensoren sind etwa dreißig Kilometer Luftlinie von den Brandherden entfernt. Unsere Kameras unterscheiden Graustufen wie beispielsweise eine Rauchsäule in der Landschaft. Wenn sich hier etwas verändert, wird automatisch eine Meldung in unsere Überwachungszentrale in Lüneburg abgesetzt. Dort überprüfen dann Mitarbeiter diese Warnungen und alarmieren die nächstgelegene Feuerwehreinsatzleitstelle, wenn es sich tatsächlich um einen Brand handelt.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft kommt das vor?

Beuke: Im Durchschnitt alarmieren wir 129 Mal im Jahr die Einsatzleitstelle. Das letzte Jahr war aber extrem trocken, 2018 haben wir 510 Brände gemeldet. Dieses Jahr mussten wir bereits 157 Mal den Notruf wählen, also schon jetzt deutlich mehr als sonst in einem gesamten normalen Jahr.

SPIEGEL ONLINE: Dabei ist erst Anfang Juli.

Beuke: Dieses Jahr ist mindestens genauso gefährlich, wenn nicht sogar gefährlicher als das vergangene. Als wir letztes Jahr in die Waldbrandsaison gestartet sind, waren die Böden wassergesättigt. Dann sind über den Sommer alle Wasserreserven aufgebraucht worden, und auch der Winter hat keine nennenswerten Niederschläge gebracht. Wir sind also bereits mit ausgetrockneten Böden ins Jahr 2019 gegangen. Und der Hochsommer mit dem kritischen Monat August steht uns noch bevor. Da ist dann die Vegetation im Wald und auf den Feldern komplett ausgetrocknet und es wird richtig gefährlich.

SPIEGEL ONLINE: Da hilft nur Regen?

Beuke: Ja, den brauchen wir unbedingt. Nicht nur, um Waldbrände zu verhindern. Unsere Pflanzen dursten jetzt seit fast eineinhalb Jahren. Den Waldbäumen geht es richtig schlecht. Nicht weit entfernt von uns, im Harz, sterben momentan großflächig alte Buchenbestände ab, einfach, weil ihnen das Wasser fehlt. Der Borkenkäfer befällt bei diesen Bedingungen außerdem große Bestände von Fichten und tötet sie. Eigentlich können die Bäume sich gegen diese Schädlinge wehren, indem sie Harz produzieren. Aber ihre Vitalität ist durch den Wassermangel so weit heruntergesetzt, dass dieser natürliche Abwehrmechanismus nicht mehr funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die häufigsten Auslöser für einen Waldbrand?

Beuke: Die größte Gefahr ist nach wie vor der Mensch. Weggeschnippte Zigaretten, Grillen am Waldrand, ein Lagerfeuer. Ist zwar alles streng verboten, wird aber trotzdem gemacht. Es gibt auch natürliche Ursachen für Waldbrände, ein Blitzschlag etwa. Und es gibt die Brandstifter.

SPIEGEL ONLINE: Auch im Fall von Lübtheen gehen Ermittler inzwischen von Brandstiftung aus.

Beuke: Das ist ein furchtbarer Gedanke. Als Förster ist man ja auch emotional eng mit seinem Wald verbunden. Wenn man mitbekommt, dass sensationslüsterne Mitmenschen so einen Brand legen, da fehlen mir einfach die Worte. Im letzten Jahr hatten wir hier in der Region gleich drei Fälle von Brandstiftung.

SPIEGEL ONLINE: Und woran erkennen Sie, dass es sich um Brandstiftung handelt?

Beuke: Wenn nachts in Serie plötzlich mehrere Feuer auflodern, am besten zwischen zehn Uhr abends und Mitternacht - das ist verdächtig. Um diese Uhrzeit fängt es nämlich nicht von selbst an zu brennen, weil durch Taubildung einfach zu viel Wasser in den Waldflächen ist. Da ahnen wir dann schon, das war mit hoher Wahrscheinlichkeit Brandstiftung. Natürlich ausgelöste Brände gibt es eigentlich nur tagsüber zwischen zehn Uhr morgens und sieben Uhr abends.

SPIEGEL ONLINE: Gab es in Ihrem Wald auch schon mal ein Großfeuer?

Beuke: Nein, das musste ich noch nicht erleben. Wir können durch unser Überwachungssystem sehr schnell reagieren und haben eine sehr gut ausgebildete, motivierte Freiwillige Feuerwehr vor Ort. Aber ich möchte betonen, dass wir auch viel Glück gehabt haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird es den Wald langfristig verändern, wenn es durch den Klimawandel häufiger zu Hitzeperioden kommt?

Beuke: Es wird dem Wald nicht guttun, so viel ist sicher. Wir versuchen schon jetzt durch Waldumbaumaßnahmen darauf zu reagieren. Hier in der Lüneburger Heide wachsen zurzeit viele Fichten und Kiefern. Die Kiefer wird auch weiterhin ein wichtiger Baum bleiben, weil sie wenig Wasser braucht. Auf neuen Flächen setzen wir je nach Standort auf Mischbestände - in der Lüneburger Heide mit häufig sandigen, trockenen Böden zum Beispiel aus Buchen und Douglasien, die mit diesen Bedingungen relativ gut zurechtkommen. Wir hoffen, dass der Wald so schwierige Situationen besser abpuffern kann. Was wir aber auch in Zukunft nicht abfedern können, sind extreme Hitzeperioden, wie wir sie in den letzten Jahren erleben.



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