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Johanna Basford: Ich mal dir ein Malbuch

Foto: Hayley Fraser

Malbücher für Erwachsene "Männer mögen eher den Tattoo-Stil"

Sie ist eine Bestsellerautorin - und schreibt gar nicht. Tapetendesignerin Johanna Basford hat mehr als 15 Millionen Bücher verkauft, zum Ausmalen. Sogar von Bankern bekomme sie Fanbriefe, sagt sie.
Von Steve Przybilla
Zur Person

Johanna Basford (Jahrgang 1983) wurde in Aberdeen geboren. Nach dem Textildesign-Studium entwarf sie als freiberufliche Designerin zunächst Tapetenmuster und Flaschenetiketten. 2011 nahm sie den ersten Auftrag für ein Malbuch an - unter der Bedingung, dass es sich an Erwachsene richtet. Inzwischen ist ihr drittes Werk erschienen. Basford lebt im schottischen Aberdeenshire in einem umgebauten Bauernhof.

Foto: Steve Przybilla

KarriereSPIEGEL: Frau Basford, in zwei Jahren haben Sie mehr als 15 Millionen Bücher verkauft - dabei steht dort kein einziges Wort drin. Wie bringen Sie erwachsene Menschen dazu, Malbücher zu kaufen?

Basford: Malen ist eine tolle Möglichkeit sich auszudrücken, ohne Stress und Selbstzweifel. Wir verbringen heute so viel Zeit damit, uns Sorgen zu machen. Da ist es auch für Erwachsene wichtig, hin und wieder abzuschalten. Ich bekomme regelmäßig E-Mails, in denen mir Studenten oder auch Banker erzählen, wie ihnen das Malen beim Runterkommen hilft.

KarriereSPIEGEL: Ein Banker mit Malbuch, das kann ich mir jetzt schwer vorstellen...

Basford: Das machen erstaunlich viele Männer! Das Schöne an Kreativität ist, dass sie in uns allen schlummert. Da gibt es keine spezielle Zielgruppe. Jeder kann das Handy zur Seite legen, um zu entspannen und sich selbst zu verwirklichen. Einen kleinen Unterschied gibt es aber schon: Männer bevorzugen dunklere Bilder, sie mögen eher den Tattoo-Stil.

KarriereSPIEGEL: Und das unterscheidet Ihre Malbücher von herkömmlichen für Kinder?

Basford: Das Prinzip ist dasselbe, aber Kindermalbücher sind recht simpel aufgebaut, weil bei Kindern die Hand-Augen-Koordination noch nicht so gut ausgeprägt ist. Die Vorlagen für Erwachsene sind deutlich anspruchsvoller, komplexer. Daraus entstehen richtige Kunstwerke.

KarriereSPIEGEL: Also sind nicht Sie die Künstlerin, sondern Ihre Kunden?

Basford: Wenn ein Malbuch von mir im Buchladen steht, ist es nur halb fertig. Das Papier ist da, die Entwürfe sind drin, aber was am Ende daraus gemacht wird, entscheidet jeder selbst. Manche nehmen sich Wochen Zeit, um ein Bild auszumalen. Andere sind nach zehn Minuten fertig.

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Malversuch: Komm, kleiner Käfer

Foto: Knesebeck

KarriereSPIEGEL: Wie lange brauchen Sie denn für eine Buchseite?

Basford: Zwischen einem und drei Tagen. Zuerst zeichne ich alle Vorlagen mit Bleistift. Erst später, wenn alles stimmt, kommt die Tinte. Manchmal schreibe ich mir beim Zeichnen auch Notizen, zum Beispiel: "Dieses Muster unten noch mal wiederholen." Anders als ein Schriftsteller muss ich nicht ein Kapitel nach dem anderen fertigstellen. Ich habe zwar eine grobe Idee, was am Ende auf dem Papier zu sehen sein soll, aber die Feinheiten passieren ganz spontan. Wenn mir die Ideen ausgehen, kann ich einen Entwurf auch mal zur Seite legen und mich der nächsten Seite widmen.

KarriereSPIEGEL: Und was zeichnen Sie am liebsten?

Basford: Ich zeichne gerne Hybriden, eine Mischung aus Realität und Fantasie. Als Kind habe ich viel Zeit auf Forschungsschiffen verbracht, weil meine Eltern Meeresbiologen waren. Die maritimen Enzyklopädien finde ich heute noch spannend. Diese ganzen Bilder von Fischen und Meerestieren, das inspiriert mich total.

KarriereSPIEGEL: Sie haben Textildesign studiert. Wie kamen Sie auf die Idee, Malbücher zu zeichnen?

Basford: Nach dem Studium habe ich als Designerin zunächst Tapetenmuster entworfen. Das Geschäft lief gut - bis sich nach der Finanzkrise niemand mehr handgemachte Tapeten leisten konnte. Und ein Malbuch wollte ich schon immer mal ausprobieren. Mein erstes Buch ist 2013 erschienen, mit einer Auflage von 16.000 Stück. Ich war supernervös und befürchtete, meine Mutter müsse sie alle aufkaufen. Dann kamen die ersten Nachdrucke, und im Oktober 2014 hatten sich schon 200.000 Bücher verkauft. Noch mal drei Monate später, zu Weihnachten, haben wir die Million geknackt. Das war schon verrückt.

KarriereSPIEGEL: Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Basford: Ich arbeite von zu Hause aus. Ich wohne in einem umgebauten Bauernhof und habe dort ein kleines, lichtdurchflutetes Atelier. Jeden Tag stehe ich um halb sechs auf…

KarriereSPIEGEL: Halb sechs? Das klingt nicht nach einem angenehmen Künstlerleben.

Basford: Ich habe eine 16 Monate alte Tochter. Da muss ich morgens erst mal die mütterlichen Pflichten erfüllen. Um acht Uhr fange ich mit der Arbeit an. Ich setze mich mit einer Tasse Tee an den Computer und kümmere mich um E-Mails, Anfragen, Kommentare. So verbringe ich den ersten Teil des Tages. Danach schalte ich den PC aus und arbeite nur noch analog, also mit dem Zeichenblock. Das ist meine Leidenschaft, und ich habe das große Glück, dass ich davon leben kann. Solange das so bleibt, werde ich weitermachen. Am nächsten Buch bin ich schon dran.

KarriereSPIEGEL: Unterscheiden sich Ihre Malbücher von Land zu Land?

Basford: Es gibt minimale Unterschiede, zum Beispiel bei der Papiersorte. Die Motive an sich sind universell. Je stressiger unser Leben wird, desto stärker wächst das Bedürfnis nach Entspannung. In China haben wir drei Millionen Bücher in drei Monaten verkauft - was einfach daran liegt, dass in Asien mehr Menschen leben als in Europa.

Foto: Iris Rothe

Das Interview führte Steve Przybilla (Jahrgang 1985). Er ist freier Journalist und lebt in Freiburg im Breisgau.

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