SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

21. April 2018, 12:21 Uhr

Management trifft Mensch

Der Undercover-Manager

Eine Kolumne von

Wer in einem Unternehmen Karriere machen will, braucht Informationen. Unser Coach verrät, wie man am besten an sie rankommt und welche Rolle Geheimdienste dabei spielen.

Der Frühling ist die Zeit der forecasts, der Prognosen darüber, wie sich das Jahr entwickeln wird - business-wise. Alle Führungskräfte mit Profit&Loss-Verantwortung aus Viktors Unternehmen sind dazu aufgerufen, der Geschäftsleitung konkrete Umsatzziele zu nennen - und diese zu erreichen oder zu übertreffen. In seinem Unternehmen, einem überregional tätigen Anbieter für Reinigung und Facility-Management, ist Viktor zuständig für "West", die umsatzstärkste Region. Entsprechend gebannt warten die anderen Bereichsleiter auf seine Zahlen, um sich daran zu orientieren.

In der Firma existieren zwei Denkschulen darüber, wie man die Jahresprognose abgeben sollte: Die "Fraktion Breitbeinig" prahlt mit hohen forecasts, die der Geschäftsleitung Juchzer der Begeisterung entlocken - meist aber im Laufe des Jahres wieder kleinlaut nach unten korrigiert werden müssen. Was der Fraktion nicht unbedingt zum Nachteil gereicht: In den Köpfen hat sich dann längst der Eindruck zupackender Macher festgesetzt. Kleinere Korrekturen im Jahresverlauf lassen sich leicht als Konsequenz eines launischen Schicksals in Gestalt der Globalökonomie wegargumentieren.

Viktor ist aber immer Anhänger der gegensätzlichen Denkschule gewesen. Schon sein erster Chef hatte ihm vor 20 Jahren zugeraunt: "Immer zehn Prozent weniger prognostizieren, als Du sicher schaffst - dann übertriffst Du Deine Ziele und kassierst einen ordentlichen Bonus." Das war Viktor zwar über viele Jahre gelungen - doch der Effekt nutzte sich ab. Verwöhnt durch seine Erfolge der Vergangenheit, addierte die Geschäftsführung beinahe schon automatisch zwanzig Prozent auf seine Ziele drauf - und war verstimmt, wenn er "nur" zehn Prozent mehr schaffte.

Buddy-Geplauder auf der Herrentoilette

Beide Strategien haben also eklatante Schwächen. Erschwerend kommt in diesem Jahr dazu: Der neue Vorsitzende der Geschäftsführung, Dr. Knall, gilt als harter Hund, der ehrgeizige Ziele schätzt und unangenehm werden kann, wenn Versprochenes nicht geliefert wird. Viktor steht nun also vor einem Dilemma. Wie soll er sich verhalten?

Viktor hat bereits gesamtvolkswirtschaftlicher Prognosen großer Investmentbanken gelesen, sich aufwändige Computersimulationen angeschaut und sogar eine Wahrsagerin im Bahnhofsviertel konsultiert.

Alles ohne Erfolg. Dann stieß er in einer Zeitung auf einen Artikel über Geheimdienste, in dem ein hochrangiger Sicherheitsmensch geraunt hatte, dass trotz Drohnen, Spähprogrammen und umfassender Abhörtechnik die menschlichen Quellen immer noch die zuverlässigsten Informationen lieferten.

Plötzlich fällt es Viktor wie Schuppen von den Augen; jetzt weiß er, was zu tun ist. Er besorgt sich einen Becher Cappuccino und lungert einen Vormittag lang vor Dr. Knalls Büro herum. Als dieser sein Zimmer verlässt, rempelt Viktor ihn "versehentlich" an, verteilt den Cappuccino großzügig auf Dr. Knalls Anzug und verwickelt ihn in ein vertrauliches Gespräch.

Er fragt ihn, wie er sich in der company eingelebt habe. Wie er als Mann mit dem besten Überblick die Situation der Firma einschätze. Wie es weitergehen werde. Zwanzig Minuten Buddy-Geplauder auf der Herrentoilette, an deren Ende der Anzug wieder sauber ist und Viktor ziemlich konkret weiß, was Dr. Knall ökonomisch von seinen Mitarbeitern erwartet.

Der Plan geht auf

Derart munitioniert, schreibt Viktor seine Prognose in einer Viertelstunde runter und mailt sie ans Chefbüro. Drei Minuten später antwortet Dr. Knall persönlich: Während alle anderen Bereichsleiter entweder zu zaudernde oder übertriebene Prognosen abgegeben hätten, sei er, Viktor, offenbar der Einzige mit einem realistischen Blick auf die gesamtwirtschaftliche Situation und einer wirklich belastbaren Prognose. "Glückwunsch - und nochmal Danke für die unorthodoxe Anzug-Restauration. Zwinkersmiley."

Viktor grinst. Sein Plan ist aufgegangen. Ob seine Prognose jetzt tatsächlich eintritt, ist nur noch zweitrangig. Denn mit dieser Mail wird aus seiner Prognose de facto die von Dr. Knall. Selbst wenn die Ziele nicht erreicht werden sollten, wird das auf ihn mindestens genauso zurückfallen wie auf Viktor.

Wie der Geheimdienstmann schon sagt: Informationen sind gut und schön. Aber am Ende zählt im Nachrichtendienst nur eines: wer wen in der Hand hat.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung