Management trifft Mensch Warum so oft die Guten gehen

Manchmal ist Talentmanagement wie eine Sitcom: Die Guten steigen aus, der Rest der Truppe spielt weiter. Dabei kann es ganz einfach sein, gute Mitarbeiter zu halten, die eigentlich gehen wollen.

Einer geht, die anderen bleiben
obs/ ifm electronic gmbh

Einer geht, die anderen bleiben

Eine Kolumne von


Neulich bekam es Britta mit einer unschönen Kombination aus Geschlechterkampf, Familienplanung und Talent Management zu tun. Als Chefin eines mittelgroßen Unternehmens in der Mitte Deutschlands, Gastronomiebranche, sollte sie derlei eigentlich inzwischen gewohnt sein. Zählt doch das Aufbauen und Fördern von Talenten im Unternehmen zu den vornehmsten Pflichten von Chef und Chefin. Doch dieses Mal traf es Britta besonders hart, denn es ging um Charlotte, ausgerechnet.

Charlotte ist eine tolle Mitarbeiterin, schnell im Kopf, stark im Vertrieb, kommt super beim Kunden an. Ohne sie, das hatte Britta öfter halb im Scherz gesagt, liefe der Laden nur halb so gut. Wie viel Wahrheit in ihrer Bemerkung steckte, merkte Britta, als Charlotte erst schwanger wurde, dann ihr Kind bekam und ein halbes Jahr Elternzeit nahm. Kein Problem so weit, rief sich Britta selbst zur Ordnung. Das halbe Jahr lässt sich leicht überbrücken, also: get over it, Geschäftsführerin!

Tatsächlich verging das halbe Jahr ohne größere betriebswirtschaftliche Blessuren, doch Britta war heilfroh, als sich endlich ein Ende abzeichnete. Umso mehr, als Charlottes Abwesenheit ihr tagtäglich mit schmerzhafter Intensität Ralfs Anwesenheit vor Augen geführt hatte. Ralf: auch im Vertrieb und der wandelnde Beweis, dass Performance Management auch viel heiße Luft sein kann. Verpennt Termine, erreicht Ziele nicht, ignoriert Kundenbedürfnisse wie ein gestresster Kellner den hektisch winkenden Gast. Außer dass Ralf nicht gestresst ist, niemals. Trotz offensichtlich mangelnder Leistung ist er kaum loszuwerden. Denn: Er ist schon sehr lange da. Eine Kündigung wäre viel zu teuer.

Talentmanagement, das wurde Britta in diesem halben Jahr bewusst, ist bisweilen wie eine Sitcom: Die Guten steigen irgendwann aus, und übrig bleiben die ohne tragende Rolle. Wie Unternehmen ihre Talente halten und fördern können, damit beschäftigt sich längst ein ganzer Zweig innerhalb von Human Resources, das "Retention Management". Das US-Magazin "Forbes" hat "Retention Management" kürzlich zur größten HR-Herausforderung 2017 gekürt. Talentgewinnung und Führungskräfteentwicklung stehen schon seit Jahren in den Top-Themen-Listen deutscher Personaler ganz weit oben. Kein Wunder: Wenn Fachkräfte knapp werden, ist es klüger (und billiger), die guten zu halten, die man schon hat - anstatt umständlich und mit viel Geld neue zu suchen.

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Britta googelte sich noch durch viele weitere Beiträge, fand aber wenig Überraschendes: Wichtig ist, die Gründe für den Weggang des Mitarbeiters zu verstehen. Sodann ihn mit einer Mischung aus harten (Gehaltserhöhung, Dienstwagen, Firmenbeteiligung) und weichen Faktoren (Wertschätzung, konstruktives Feedback, allgemeines Betriebsklima) zum Bleiben zu bewegen. Sehr schön, nur: All das half Britta wenig.

Denn nach dem halben Jahr wollte Charlotte ohnehin zurückkommen. Allerdings in Teilzeit. Wahrhaftig alles andere als eine unverschämte Forderung, doch für Britta ein großes Problem: Die Abläufe in der Firma passten nicht dazu, häufige Abendtermine beim Kunden sprachen dagegen, ein neues Arbeitsmodell würde den Neid der Kollegen wecken.

Nach einigem Hin und Her wollte Charlotte entnervt hinwerfen und kündigen. Britta hätte eine Schlüsselmitarbeiterin verloren und im Gegenzug lediglich die Erkenntnis bestätigt bekommen, dass es meist die Besten sind, die gehen. Und oft die Flaschen, die bleiben. Huch, Tippfehler: die Falschen, die bleiben.

Britta rang sich schließlich durch, die Firmenstrukturen und Arbeitsprozesse für Teilzeitmodelle zu optimieren. Sie beförderte Charlotte kurzerhand und verdientermaßen zur Vertriebsleiterin - mit frei einteilbarer Arbeitszeit. Und sich selbst gönnte Britta auch was: Mehr Abstand zu Ralf. Denn den steckte sie in Charlottes Team.

Zwar bleiben oft die Falschen. Aber manchmal eben auch die Guten.



insgesamt 45 Beiträge
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nimby 03.04.2017
1. Tägliches Geschäft
in mittelständischen Unternehmen.Es scheint ja sogar schwierig gute Azubis zu halten. Die Führungskräfte sehen das als natürliche Fluktuation gottgegeben und nehmen es lieber in Kauf, das die Mitarbeiter ständig neue Kollegen einarbeiten müssen. Jeder ist ersetzbar aber manche eben schwerer!
tullrich 03.04.2017
2.
Ich habe jetzt einen neuen Kollegen. Der war 15 Jahre in seiner Firma und ist jetzt (befristet!) zum Gottseibeiuns (=Nicht-Tesla) gewechselt. Der Chef wollte ihm einen Euro mehr geben, das erste Mal seit fast diesen 15 Jahren. Manchmal ist Mitarbeiter halten leicht - wenn man regelmäßig etwas tut. Wenn nicht, wird es eben teuer.
Newspeak 03.04.2017
3. ...
"Sie beförderte Charlotte kurzerhand und verdientermaßen zur Vertriebsleiterin - mit frei einteilbarer Arbeitszeit. Und sich selbst gönnte Britta auch was: Mehr Abstand zu Ralf. Denn den steckte sie in Charlottes Team." Die Chefin halst also den Underperformer der ach-so-wichtigen Angestellten auf. Na besonders viel Wertschaetzung kann man da nicht erkennen.
dipl.inge83 03.04.2017
4. Ich behaupte mal
das bei dem Thema auch sehr viel Subjektivität mitspielt. Ich hab unglaublich oft erlebt wie Leute verheizt wurden als gäbe es sie an jeder Ecke im Zehnerpack, kein Hahn krähte danach. Wertschätzung? Anerkennung? Später. Vielleicht. Als irgendwann die Kündigung auf dem Tisch lag waren sie über Nacht Highperformer, die nun leider leider weiter ziehen wollen und der Katzenjammer groß. In erster Linie weil man sich nun um das ein oder andere Problem vorerst wieder selbst kümmern muss.
Evere2013 03.04.2017
5. Normalität
Das beschriebene Verhalten von Mitarbeitern ist eine typische Situation in einer Firma oder Behörde, wenn die oberen Führungsetage mit Unfähigen oder Unwilligen besetzt ist. Dann wird nur ausgepresst und zum Schluss wird jeder kleine Fehler zum Verhängnis.
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