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Altenheim für Adlige: Schwimmstunde im Springbrunnen

Foto: Rolf Vennenbernd/ dpa

Kurator im Altenheim für Adlige Der Manager der alten Mädels

Was ist stressiger als die Arbeit in einem Altenheim? Die Arbeit in einem Altenheim für Adlige. Jörg Deselaers kümmert sich in einem Schloss bei Köln um Baroninnen und Prinzessinnen. Und wacht streng über die Aufnahmekriterien: adlig, weiblich, katholisch - und arm.

Vorsichtig hält Gräfin Annemarie Beissel von Gymnich, 79, ein Thermometer in den Springbrunnen. Zehn Grad zeigt es an. Wollen sie und ihre Freundin Gräfin Ina von Schaesberg, 87, da jetzt wirklich reinsteigen? "Ja, natürlich, wir steigen rein. Springen tun wir nicht, dazu ist es zu flach." Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, gleiten die Damen ins Wasser. "Echt angenehm", versichert Gräfin Beissel. Sie hat einen leichten holländischen Akzent: Die Tochter eines Teebarons wurde noch zu Zeiten von Niederländisch-Indien auf Bali geboren.

Es gibt viele exotische Biografien im Altenheim für Adelige auf Schloss Ehreshoven bei Köln. "Manchmal fühlt man sich hier wie in einem Mädcheninternat", sagt Jörg Deselaers. Er ist der Manager des Schlosses, oder wie man hier sagt: der Kurator.

Das Damenstift, wie sich das Heim offiziell nennt, geht zurück auf die letzte Eigentümerin des Schlosses, Marie-Elisabeth Gräfin von Nesselrode. Sie vermachte das Anwesen 1920 der Rheinischen Ritterschaft, einem Zusammenschluss rheinischer Adeliger, mit der Auflage, hier einen Alterssitz für "bedürftige, katholische, adlige Fräuleins" einzurichten.

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Seither wohnen auf dem Schloss Gräfinnen, Baroninnen und sogar eine Prinzessin. Männer sind nicht zugelassen, nur Damen. Deselaers nennt sie "Mädels". Die Atmosphäre ist familiär, alle sind schließlich irgendwie miteinander verwandt, wobei auch Konflikte mit familiärer Offenheit ausgetragen werden. Die meisten haben einen Spitznamen. So wird Adelheid Gräfin von Galen nur "Ali" genannt, Prinzessin Schönaich ist "Fif", Irmgard von Warburg wird "Motsch" gerufen und Anna-Maria von Thaden "Marandel".

Das Damenstift finanziert sich traditionell aus der Fortwirtschaft, doch das Geld reicht schon lange nicht mehr. Deselaers musste neue Einnahmequellen erschließen. Für Hochzeiten oder Geburtstagsfeiern vermietet er das Trauzimmer oder den Spiegelsaal, für Firmenpräsentationen den Ahnensaal oder den Roten Salon. Einer der Damen wird gerade der Verdauungsspaziergang im Garten verwehrt, weil dort das Filmteam von "Verbotene Liebe" dreht: Seit vielen Jahren firmiert Ehreshoven in der ARD-Serie als Schloss Königsbrunn.

Von der Schlossbesitzerin zur Untermieterin

Mit großer Selbstverständlichkeit bewegen sich Fif, Motsch, Marandel und die anderen zwischen jahrhundertealten Möbeln, Gemälden und Waffen. Von den Wänden schauen ihre Ahnen auf sie herab, Edelleute von europäischem Rang, die einst mit Königinnen, Großfürsten und Zaren verkehrten.

Gabriele Gräfin von Deym ist vergesslich geworden mit ihren 89 Jahren, aber sie kann sich noch genau an die Weihnachtsabende auf dem schlesischen Märchenschloss Koppitz erinnern. Die Lichterflut, der Duft angesengter Tannenzweige. "Erst bekamen die Hausangestellten ihre Geschenke, und dann durften wir zu den Tischen." Auf der Kommode steht noch ein Jugendfoto von ihr, sie muss da ungefähr 16 gewesen sein. Eine hauchzarte Frau im Abendkleid. "Das war kornblumenblau."

Auch Marie-Aluisie Prinzessin von Schönaich-Carolath, 85, muss einmal sehr reich gewesen sein. Ihr Großvater hatte zehn Schlösser. Sechs wurden enteignet, vier zerstört. "Ich bin dreisprachig aufgewachsen. Mit den Eltern haben wir Deutsch gesprochen, mit den Hausangestellten Tschechisch, und mit meiner Gouvernante habe ich natürlich auf Französisch parliert." Die Vertreibung 1945 aus Böhmen erschien ihr zunächst als großes Abenteuer. "Ich war ja erst 17." Später war sie mittellos, sodass sie als Untermieterin in Mülheim an der Ruhr lebte. "Mülheim an der Ruhr", wiederholt die Dame mit dem schlohweißen Haar.

Im Grunde könne sie ja froh sein, dass sie die zehn Schlösser nicht geerbt habe, sagt sie. Zehn Schlösser würden heute selbst die reichste Sippe ruinieren. Auch Ehreshoven verschlingt jedes Jahr große Summen. Jörg Deselaers kann ein Lied davon singen.

"Dachten Sie, wir essen hier vom Blech?"

Er kann sich noch gut an einen Sonntagabend erinnern, als eines seiner "Mädels" ihren Badeanzug auswaschen wollte, dann aber vom "Tatort" dermaßen gefesselt war, dass sie den Wasserhahn nicht mehr zudrehte. An jenem Abend erhielt die Bezeichnung "Wasserschloss" eine neue Bedeutung. Mit der Ausbesserung der Schäden war Deselaers viele Monate beschäftigt.

Es ist halb eins. Zeit, den Lunch einzunehmen. Kurioserweiser grüßen die Damen mit "Guten Morgen", man scheint sich hier mit dem Aufstehen nicht unbedingt zu beeilen. Vielleicht liegt es daran, dass das Haus kein Frühstück anbietet. Beinahe schweigend wird der Hauptgang vertilgt. Ist das Besteck echtes Tafelsilber? "Natürlich, dachten Sie, wir essen hier vom Blech?"

Nach dem Dessert bittet Adelheid von der Schulenburg, die Äbtissin des Damenstifts, in einem angrenzenden Salon zum Mokka. "Möchte jemand einen Schnapps?" - "Ja!" Das war Ruth Baronin Geyr von Schweppenburg, 97. Auch andere greifen zu. Flaumige Röte auf Altjungfernwangen.

Das hohe Alter der Damen nimmt Deselaers als Beleg dafür, dass sie sich bei ihm wohlfühlen. Was nicht bedeutet, dass es nicht auch einsame Stunden gibt. In ihrem hoch gelegenen Zimmer fühlt sich Prinzessin Schönaich ein wenig wie Rapunzel. Sie hat kein Auto und kommt deshalb schlecht weg. Sie könnte ein Taxi in den Ort nehmen, nach Engelskirchen, aber das Geld spart sie dann doch lieber für die Enkel. Leider sind die weit weg. Der Sohn arbeitet in Warschau.

So verbringt die Prinzessin notgedrungen viele Stunden damit, an einem kleinen Tisch Patiencen zu legen. Aber noch immer haben ihr Titel und ihr Name einen Zauber. "Ich habe letzte Woche einen zehnseitigen handgeschriebenen Brief von einem jungen Mann bekommen, der von mir adoptiert werden will", erzählt sie. Es klingt mehr empört als geschmeichelt. Aus der Adoption wird nichts werden. Die Prinzessin hat fast alles verloren, aber nicht ihren Stolz.

Christoph Driessen/dpa/vet
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