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Management Wer erfolgreich sein will, muss fies sein

Sie sind egoistisch, verlogen und rücksichtslos - erfolgreiche Manager und Politiker sind oft das krasse Gegenteil von dem, was Führungsexperten predigen. Stanford-Professor Jeffrey Pfeffer über die Gründe.
Von Bärbel Schwertfeger
Zur Person
Foto: Eric Risberg/ AP

Jeffrey Pfeffer, 70, ist Professor an der Graduate School of Business der Stanford University, wo er seit 1979 lehrt. Er gilt als Querdenker unter den Wirtschaftswissenschaftlern.

SPIEGEL ONLINE: Donald Trump lügt, beleidigt andere und hat es trotzdem ziemlich weit gebracht. Ist er ein guter Leader?

Pfeffer: Das kommt darauf an, wie Sie gute Führung definieren. Trump selbst hält sich für einen hervorragenden Leader. Er ist Präsidentschaftskandidat der Republikaner, obwohl ihm jegliche Erfahrung fehlt. Ob das auch gut für das Land und andere ist, steht auf einem anderen Blatt.

SPIEGEL ONLINE: Es fehlt also an eindeutigen Kriterien.

Pfeffer: Das ist der entscheidende Punkt. Wer ist denn eine gute Führungskraft? Derjenige, der - koste es, was es wolle -, den Profit erhöht? Oder der Manager, der gut mit seinen Mitarbeitern umgeht? Und wie misst man den Erfolg? Welche empirischen Daten gibt es dafür? Das überprüft leider keiner.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Pfeffer: Wir konzentrieren uns lieber auf das, was wünschenswert wäre. Gute Manager sollen bescheiden, aufrichtig und authentisch sein. Diesen Trugschluss verbreitet vor allem die Leadership-Industrie mit ihren Seminaren, Büchern, Trainern, Coaches und natürlich auch die Business-Schools und Personalabteilungen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist daran falsch?

Pfeffer: Natürlich sind das alles wundervolle Qualitäten und es gibt auch keinen Zweifel daran, dass Unternehmen und ihre Mitarbeiter besser dran wären, wenn sich ihre Führungskräfte moralisch einwandfrei verhalten würden. Aber das tun sie eben nicht. Sie tun sogar meist das Gegenteil davon. Ein Grund sind altbekannte psychologische Mechanismen. Wer erfolgreich sein will, darf nicht bescheiden sein, sondern muss möglichst viel Eigenwerbung machen. Und Lügen sind nicht nur allgegenwärtig, sondern auch sehr effektiv. Laut einer Studie meinen 74 Prozent der Unternehmen, dass es richtig ist, Mitarbeiter über ihre wahren Aufstiegschancen zu belügen, weil sie sonst weniger engagiert wären.

SPIEGEL ONLINE: Aber gerade Vertrauen gilt doch heute als wichtig.

Pfeffer: Vertrauen ist wichtig, aber auch sehr gefährlich. Ich erinnere mich an einen ehemaligen Studenten, der ein erfolgreiches Technologie-Unternehmen gegründet hat und dabei von Investoren aus dem Silicon Valley unterstützt wurde. Dann wurde er plötzlich aus seiner eigenen Firma gefeuert. Forciert wurde das ausgerechnet von der Frau, die ihn als Mentorin beim Aufbau der Firma unterstützt hatte. Sie hat einfach ihren Vorteil ausgenutzt. Ihr Verhalten war nicht gegen den Gründer persönlich gerichtet, es war lediglich ihre Arbeitsweise.

SPIEGEL ONLINE: Also muss ich fies sein, um erfolgreich zu sein?

Pfeffer: Natürlich. Aber die eigentliche Dramatik liegt darin, dass viele sehr talentierte und kompetente Mitarbeiter ihre Karriere ruinieren oder sogar ihren Job verlieren, weil sie nicht wissen, wie diese Mechanismen funktionieren. Wenn ich zum Mars fliegen will, muss ich Physik verstehen. Wenn ich Führung verstehen will, muss ich wissen, wie menschliches Verhalten funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Pfeffer: Manager präsentieren sich häufig selbst völlig anders, als sie wirklich sind. Sie schaffen sich ihre eigene Realität und glauben daran. Diese Selbsttäuschung hat wiederum einen enorm positiven Effekt: Wer sich selbst täuschen kann, kann auch andere besser täuschen. Oder das Konzept der moralischen Lizensierung: Wenn Menschen sich einmal ethisch oder moralisch verhalten haben, haben sie danach das Gefühl, eine Gemeinheit frei zu haben. All das ist vielfach empirisch belegt.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann ich als Mitarbeiter damit umgehen?

Pfeffer: Zunächst einmal müssen Sie vorsichtig bei der Wahl ihres Arbeitgebers sein und dürfen nicht all die wunderbaren Geschichten glauben. Sie müssen sich die Fakten anschauen und das Unternehmen und ihren künftigen Chef kritisch analysieren. Wie hat er bisher in Krisen reagiert? Was sagen ehemalige Mitarbeiter?

SPIEGEL ONLINE: Warum macht das kaum einer?

Pfeffer: Menschen sind der irrigen Überzeugung, wenn sie sich engagieren und hart arbeiten, wird ihr Chef das auch belohnen. Aber sie müssen sich viel stärker um sich selbst kümmern - wie die Führungskräfte es ja auch machen.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit ist viel von New Work und der neuen Macht der Mitarbeiter die Rede. Ein Hoffnungsschimmer?

Pfeffer: Ich sehe nicht, dass sich irgendetwas ändern wird. Macht funktioniert immer gleich. Menschliche Psychologie funktioniert über alle Kulturen hinweg, weil wir nun mal so veranlagt sind, uns in einer bestimmten Weise zu verhalten.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt aussichtslos.

Pfeffer: Eigentlich nicht. Wir müssten nur endlich die Wahrheit akzeptieren und auf die Fakten schauen, so wie man es in der Medizin macht. Dort analysiert man akribisch die Daten: Wie viele Erkrankte werden gesund oder wirkt eine Behandlung nicht? Nur dann kann man die Dinge auch verbessern. Deswegen hat die Medizin auch enorme Fortschritte gemacht. Im Bereich Führung sind wir dagegen seit 70 Jahren genauso schlecht.

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