Managerinnen "Mentoring ist kein Kaffeekränzchen"

Wo stehe ich im Unternehmen wirklich, welche Perspektiven gibt es? Da hilft das Gespräch mit erfahrenen Mentoren. Angelika Wagner leitet ein Expertinnen-Netzwerk an der Uni Hamburg. Im Interview erklärt sie, warum ehrliches Feedback wichtig und Muttis Rat nicht immer der beste ist.

Managerinnen: Frauen können von professionellem Mentoring besonders stark profitieren
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Managerinnen: Frauen können von professionellem Mentoring besonders stark profitieren


Frage: Frau Professor Wagner, Karrierebücher gibt es tonnenweise, und bei schweren Entscheidungen sucht man doch eher Rat bei engen Freunden oder der Familie als bei einem Fremden. Wieso also soll Mentoring ein Schlüssel zur gelungenen Karriere sein?

Wagner: Beim Mentoring geht es ja nicht darum, irgendjemanden zum Kaffeetrinken zu haben. Mentoren sind erfahrene Experten in einem bestimmten beruflichen Bereich. Sie haben - im Gegensatz zu Berufsanfängern - sehr viele komplexe Muster gespeichert über Strukturen und Prozesse, sie wissen, wie Leute taktieren, sie erkennen wiederkehrende Strategien, typische Karrierewege.

Frage: Und was bringt das dem Mentee?

Wagner: Erstens müssen die Mentees sich und ihre Situation nicht lange erklären - die Mentoren und Mentorinnen sind ja vom Fach, und der Prozess kann gleich und auf einem hohen Niveau beginnen. Zweitens können Mentoren aufgrund ihrer Erfahrung Mentees rasch einschätzen und deren wesentliche Stärken und Schwächen sehr schnell herausarbeiten. Sie haben in ihrem Leben schon so viel erlebt, dass ihnen kritische Punkte schneller auffallen und sie oft ebenso schnell Lösungen parat haben. Zudem kennen sie als Führungskräfte beide Perspektiven, von oben wie unten. Und drittens: Da die Mentoren, wie wir sie vermitteln, externe sind, also in keinerlei hierarchischem oder betrieblichem Verhältnis zum Mentee stehen, können sie alles offen ansprechen.

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Bekannte Karriere-Duos: Mentoren und ihre Schützlinge
Frage: Sie meinen, manche Schwächen sehen andere auch, sagen es einem aber nicht.

Wagner: Kann sein. Die Aufgabe eines Mentors ist es, aufzuzeigen, wo der andere steht, ihm ehrliches Feedback zu geben und gleichzeitig den Rücken zu stärken. Zum Beispiel ihm zu sagen, dass er ohne besseres Englisch nicht weiterkommt oder er dringend an seinen Tischmanieren arbeiten sollte. Den Englisch- oder Kniggekurs gibt dann jedoch ein Experte. Und da sind wir wieder bei der Eingangsfrage, was Freunde und Familie angeht: Das wäre denen wohl nicht aufgefallen, und wenn, hätte es der Betroffene vielleicht nicht ernst genommen.

Frage: Wann ist der Punkt gekommen, sich einen Mentor zu suchen?

Wagner: Das kann nie früh genug sein. Wir betreuen im Expertinnen-Beratungsnetz in dem Projekt UNICA mit Unterstützung von sechs renommierten Hamburger Unternehmen wie Unilever oder Otto gerade Hochschulabsolventinnen und Doktorandinnen beim Berufseinstieg. Hier beginnt Mentoring quasi vor der eigentlichen Berufskarriere. Denn ist es nicht so, dass schon bei Bewerbungen viele Unsicherheiten auftreten, bei denen man sich denkt: Da müsste ich jetzt mal den Fachmann fragen? Oft halten solche vermeintlich einfachen Fragen die Betroffenen ewig auf, sie drehen sich im Kreis, weil ihnen einfach Informationen fehlen. Oder jemand, der ihre Bedenken mit fachlichen Argumenten widerlegt.

Frage: Was ist der größte Fehler, den man als Mentee machen kann?

Wagner: Eine passive Konsumhaltung zu entwickeln. Sich zurückzulehnen und zu denken: So, jetzt präsentier' du mir mal Lösungen, und ich such' mir eine aus. Kommt leider auch vor.

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Wir müssen mal reden. Über Männer und Frauen. Im Beruf treffen sie sich täglich. Weltliteratur, Lebens- und Büroerfahrung zeigen: Das kann Probleme geben. Erste Hilfe leistet, sauber nach Geschlecht getrennt, das Kommunikationsquiz -: was Frauen sagen, wie Männer es deuten und umgekehrt. mehr
Frage: Sie selbst beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit Mentoring, gründeten 1989 das Expertinnen-Beratungsnetzwerk an der Universität Hamburg, das erste Mentoringzentrum dieser Art in Deutschland. Wenn Mentoring so toll ist, haben Sie bestimmt auch Studien, die das belegen.

Wagner: Über 80 Prozent der von unseren Expertinnen betreuten Mentees haben sich nach zwei Jahren beruflich verbessert, mehr als 50 Prozent davon sagen, dies ginge auf den Rat der Mentorin zurück. Zudem arbeiten wir ständig an neuen Modellen des Mentoring, zum Beispiel führten wir das Kurzzeitmentoring ein, quasi als Crashkurs bei beruflichen Weichenstellungen oder jetzt das UNICA-Projekt, wo wir bei Studentinnen ansetzen.

Frage: Sie haben sich auf Mentoring von Frauen für Frauen spezialisiert. Sind die besonders betreuungsbedürftig?

Wagner: Sie stehen noch öfter vor Fragestellungen als Männer. Einerseits, wenn es um die Planung von Kindern und Karriere geht, andererseits sind Unternehmens- und Aufstiegskulturen immer noch sehr männlich. Hier kann gerade der Rat einer erfahrenen Frau elementar sein - denken Sie an die vielen Muster, die die Expertinnen abgespeichert haben. Manchmal hilft es dem Mentee auch, einfach zu hören: "Ich hab' das damals auch hingekriegt. Halt' durch."

  • Das Interview führte Helene Endres, Redakteurin beim Harvard Business Manager.

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